Dass die Strompreise an der Börse am 6.11. und am 12.12. kurzzeitig extrem hoch waren, liegt nicht nur daran, dass es zu diesem Zeitpunkt kaum Wind gab. Entscheidend war, dass gleichzeitig auch zahlreiche konventionelle Kraftwerke keinen Strom produziert haben. Dazu ein längerer Thread: (1/12)
Bei der ersten Preisspitze am 6.11. zwischen 17 und 18 Uhr lieferten die deutschen Braunkohle-, Steinkohle- und Gaskraftwerke insgesamt eine Leistung von 42,7 Gigawatt; bei der zweiten Spitze am 12.12. von 17 bis 18 Uhr waren es 43,9 Gigawatt. (2/12)
Die installierte Leistung aller Kohle- und Gaskraftwerke, die am Strommarkt teilnehmen, beträgt laut Bundesnetzagentur aber 56 Gigawatt. Mehr als 20 Prozent der vorhandenen, angeblich sicheren fossilen Kapazität wurde also trotz hoher Stromnachfrage und damit hohen Preisen nicht genutzt. (3/12)
Dementsprechend stellt die Bundesnetzagentur klar: „Die sichere Stromversorgung war zu keinem Zeitpunkt gefährdet. Deutschland verfügt über ausreichend Erzeugungskapazitäten.“ (4/12)
Das ist auch daran zu sehen, dass kein einziges der Reservekraftwerke, die nicht mehr am Strommarkt teilnehmen, aber für Notfälle in Bereitschaft gehalten werden, zum Einsatz kam. Kurzfristig verfügbar sind auf diese Weise rund 10 Gigawatt (Säule 1 und 3). (5/12)
Bei der Braunkohle gab es an den beiden Terminen mehrere Komplett-Ausfälle: Am 6.11. standen die RWE-Kraftwerke Weisweiler H und Niederaußem H sowie der von der Leag betriebene Block Lippendorf S still; am 12.12. waren es neben Lippendorf S die Leag-Kraftwerke Boxberg R und Q sowie Jänschwalde C. (6/12)
Nach Angaben der Betreiber waren dafür jeweils technische Probleme verantwortlich. RWE betonte, dass „alle technisch verfügbaren Kraftwerke“ eingesetzt worden seien. Spekulationen, dass bewusst Kapazitäten zurückgehalten wurden, „entbehren jeder Grundlage“, teilte der Konzern mit. (7/12)
Hintergrund dieser Aussage dürfte folgender sein: Das Kartellamt hatte kürzlich im jüngsten „Marktmachtbericht“ festgestellt, dass RWE so viele Kraftwerke betreibt, dass diese oft „unverzichtbar“ sind, um die Nachfrage zu decken. Zudem seien diese Zeiträume „systematisch vorhersehbar“. (8/12)
Damit hat der Konzern theoretisch die Möglichkeit, durch das Abschalten einzelner Kraftwerke den Börsenstrompreis nach oben zu treiben. Die Bundesnetzagentur teilte mit, sie prüfe derzeit, ob solches „marktmissbräuchliches Verhalten“ vorliege. Konkrete Hinweise darauf gibt es bisher nicht. (9/12)
Was sonst noch wichtig ist: Auch wenn sie viel Aufmerksamkeit finden, beeinflussen die extremen Preisspitzen den durchschnittlichen Strompreis kaum, weil sie nur sehr kurze Zeiträume betreffen und ihnen zudem Zeiten mit niedrigen oder sogar negativen Strompreisen gegenüberstehen. (10/12)
Tatsächlich sind die durchschnittlichen Börsenstrompreise in Deutschland in diesem Jahr zwar (wegen gestiegener Preise für Gas und CO2-Zertifikate) höher als früher – aber niedriger als in jedem der vergangenen drei Jahre. (11/12)
@mkreutzfeldt mit welcher Berechtigung sind die Strompreise immer noch an die Gaspreise gekoppelt❓🤔

@pop3montag @mkreutzfeldt Soweit ich das verstanden habe, liegt das am #MeritOrder-Prinzip, nach dem der #Strompreis ermittelt wird:

Die teuerste kWh, die nötig ist, um den Strombedarf zu decken, bestimmt den Preis für jede andere nachgefragte kWh. Sobald auch nur ein fossiles Kraftwerk anspringen muss, ist der Strompreis sofort sprunghaft teurer.

Deshalb ist der Strompreis praktisch ans #Gas gekoppelt, solange es nicht genug #ErneuerbareEnergie und #Batteriespeicher zum Abfangen der #Spitzenlast gibt. #Energiewende

Das führt auch zu solchen absurden Situationen, dass #Windräder abgeschaltet werden, um mit den verbliebenen Windrädern zum lukrativeren Strompreis des einen noch produzierenden Gaskraftwerks einzuspeisen. #Gewinnmaximierung

@Blackbird Die "Merit order" ist kein Prinzip der Preisermittelung, sondern ein wirtschaftswissenschaftliches Modell, dass das Marktverhalten beschreibt. Ähnlich wie das Newtonsche Gesetz die Schwerkraft beschreibt. Man kann es nicht abschaffen und es wird nichts danach ermittelt. Es beschreibt einfach einen Mechanismus.

@pop3montag @mkreutzfeldt

@lostgen Halbwissen korrigiert; wandle fortan mit 2/3-Wissen durch die Welt 😁
Danke für den Hinweis! Ich hatte im Kopf, dass Habeck vor ein paar Jahren die Preisbildung ändern wollte, damit die Börse nicht mehr so funzt wie vom Merit-Order-Modell beschrieben, weil damit einige Probleme für die Energiewende einhergehen. Davon blieb bei mir nur hängen, dass MO zuweilen doof ist. Aber dafür kann das Modell selbst nix. 😄
@pop3montag @mkreutzfeldt
@Blackbird
Ja, die Politiker wollen die Merit-Order in schöner Regelmäßigkeit abschaffen. Nicht nur beim Strom. Geklappt hatt es freilich noch nie. 😂
@pop3montag
@lostgen @Blackbird @pop3montag @mkreutzfeldt
Danke, endlich sagt es mal jemand. Kommt in den Berichten immer so rüber, als hätte sich jemand merit order "ausgedacht" und dann gewollt eingeführt. Im Gegenteil, wenn man nichts macht, hat man merit order.