@steve @psy4f Ich bin 50, habe keine Kinder (hatte nie genug Hoffnung für die Zukunft der Menschheit, um mich fortzupflanzen) und habe schon als Kind in der Grundschule Mitte der 80er mitbekommen, daß die Zivilisation des Industriezeitalters in ihren Untergang rast. Als meine Familie mich in den frühen 90ern zur Fahrschule schicken wollte, habe ich mich schlicht geweigert und gesagt, was ich immer noch sage: Der Automobilismus ist eine zivilisatorische Sackgasse.
Nun bin ich nicht neurotypisch gestrickt, von daher habe ich nie einen Herdentrieb entwickelt und nie das Bedürfnis gehabt, bei Dingen mitzumachen, bloß weil alle das so machen, oder Dinge zu unterlassen, welche ich tun will, bloß weil keiner mitmachen will und alle mich komisch angucken.
Ich habe mir nie vorgemacht, die Welt retten zu können. Die Welt verreckt letztendlich am Wirtschaftswachstum, was nie irgendwer von meinen Verwandten begreifen wollte; seit 1972 könnten es alle wissen, aber keiner _will_ es wissen, daß kapitalistisches Wirtschaftswachstum ein bösartiger Wirtschaftstumor ist, an dessen Metastasen unsere Welt verreckt. Alle stürzen sich immer nur auf ein Umweltthema nach dem nächsten und behandeln Symptome, tun so, als seien das alles getrennte Probleme, die sich mit Technologie beheben lassen, und nicht unerwünschte Nebenwirkungen des Wachstums. Seit Jahrzehnten haben wir eine Wirtschaft, welche längst zu groß ist für den Planeten, welche früher oder später dramatisch schrumpfen wird und dabei, weil sie rund um Märkte und Finanzsysteme organisiert ist, höchstwahrscheinlich ganz einfach kollabieren wird.
Das Problem ist die menschliche Psychologie: Wir sind nicht in der Lage, die von uns ausgelösten Katastrophen, die sich auf einer Zeitskala von Jahrhunderten bis Jahrzehntausenden abspielen, überhaupt als solche wahrzunehmen, weil wir dafür zu kurzlebig sind. Wir mögen die Katastrophen intellektuell begreifen, aber unsere Emotionen und unser instinktives Verhalten schalten einfach nicht in den Katastrophenmodus, es fühlt sich einfach nicht an wie eine Katastrophe. Das, was passieren müßte für eine angemessene Bewältigung der Katastrophe, wäre eine Dekonstruktion der gesamten Zivilisation und Aufbau einer radikal anderen, so etwas tun menschliche Zivilisationen einfach nicht; niemand ändert die gesamte Art zu denken und zu handeln einfach so, ohne konkreten äußeren Zwang, und wir können keinen kollektiven Zwang in diese Richtung aufbauen, weil die bestehende Zivilisation natürlich zu überleben versucht, auch wenn sie so oder so in den Untergang rennt. Was stattdessen passiert, ist, daß einzelne kleinere Teilkatastrophen in der großen Gesamtkatastrophe sofortige ungeplante Verhaltensänderungen erzwingen, aber solange die Zivilisation davon nicht ins Wanken gerät, versuchen die Menschen jedesmal, JE-DES-MAL, genau die gleiche alte Normalität von vor der akuten Katastrophe wiederaufzubauen, anstatt die Gelegenheit zu nutzen, Dinge mal radikal anders zu machen, dann geht der Kurs weiter in Richtung Eisberg.
Irgendwann geraten die Dinge ins Rutschen, und es wird ganz klar, daß das alte Leben von vorher nicht mehr funktioniert, aber dann sind wir längst im unaufhaltsamen Niedergang, dann geht es nur noch darum, schnell genug irgendwas aus den Trümmern zusammenzubasteln, bevor der nächste Einschlag kommt. Keine Ahnung, ob das Industriezeitalter schon in 50 Jahren Geschichte ist oder erst in 250 Jahren, wahrscheinlich wird es irgendwo dazwischen sein, das hängt von absolut unvorhersagbaren Zufällen ab. Unsere gesamte moderne Art, in dieser Welt zu leben, unsere Art, über die Welt zu denken und darüber, was unsere Position und Rolle darin ist, hat sich seit über 500 Jahren in eine komplett krankhafte Richtung entwickelt, angefangen mit dem Kolonialismus und dem Größenwahn von Planern und Machern, die ganze Welt nach dem Willen und den Vorstellungen einiger sogenannter Genies und Visionäre umbauen zu wollen. Wir benehmen uns, als gehöre die gesamte Erde nur Homo sapiens, planen, als warte das ganze Universum nur darauf, unsere Wünsche zu erfüllen, anstatt anzuerkennen, daß auch superschlaue Affen wie wir immer noch Affen sind und somit Teil der Fauna, daß wir ebenso Teil der Ökosysteme sind, in denen wir leben, wie all die anderen Organismen, und daß wir auch irgendwann sterben, wenn wir die lebendige Welt töten. Die Vorstellung von uns als der Krone der Schöpfung, vom Menschen als Beinahe-Gott, der durch den technischen Fortschritt immer göttlicher wird, bringt uns alle um.