Ecce #fedilz ein Artikel zum 1:1-Chaos in #bayern weil es gerade unter den Nägeln brennt.
Formatiert wird später. Keine Zeit. Nur Blutdruck

https://herrmess.de/2025/06/06/1-1-0/

1 : 1= 0 - Herr Mess

Auf dem Weg nach Dillingen war noch alles wie immer. Für drei Tage war ich dorthin geladen, um an einer schnuckligen Redaktion teilzunehmen. Die Fahrt von München dorthin dauert knapp 90 Minuten, die ich mir immer hauptsächlich mit Podcasts und Playlists vertreibe. Nur zur vollen Stunde schalte ich ins Radio, wegen der Nachrichten. Weltschmerz Die Welt ist gerade sehr aus den Fugen. Und man ist leider mittlerweile daran gewöhnt. Was aber dieses Mal unter den Berichten von Kriegen, Trump-Beleidigungen und erratischen Zollforderungen etwas heraussticht, ist eine Ankündigung unseres Ministerpräsidenten, der sonst nicht so… öhm… enthusiastisch wie immer klingt. Bayern müsse zukunfts- und konkurrenzfähiger werden, heißt es. Deswegen müsse man investieren. Und sparen. Was das für uns im Detail bedeutet, erfahren wir im Dillingen beim Abendessen. Donnerschlag Die Causa “Digitale Schule der Zukunft”, die wir alle an weiterführenden Schulen seit Monaten bayernweit vorbereiten, wird durch eine kleine, aber fatale Nachricht unvermittelt umgekrempelt. Das Projekt ist eine Riesensache in Bayern, die seit über einem Jahr in Planung ist. Worum geht’s? https://www.br.de/nachrichten/bayern/bayern-steuert-um-schluss-mit-tablets-fuer-fuenftklaessler,UmyRqIIhttps://www.br.de/nachrichten/bayern/bayern-steuert-um-schluss-mit-tablets-fuer-fuenftklaessler,UmyRqII Details Jede weiterführende Schule soll flächendeckend mit Tablets für die Klassen ausgestattet und gefördert werden. In welchen Klassen man beginnt, kann jede Schule für sich selbst entscheiden. Manche starten in Klasse 8, andere in Klasse 7, wieder andere beginnen gleich in Klasse 5. So ist es seit vielen Monaten beschlossen. Und mit diesem Status arbeiten die Schulen in 1:1-Arbeitskreisen in ganz Bayern auf den Start des Projektes seit Monaten hin. Es geht um Infoschreiben an Eltern, an Klassen, ans Kollegium, um Konzeption für Infoabende und Einführungsveranstaltungen in Klassen. Fortbildungen fürs Kollegium, Vorbereitung von Unterrichtsprojekten und -sequenzen in den Anfangsklassen, um die neue Technik gewinnbringend einzusetzen. All das eine festgelegte Startklasse gebunden. All das ohne offizielle Budgetstunden. Dafür mit einer gehörigen Portion Idealismus. Und genau der bekommt heute Abend einen gehörigen Dämpfer. Das Projekt wird offiziell eingeschrumpft. Losgehen soll es nun erst ab Jahrgangsstufe 8. Unterstufen sind vorerst ausgeschlossen. Dort will man vorrangig “klassische Bildung” fördern, bevor es mit der digitalen Welt losgeht. Die Folgen Von dieser weitreichenden Entscheidung kann man individuell nun halten was man will. Was aber ganz und gar nicht geht, ist die Art, wie diese doch nicht unwichtige Veränderung kommuniziert wurde: Von oben herab. Ohne irgendeine Vorankündigung. Keiner wusste davon Bescheid. Lehrerverbände wurden nicht informiert, Schulen ebenso wenig. Und am allerwenigsten die 1:1-Teams, die schon längst in der Vorbereitung des Projektes stecken. Wir wollen in Klasse 7 mit “Digitale Schule der Zukunft”beginnen, haben bereits erste Projekte für die Jahrgangsstufen konzipiert, ausprobiert, entwickelt, teilweise schon fertig gestellt. Allein ich habe in den ganzen Spaß über das Jahr bereits knapp 90 Zeitstunden in die Steuergruppe und Einzelprojekte investiert. Rechnen wir das auf die geschätzt 1400 weiterführenden Schulen hoch, die bislang in irgendeiner Phase dieses Projektes stecken, mit durchschnittlich 5-10 Lehrkräften in Steuergruppen und tausenden davon abhängige Kollegien, ist das ein Abend von maximaler Irritation für Tausende von Leuten. Aus dem Nichts. Auch ich mache mir meinem Ärger erstmal Luft. Mit einem Glas Wein, mehreren Stunden Gesprächen mit betroffenen Lehrkräften im Akademiekeller in Dillingen. Und ich merke im Austausch, dass der Ärger von Schulart zu Schulart noch viel größer ist als bei mir. Für unser Gymi speziell ist die Kehrtwende ein verlorenes Jahr. Für eine Mittelschule hingegen eine verlorene Chance. In einer Schulart, in der es nur neun Jahrgangsstufen gibt, ist der nun festgesetzte Start in Klasse 8 ein Witz. De facto haben die Lehrkräfte gerade mal ein Jahr, um mit den Klassen flächendeckend mit Geräten zu arbeiten, dann dreht sich alles um die Abschlussprüfungen. Hier hatte man sich großflächig auf einen Start in Klasse 5 eingerichtet und schon entsprechend vorgearbeitet. Alles für die Katz. Der gleichmacherische Sensenschnitt, mit dem über sämtliche Schularten rasiert wurde, trifft dort ganz besonders hart. Wir alle schlafen heute Nacht sehr schlecht. Mit vielen Hintergedanken im Kopf, die eigentlich nicht sein müssten. So viel Negativität aufgrund einer gefühlt völlig kopflosen Entscheidung. Auch das Kultusministerium wirkt von der abrupten Abkehr etwas verwirrt. Es dauert zwei Tage, bis offizielle Dokumente und Weisungen für die Schulen folgen. Sowohl per KMS als auch per KMBek werden die Aussagen von Dr. Söder spezifiziert… teilweise relativiert. Man kann auch mit Klasse 7 anfangen, wenn man möchte. Klasse 5 und 6 bekommen Übergangslösungen. Man bemüht sich spürbar um Haltung. Aber man merkt die heiße Nadel, mit der diese Zeilen gestrickt wurden. Sie sollen das laute Medienecho abfangen, das in den nächsten Tagen folgt. und jetzt? Eltern sind verwirrt, Schulen sind verwirrt. Lehrerverbände uneins. Über die Gründe dieser Entscheidung kann man nach wie vor nur spekulieren. Liegt es am Geld? Liegt es an einer Lobby? Aber uns einfach so den Stecker ziehen. Das geht einfach nicht. Hast du eine Meinung dazu? Dann hinterlasse einen Kommentar oder eine Wertung. 0

Herr Mess

@herr_mess Herrje. Uns in #nds geht es nicht anders. Gestern hat Herr Lies "Tablets für alle ab der 7. Klasse ab 2026" als Motto ausgegeben. Immerhin unter Finanzierungsvorbehalt. Wir wussten davon vorher nichts und erfahren das aus der Presse - wo sich das Thema gerade beruhigt hat und die Tendenz in der Fläche zu einer späteren Einführung hingeht.

@schb schrieb heute in einen für ihn sehr untypischen Post Ähnliches:

Es entkoppelt sich. In eurem Fall ja sogar das Parlament vom Ministerium.

@herr_mess @schb Wenn die Länder im Hintergrund jetzt nicht doch den Bund im Hinblick auf Endgeräteförderung weichgekocht haben - das zeitnahe Handeln ist meist kein Zufall.
@mpblkclp @schb Ist echt immer das gleiche. Sowas immer erst aus der Presse zu erfahren ist so daneben
@herr_mess @mpblkclp @schb Schulschließungen bei Corona. Die Eltern haben es im Radio um 7 Uhr gehört und uns mit Fragen bombardiert, die wir bis kurz nach 11 Uhr nicht beantworten konnten.
@herr_mess Dieser Vorgang zeigt auf eindrückliche Art, wie in unserem System mit den Mitarbeitenden umgegangen wird. Es nervt umso mehr, da das System Schule sowieso auf dem Enthusiasmus und Einsatz Einzelner beruht, da das System darauf angewiesen ist, dass man mehr arbeitet - ohne Anreize, nur aus Überzeugung. Und wenn diese Mehrarbeit nun auch noch mit einem Federstrich zunichte gemacht wird, dann sollte man sich nicht wundern, dass wir Lehrkräfte wenig Lust verspüren, uns noch einzusetzen.
@herr_mess Und dann sollen wir Schüler:innen davon überzeugen, dass sie doch bitte ein Lehramtsstudium beginnen, weil das so ein toller, verantwortungsvoller, wichtiger und wertgeschätzter Beruf ist. Merkste selbst, KM und Söder, oder?
@Hystoriker @herr_mess Genau das. Ich sage immer: Niemand entscheidet sich für oder gegen Lehramt, weil es 26 oder 27 Stunden sind. Was das heißt, versteht man am dem Punkt nur, wenn die Eltern zufällig Lehrkräfte sind.
Aber man sieht als junger genau, wie mit der Berufsgruppe von Dienstherrn umgegangen wird.
#FediLZ
@Hystoriker @herr_mess Es ist ja ein toller, verantwortungsvoller, wichtiger Beruf 😊. Ich finde das Vorgehen auch unsäglich, aber ich bin mir sicher, dass man mit solchen Entscheidungen von oben (und noch viel schlimmeren) in jedem Beruf rechnen muss. Bei Physikern z.B. wird schnell mal deine Abteilung geschlossen oder dein Arbeitsplatz geht nach Thailand …
@mojoweiss @herr_mess Ich stimme Dir zu, in anderen Berufen sieht es möglicherweise genauso schlecht aus, was die plötzlich geänderte Strategieausrichtung angeht. An der Schule ist das System aber von vornherein auf Kante genäht. Wenn nicht ein (mehr oder minder großer) Teil der Lehrkräfte bereit wäre, ohne Freizeitausgleich, Sonderzahlungen o.ä., unbezahlte Extraarbeit zu machen, würden viele Angebote gar nicht stattfinden, zT inkl. des vorgeschriebenen Pflichtunterrichtes!
@mojoweiss @herr_mess Und ich bin mir meiner Privilegierung absolut bewusst. Ich beschwere mich nicht darüber, ich mache selbst viel mehr, als auf meinem Gehaltszettel steht, aber ich finde es bezeichnend, dass der Dienstherr dann auch noch so arrogant davon ausgeht, dass alle für diese erratische Schwerpunktsetzung Verständnis zeigen.
@Hystoriker @mojoweiss @herr_mess Zum Gehaltszettel möchte ich anmerken, dass mein Mann in der Industrie mit mittlerer Reife und Ausbildung mehr verdient und damit biografisch 10 Jahre vor mir angefangen hat.
@herr_mess vielen Dank für deinen Artikel und ganz besonders auch für den Blick auf andere Schularten.
Es ist maximal ärgerlich. 😠
@herrkoelbl danke dir. Es lag maximal Frust in der Luft
@herr_mess @herrkoelbl Mehr als verständlich. Es ist zu befürchten, dass dies negative Auswirkungen auf viele Projekte hat, nach dem Motto: Schauen wir erst mal, ob es wirklich kommt, bevor wir wieder viel Arbeit und vor allem Herzblut reinstecken.