[Im Juli 2022 bin ich zu einer Wanderung in den Hügeln bei #Zittau aufgebrochen. Am 12.7.22 erschien sie ursprünglich bei Twitter, nun wohnt sie hier. Wjele wjesela! #Draußen]
Der Juli 2022 hatte in der #Oberlausitz die Hitze kurz für ein Wochenende ausgestellt, ein bisschen Regen auch, dass das Grün noch einmal kurz auf die angetrockneten Auen zurückkehrte. Zeit, einmal wieder zu einer Wanderung aufzubrechen. Die Idee für die Tour hatte ich schon länger mit mir herumgetragen: Von Hirschfelde an der Neiße über einen kleinen Bergzug, den ich noch nie begangen hatte hinüber nach Hainewalde. Vielleicht die erste Etappe für eine Umrundung von Zittau, man wird sehen.
Hier oben ist unsere kleine Landschaft oftmals ein sudetisches Postkartenidyll (wenn man es vermeidet, auf die politische Landkarte zu schauen). Das wird interessant, mit dem Idyll in seiner herkömmlichen Form tue ich mich ja etwas schwer. Daher ist der Beginn mit #Hirschfelde auch durchaus als Kontrapunkt zu verstehen.
Es gibt entlang der Lausitzer Neiße ein paar recht deprimierende Orte. Forst/Baršć. Guben/Gubin. Verlorene Städtchen, denen das 20. Jhd. unterm Strich nicht so richtig gut getan hat und wo man sich schon fragen kann, ob das Industriezeitalter nicht eigentlich ein Glücksspielautomat war, bei dem die meisten notorisch ausgenommen wurden.
Hirschfelde nun muss leider in diese Reihe mit aufgenommen werden. Ein Städtchen, das seit drei Jahrzehnten mehr oder weniger fertig auf der Seite liegt. Es gibt wenige Flecken hier, die bei mir mehr Mitleid erzeugen. 1992 schloss das Braunkohlekraftwerk von Hirschfelde für immer seine Tore. 1911 war es hier mit der Stromproduktion losgegangen, nun war Ende. Bis 2017 hielten ein paar ehemalige Kumpel in ihrem zum Museum gewordenen Betrieb die Erinnerung aufrecht. Nun ist auch das vorbei.
Gehen wir mal übers Gleis der Bahn von Görlitz her durch die Weberhausgässchen zum nahen Markt des Fleckchens, dessen Stadtwerdungspläne in all den Jahrhunderten nie so richtig fruchteten.
Da ist er auch schon, der Markt.
Gleich hinter Hirschfelde fließt die Neiße. Und gleich dahinter steht das Braunkohlewerk Turów, das mitsamt seiner gigantischen in das Vorgebirge hineingebrochenen Grube 8% des polnischen Strombedarfs deckt. Es schaut hier überall in die Fenster und Gärten hinein und hinunter.
Wenn sonst kaum noch etwas da ist, hat man in der #Oberlausitz immer noch seine Geschichte. Ich kenne diese Wandzeitungsausstellungen in toten Ladenlokalen auch aus Görlitz.
Die Kohle, dies- und jenseits der Friedensgrenze.
Woran man untrüglich merkt, dass etwas nicht stimmt: Wenn das letzte verbliebene Geschäft am Markt die Apotheke ist.
Spuren am Markt von Hirschfelde.
Nur weil shrinking cities als Begriff durch ist, heißt das nicht, dass auch die Sache durch ist. #Hirschfelde
Ob mal wieder wer ein Tier zum Verkauf aus den Dörfern oben auf dem Hochland herunter bringt und hier anbindet?
Die große Kirche, die mal eine Stadtkirche werden wollte, steht da und hofft auf Sonntag. Wie jede Woche.
Ich bin dann am Sonnabendmorgen-Bäckerladen vorbei, wo eine Traube Menschen im Brotduft stand, den Weg hinauf auf die Hänge überm Ort gegangen, wo sie mir aus der Ex-Bergarbeitersiedlung mit Beuteln für die Semmeln entgegen kamen.
Ob hier oben in der prallen Sonne und im Wind noch Leute mit Bergbau-Renten wohnen? Oder doch ihre Kinder und Enkel, für die es dafür nicht mehr gereicht hat?
Voraus liegt Dittelsdorf.
Sofort schlägt das Idyll über einem zusammen.
Die Manufakturlinien der #Oberlausitz, deren jahrhundertetiefes Gewebe hier alles durchzieht.
Jeder gestaltet wie er kann in Dittelsdorf. Hinten wird das ganze große Stalldach 1917 beschriftet. Und vorn organisiert Papa in den 1980ern beim Ringtausch drei Farbgläser für die Fassade.
Nichts darf ungestaltet bleiben. #Oberlausitz
Und unmarkiert.
Oben überm Dorf und seinen Feldern dann vor der Bergwand der Sudeten Kraftwerk und Tagebau Turów in all ihrer Dominanz.
Keine Ahnung ob es in Europa noch einmal ein derart schön gelegenes Kohlekraftwerk gibt. Ich selbst kenne keins. Aber mir graut jetzt schon vor dem Eisenocker, das die #Neiße aus diesem Loch künftig mit flussabwärts schwemmen wird. Es wird zuviel für das Flüsschen sein.
Ich wende mich ab.
Oben Acker und die Granithuckel der #Oberlausitz. Früh abgeerntet in diesem trocknen Jahr.
Am Buchberg hatten sie etwas Bauernwald stehen lassen, aber der Borkenkäfer war zu Besuch und nun muss man erst einmal sehen, was wird.
Auch sonst geht in diesem kleinen Bergzug nicht allzu oft jemand, Wanderzeichen gelber Strich auf weißem Grund hin oder her.
Aber inmitten des Waldes gibt es eine Wegkreuzung mit ein paar markanten Basaltsäulen.
Daneben ein drolliges Wanderhüttchen.
Und im Gästebuch des Wanderhüttchens die Zeitgeschichte. #Europa #Oberlausitz #Ukraine

"... den Ahorn-Eschenwäldern der Schatthänge und Schluchten ..."

So etwas Schönes habe ich schon lange nicht mehr gelesen. #Gebrauchslyrik

Da möchte Schönbrunn selbst nicht hintenanstehn. Hallo, Idyll. #Oberlausitz
Gleich beim Passweg am Großen Berg könntet ihr euch noch entfalten, wenn er mit dem Hollunder eine Einigung erzielt.
Hier unter diesem Wegkreuzungs-Baum könntet ihr dann euer Abendbierchen trinken.
Es besteht die Möglichkeit, dass auf diesem Hügelweg beim Großen Berg in der #Oberlausitz kurz nach 10 am Sonnabend ein einsam da Dahingehender kurz im Glück seines schieren Daseins ein bisschen aufgejuchzt hat. Aber man weiß aufgrund fehlender anderer nichts genaues.
Die Bauerngüter von Großhennersdorf kommen in Sicht. Dahinter füllt der Kottmar den Horizont aus, was er hier in der Gegend recht ausgiebig um nicht zu sagen penetrant tut. Bei soviel Attitüde könnte man von der dort entspringenden Spree eigentlich erwarten, dass sie bei Spandau die Havel kassiert. Pff.
Auch in Großhennersdorf darf nichts ungestaltet bleiben.
Die Borkenkäfer haben auch den Granitbuckel des Sonnenhübel im Königsholz besucht. Seither blickt man hier zum Sudetenkamm des Lausitzer Gebirges hinüber.
Meint ihr, diesen sanften Feldfluren in der Talwanne von Oderwitz fehlt etwas? Nein, denke ich auch. Sie werden hier trotzdem in einigen Jahren die Umgehungsstraße nach Zittau mitten durch schneiden. Dieses Land ist leider so.
Ein paar Kilometer weiter kann man sie vor dem Königsholz schon warten sehen.
Ich wende mich ab. Hallo Spitzberg von Oderwitz, oben auf dir mache ich gleich Mittag.
Die Umgehungsstraßen kommen. Die Nebenbahnen gehen. Diese hier ging bis 1998 von Oderwitz über Herrnhut/Ochranow hinunter nach Löbau/Lubij. Traurig, traurig. Einmal mehr. #Bahnzeit
Am Waldrand des Spitzbergs geht der Blick noch einmal zurück auf den Bogen des bisherigen Tages.
Mittag auf dem Spitzberg. Zeit wars.
Man neigt ja dazu, bei jedem der vielen wunderbaren Berggipfel-Panoramen der #Oberlausitz die Krone verleihen zu wollen. Aber im südöstlichen Teil ist sie dem Spitzberg mit seinem Basaltdoppel-Felsen oben drauf wohl wirklich zuzusprechen.
Neugersdorf.
Südwärts durch den Mais. Böhmen ist nahe und bis Hainewalde sind es noch drei Stunden.
#Böhmen ist sogar viel näher als ich dachte! Niederleutersdorf, wieder was gelernt. Verflechtungslandschaft #Oberlausitz.
Ich fand es ja besser, als sich die Leute hier noch Wachhunde hielten.
Bei Leutersdorf gibt es gleich noch einen Bergbuckel mit einem Felsen drauf, den Großen Stein. Hatte mir bisher auch noch gefehlt. Also hinauf, liegt eh am Weg.
Auf dem Großen Stein liegt außerdem noch wer, nämlich #Goethe im Seitenprofil. Nein wirklich, das ist den Leuten hier touristisch wichtig.
So wichtig, dass sie den Felsen konturwahrend repariert haben, als ein Blitz dem Geheimrat einmal die Nase weggesprengt hatte.

#SlavaUkrainii!

Nein, ist die Fahne der #Oberlausitz. Wo denkt ihr hin!

@boblinger77
Ist das nicht die Brücke über die Spitzbergstraße?
@boblinger77
Achne, stimmt. Ich war in Gedanken vom Spitzberg runter nach Oderwitz mitgegangen. Da quert man die Bahnlinie Zittau Dresden...
Aber das ist die Auffahrt aufs Viadukt aus Richtung Zittau kommend...