In der Stadtbücherei ist mir #Poppel2025 aufgefallen, weil ich mich für die #Gartenbuch-Literatur der #Demokratie interessiere. Siehe https://chaos.social/@plinubius/112950062236199349. Interessant die aufeinander folgenden Kapitel 6 (Social Media: Gefährlich für die Demokratie?) und Kapitel 7 (Ich will mich engagieren! Aber wie?) 1/x
Plinubius 🇪🇺 (@[email protected])

Attached: 2 images Ich suche Handbuchliteratur für politisches Engagement. Die #Gartenbuch-Literatur der #Demokratie. Im Buchladen: Gemüsebau, Obstbau, Permakultur, Bonsai, Topf- und Zimmerpflanzen. Gärtnern zu jeder Jahreszeit. Im Fokus: Das wirksame Selbst. Aber im Bereich der Politik: Ich und mein Ortsverein? Kommunalpolitik für Anfänger? Mein Thema durchs Parlament bringen? Rechtzeitig die Kofferpacken? Wo sind diese Handbücher, die das Individuum dort zu politischem Wirken anleiten, wo es steht?

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Das Buch behauptet von sich, auf der Spiegel Bestsellerliste zu stehen. Die 1995 geborene Autorin hat laut dem im Juli 2025 erstellten Wikipedia-Eintrag https://de.wikipedia.org/wiki/Nina_Poppel Politikwissenschaften studiert und soll laut ihrem Verlag "ca. 432 000 Follower auf Instagram und ca. 130 000 auf TikTok" haben. Sie beschreibt sich im Vorwort als "Content Creatorin, Journalistin und Moderatorin". Einen Blog oder Fediverse-Handle von ihr habe ich noch nicht gefunden. 2/x
Nina Poppel – Wikipedia

#Poppel2025 weckt große Erwartungen, aber die Kapitel 6 und 7 erscheinen mir erstaunlich blaß. In Kapitel 6 entwickelt sie auf 15 Seiten das Thema kursorisch: Erfindung des Buchdrucks, Wandel des Gatekeepings weg von Redaktionen durch das Internet (137), Occupy, Cambridge Analytica, January 6th, Desinformation vs. Content-Moderation, Polarisierung, Einfluss ausländischer Akteure, die Macht der GAMAM/X/TikTok-Unternehmen. You get the idea 3/x

Dieses Textstück könnte aus einem Referat über die Redaktion einer Zeitung von einer Schülerin der 7. Klasse stammen: "Jeden Tag passieren viele Dinge auf der Welt, aber nicht alles davon kann in den Nachrichten gezeigt werden. Die Redakteurinnen [...] in den Medien wählen aus, was sie für besonders wichtig halten, und präsentieren es dann dem Publikum. [...] Durch das Internet [...] hat sich das Konzept des Gatekeepings stark verändert." (137).

Ach?

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Nachdem bereits das Kapitel 6 reichlich schwach ist, interessiert mich vor allem Kapitel 7: Wie sich engagieren? #Poppel2025 bleibt auch hier maximal an der Oberfläche. Kurz zusammengefasst: Es gibt Parteien und Jugendorganisationen, Lobbyismus, Bürgerinitiativen und NGOs. (159-172). Von Seite 172 bis 179 wird es dann operativ. 5/x

Kostprobe: "Auf der kommunalen Ebene ist alles noch einigermaßen übersichtlich. Wenn du dich hier einbringst, lernst Du, wie der Hase läuft, machst gute und schlechte Erfahrungen, arbeitest dich in Themen ein, die dir am Herzen liegen, bildest dein eigenes Netzwerk und kannst direkt darüber mitentscheiden, was in deinem Ort politische umgesetzt wird." (175)

Really? Wie denn? Wie genau jetzt? *grillenzirpen*

Etwas fassungslos blättere ich weiter. 6/x

Ich kürze mal ab. Was Nina Poppels Buch "Endlich Politik verstehen" ganz sicher nicht leistet, ist, Politik zu verstehen, geschweige denn, in ihr tatsächlich handlungsfähig zu werden. Die Autorin kommt seitenweise nicht über Allgemeinplätze hinaus. Am ärgerlichsten finde ich, wie sehr die Autorin Organisationsformen aufzählt, deren interne Strukturen, Prozesse und darin verfügbar werdende Rollen und von jedermann darin selbstwirksam bewältigbare Aufgaben aber vollkommen im Dunkeln lässt. 7/x

"Eine Möglichkeit, sich auf Bundesebene zu engagieren, ist die Mitgliedschaft in einer politischen Partei. Als Mitglied kannst du dich an der Gestaltung der Parteiprogramme beteiligen, an Parteitagen teilnehmen und sogar in die Parteiführung gewählt werden." (177)

Aha, wie das? Wofür? Wie genau? Man erfährt hier rein gar nichts.

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Was ich an der Abfolge von Kapitel 6-7 besonders arg finde, ist diese vollkommene Abwesenheit einer Überlegung, was Öffentlichkeit ist, was ihre originäre Funktion für die Demokratie ist, wie sie historisch durch ganz unterschiedliche Formen gesellschaftlicher Organisation strukturiert wird (Verbände, politische Vereine, Parteien), wie die "Presse" daraus co-evolutionär hervorgegangen ist und inwiefern das Ende des Arrangements mit der Werbewirtschaft politische Organisation neu definiert 9/x
Das Buch, das da Nina Poppel vorgelegt hat, die mutmaßlich Politik studiert hat und die es möglicherweise auf eine halbe Million Follower bei Instagram bringt (whatever that means), könnte meines Erachtens jedes Kind mit Hilfe von ChatGPT binnen einer Woche zusammenstöpseln. Originelle Gedanken, knackige Beschreibung, umsetzbare Instruktionen: Fehlanzeige. 10/x
Was folgt daraus: Man muss diese beiden Kapitel neu schreiben. Analytischer, dekonstruierend. Man muss genauer beschreiben und vor allem eines: anleiten. Dass die Autorin im Rahmen ihrer "Content Creation" die beiden Kapitelüberschriften formuliert hat ist richtig. Sie gibt einen guten Überblick über die stereotype Struktur des Themenfelds. Nennt alle Hauptworte, die der flüchtig lesende Zensor suchen würde. Weiter aber ist sie inhaltlich nicht gekommen. Diese Arbeit liegt noch vor uns. 11/x
@plinubius
Wenn ich Deinen Inhaltsbeschreibungen glaube (wozu ich neige), und dann diese positiven Bewertungen sehe (s. Z.B. https://www.lovelybooks.de/autor/Nina-Poppel/ oder https://www.thalia.de/shop/home/artikeldetails/A1072651728), lässt mich das noch mehr an meinen Mitmenschen verzweifeln als ich das ohnehin schon tue. Denn offenbar geht dann das Lesen eines solchen Büchleins bereits als politisches Engagement durch.
Alleine schon dass man Politik als „trockenes Thema“ verkauft, das locker und humorvoll vermittelt werden muss … kotz!
Nina Poppel: Lebenslauf, Bücher und Rezensionen bei LovelyBooks

Beliebtestes Buch: Endlich Politik verstehenNina Poppel ist Politikwissenschaftlerin, Journalistin und Moderatorin. Bei Instagram und TikTok erklärt ...

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@ahm42 Ja, womit wir es hier zu tun haben, ist eine Folge der Belohnung der bloßen Geste des Handelns. Es ist die gleiche Kategorie wie Leute, die berufstätig spielen, statt berufstätig zu sein.
Belohnt wird man, wenn man brave Sätze sagt wie "Demokratie ist wichtig". Es erinnert an Bridget Jones, die sich beim Kinderfernsehen bewirbt: "Kinder sind unsere Zukunft". "Ach, haben Sie welche?" "Igitt nein!".
@plinubius Die Leser*innen-Seite: Ich lese ein Buch über "Abnehmen" (oder "Gitarre spielen", "Marathonlaufen", "Gute Beziehung haben", …), das natürlich nicht zu "trocken" und möglichst "humorvoll" sein muss und habe mein jeweiliges Problem "gelöst". Und die Schreiber*innen: Kompetenz/Exzellenz in einem Fach wird durch fleißiges Bloggen und viele Insta-Stories belegt. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis Zahl der Follower, Likes oder Re-Tweets ein Kriterium in Berufungsverfahren ist.
@ahm42 Ja, und zwar überall dort, wo das Mittelmaß die Hoheit über die Entscheidungsgewalt erlangt, wem sie die verfügbaren Ressourcen zueignen. Das ist eine logische Folge von Konfliktvermeidung. Im Verzicht auf Streit überlassen wir alles dem anspruchslosen Brei der braven Konformisten, denen es gelingt, die Illusion der Erfüllung der KPI zu erzeugrn, die sich wiederum andere Konformisten ausgedacht haben.
@plinubius nur weil sie Politik studiert hat, bedeutet das nicht, dass sie nicht trotzdem versucht hat mit ChatGPT abzukürzen statt selbst das Buch zu schreiben.