Die Wanderung zwischen den Jahren gehört seit einiger Zeit zum wiederkehrenden Repertoire von #Draußen. Und so machte ich mich am 27.12.24 einmal mehr auf, um der kurzen Zeit des Tageslichts in den schläfrigen Tagen des Jahresendes soviel Landschaft wie möglich abzuringen. Einfach wieder aus der Haustür hinaus, Ziel Limas/Königshainer Berge und der Bahnhalt in Gersdorf.
Die Buden des Weihnachtsmarktes sind für ein Jahr wieder aus dem #neißedoma verschwunden. Aber die Weihnacht hängt trotzdem noch über diesem stillen und klaren Morgen in #Görlitz.
Ein mir sehr lieber Weg aus der Altstadt heraus in die Felder führt durch das Finstertor aus der Nikolaivorstadt nach Norden hinaus. Das letzte erhaltene mittelalterliche Stadttor von Görlitz.
Überm Zuhause zieht der Tag herauf.
Oben ist gleich der Acker. 15 Minuten Fußweg vom Markt. So etwas haben in Deutschland nur noch sehr wenige Städte zu bieten.
Ich bin unglaublich gern hier oben, des Blickes und der freien Luft wegen. Stadt, Berge, Mond. Der Tag ist nun da.
Das erste Fenster von #Görlitz wenn man aus Norden kommt, geht zur Stadt der Toten hinein. Oder sie schauen von ihm zu einem heraus.
Na dann, machen wir uns an den alten Feldhöfen vorbei auf nach Norden.
Königshufen schläft noch. Aber die Glocken der hierher translozierten Kirche des für den Tagebau abgerissenen Deutsch Ossig tönen über die Flur zu mir herüber.
Der Weg führt durch Aue und altes Ziegelleigelände nach Klingewalde. Der ganze Görlitzer Norden ist gespickt mit den Erinnerungen an versunkenen Bergbau. Tongruben und Steinbrüche dunkeln in Erlendickichten herum.
In Klingewalde wartet das Geschenkpapier auf die Müllabfuhr.
1813 war dann Schluss mit Napoleon. Als alles vorbei war, sammelten die Bauern die zurückgebliebenen Kugeln auf ihren Äckern ein. Einige schmückten ihre Häuser damit. Und zwei Jahre später sprach sich in Klingewalde dann herum, dass man nun preußisch sei. #Oberlausitz
Die Welt des Stadtbusses endet hier. Ich schlage mich hinaus in die frostbereiften Wiesen. Ein Hund ruft mir noch minutenlang laut hinterher, wo ich lang muss.
Wo ich lang muss. #Draußen
Mein Schatten geht über die #Sudetenwege. Ich schaue ihm ein bisschen zu.
Das Licht am Ende des Jahres.
Nicht einmal der Lärm der Autobahn, unter der ich eben durch bin, kann das alles wirklich entstellen.
Nördlich von Görlitz hinter der Schiene nach Berlin wohnen in den Hügeln die Zyklopen.
Im Steinbruchdickicht bei Ludwigsdorf.
Ein #Sudetenweg führt hier entlang zum stillgelegten Bahnhalt "Charlottenhof" an der Berliner Bahn.
Der zarte Baumstreifen dort drüben überm Acker ist ein kleines Kapitel der #Bahnzeit der #Oberlausitz. Ihr seid ja auch hier, um ein bisschen was zu lernen, also: https://de.wikipedia.org/wiki/Strategische_Bahn_Charlottenhof%E2%80%93Las%C3%B3w
Strategische Bahn Charlottenhof–Lasów – Wikipedia

Wie gesagt, schon länger kein Halt mehr in Charlottenhof. Aber vorm verrammelten preußischen Stationshaus liegt auf ein paar Metern mal das zweite Gleis.
Westwärts bringen mich kleine Straßen sehr stimmungsvoll dem Limas entgegen. Und dem Lärm von Bundesstraße und Autobahn, den unser Zeitalter davor gelegt hat.
Im Norden vor dem Strich der Heide dampfen die Schornsteine der Sägewerke und Ziegelleien von Kodersdorf. Teil des neuen Logistik- und Industriestreifens, der sich die A4 entlang bis weit nach Polen hinein zieht.
Die Poesie des Straßendarunters.
Wo der Feldweg hinter der Bundesstraße hinab zum Tal des Weißen Schöps führt, stiert AfD-Wippel übern Gartenzaun. Gegenüber stinkt eine Schweinmast. Das passt.
Vor dem Limas liegt das Tal des Weißen Schöps/Běły Šepc. Und wo er sich kurz vor dem Erreichen von Wiese, Teich und Heide noch eine kleine Skala durch Stein und Hügel gegraben hat, liegt ganz am Anfang sehr malerisch Kunnersdorf.
Hübsch ist es in #Kunnersdorf.
Witaj, luby Šepc!
Der Mittag ist nun nahe und die Sonne leckt den Frost von den Bachwiesen, wo sie ihn erreichen kann.
Ach, nie werde ich müde, das Lob der verwunschenen Skalentäler der Bäche und Flüßlein der #Oberlausitz zu singen!
Auch am Skalenende liegt ein Dorf. Nämlich Torga.
Diese Gegend hier hinten im preußischen Winkel am Limas war recht beliebt für repräsentativen Ruhestand. Jenseits steht das Schlösschen von Rohn. Dieseits läßt sich 1900 ein österreichischer Offizier seine Villa an den Schöps bei Torga bauen. 17 Jahre später wird es ihre Welt nicht mehr geben. Aber das wussten sie jetzt noch nicht. #Oberlausitz
Der Offiziersausblick auf die sanfte Welle des Limas war ein ansprechender. Ich mache Mittag und knabbere ein Obst.
Machs gut, Torga!
Ein letzter Blick zu Schloss und Schöps zurück.
Und dann schluckt mich das kleine Limas-Bergland mit seinem vom #Klimawandel zerrupften Winterwald.
Die Königshainer Berge/Limas sind ein kleines Miniaturbergland aus Granit. Es gab hier einmal über hundert Felsentürme. Nur ein knappes Dutzend hat dann den Granitabbau im 19. und 20. Jahrhundert überstanden. Heute wächst über alles der Wald (wenn ihn der Borkenkäfer nicht gerade platt macht). Eine verwunschene, ein bisschen traurige Landschaft, in der der Wildschweintroll lebt (wie unser Sohn es von uns erfahren hat). Da hinten hinterm abgesoffenen Granitbruch ist der Totenstein. #Oberlausitz
Spätslawisch. Also ich. Witaj Limas, sym doma!
Oben finden die Menschen zum Schamanismus zurück.
Kleine Pfade, die man kennen muss, führen hinauf zum Rest des Firstenstein, der mit einer sagenhaften Aussicht auf die #Sudeten gesegnet ist.
Die sagenhafte Aussicht auf die #Sudeten. Hallo Landeskrone/Sedło, hallo Görlitz, hallo Schneekoppe!
Drüben ist der Hochstein mit den Kindheitsbergen dahinter.
Wir haben in der #Oberlausitz drei Hochsteine. Einen im Westen, wo die A4 das Westlausitzer Bergland brüllend überklettert. Einen in der Mitte als östlichen Eckpfeiler des Czorneboh-Bergzuges überm Kindheitsdorf. Und einen noch weiter östlich im Limas.
Und nur der hiesige Hochstein trägt eine Bergbaude. Sehr stimmungsvoll mit schönem Biergarten zwischen den Felsen. DDR-Erinnerungen. Und keinem freien Tisch ohne Bestellung so kurz nach Weihnachten. Also mitgebrachte Schnitte, draußen.
Weitere Attraktionen sind der, gern windumtoste und von Menschen mit Höhenangst gefürchtete, Aussichtsturm und eine sehr gut gepflegte DDR-Spielplatzmöblierung in Originallackierung!
Noch zwei Stunden bis dunkel und zweienhalb bis Zug in Gersdorf. Schnell weiter südwärts!
Hier liegt in der Gebirgsmitte malerisch Königshain und schaut zum Iser- und Riesengebirge hinüber. #Oberlausitz #Sudeten
In der #Bahnzeit kletterte hier über die tiefste Passstelle des Limas die Kreisbahn. Gäbe es sie heute noch, könnte ich vom #neißedoma über Weißenberg/Wóspork ins Vorfahrendorf Radibor/Radwor fahren! Ich bedauere so sehr, dass ich das lebenszeitlich verpasst habe.
Aber die Chancen stehen gut, dass ich immerhin das Ende der #Kohlezeit in der #Lausitz miterleben werde. Nachdem wir in ihren Turbinen ein Drittel unserer Landschaft verbrannt haben. Noch dampfen die drei großen, verbliebenen Feuer.
Der südliche Teil des Limas heißt "Kämpferberge". Der Granit war hier nicht abbauwürdig und Wanderwege sind spärlich. Bauernwald, dem die Fichten abhanden gekommen sind. Brombeerranken. Oben zwischen den Stämmen der Blick nach Böhmen. Die Leute sollten mehr in diesen versehrten Waldlandschaften gehen, damit sie verstehen, was uns in der #Klimakrise noch alles verloren gehen wird.
Görlitz und die Landeskrone haben mich dann zweimal wie ein Magnet von meiner Wegstrecke nach Gersdorf östlich weggezogen und ich kam an ungeplanten Stellen aus dem zerzausten Holz.
Und so ging ich zum Schluss über die Agrarsteppe oberhalb von Markersdorf hinab zu den Bushaltestellen an der dort verlaufenden B6.
Wegkreuzungen, um unselige Pakte einzugehen.