Das Jahr 1990 Heimat und Einheit aus afro-deutscher Perspektive von May Ayim
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Mir scheint, die Mauer zwischen den beiden deutschen Staaten warf ihre steinigen Schatten weit voraus, bevor sie zerfiel, und zwar direkt in die Köpfe derer, die sich mit ihr umgeben, geschmückt und abgefunden hatten - in unsere Ost-Westgehirne.
Menschen aus beiden Teilen Deutschlands trafen aufeinander, wie Zwillinge, die um ihre gemeinsamen Eltern wissen, jedoch von Geburt an getrennt voneinander gelebt hatten.
Die anfängliche Euphorie entpuppte sich als Wiedersehensfreude zweier sich weitgehend Unbekannter, die zu leugnen versuchten, daß sie sich aus der Ferne bisher meist nur angefeindet hatten.
In der gesamten Medienlandschaft war von deutsch-deutschen Brüdern und Schwestern die Rede, von einig und wiedervereinigt, von Solidarität und Mitmenschlichkeit ... Ja, sogar Begriffe wie Heimat, Volk und Vaterland waren plötzlich - wieder - in vieler Munde.
Worte, die in beiden deutschen Staaten seit dem Holocaust zumeist nur mit Vorsicht benutzt wurden oder gar verpönt waren und sich lediglich in rechten Kreisen ungebrochener Beliebtheit erfreut hatten, machten die Runde.
Die Zeiten ändern sich, die Menschen auch.
Vielleicht ändern sich die Fragen der Zeiten nur wenig und die Antworten der Menschen fast gar nicht.
Die anfängliche Begegnungs-Begeisterung zerbröckelte in unvorhergesehener Geschwindigkeit, und die trügerisch wiedergewonnene Einheitlichkeit erstickte alsbald unter dem festen, selbst fabrizierten Mantel freiheitlicher Deutschtümelei.
Zuvor jedoch wurden gesamtdeutsch Fähnchen und Flaggen geschwungen, Deutschland-Blousons, T-Shirts und Sticker zur Schau getragen.
Ich wunderte mich im November 1989, wie rasch und massenhaft verschiedenste Schwarz-Rot-Gold-Fabrikate in die Kaufhäuser und selbst auf die Flohmärkte gelangten, Produkte, die allerorts auf große Nachfrage stießen, war außerstande mir zu erklären, was da in den tieferen Schichten der Köpfe und Gefühle vor sich ging.
Die weißen, christlich-deutsch-kollektiven Schuldkomplexe hatten sich scheinbar über Nacht in Luft aufgelöst und dabei die Gegenwart von der Vergangenheit gerissen.
Wer waren die Käuferinnen, wer die Produzentlnnen der feilgebotenen Freiheit, und für wen und wie viele war Platz in der gepriesenen neuen Heimat?
Wer umarmte sich da in deutsch-deutscher Vereinigung, und wer wurde umarmt, vereinnahmt, verstoßen? Wer zum ersten Mal, wer schon wieder, wer schon immer?
Die Vereinigung führte in wenigen Augenblicken zur Geburt einer neuen Bundesrepublik in einem - was die alte BRD betrifft - nicht sonderlich neuen Gewand.
Die DDR wurde links liegengelassen.
Als die Mauer fiel, freuten sich viele, anderen wurde es schwindelig.
[…]
In den ersten Tagen nach dem 9. November 1989 bemerkte ich, daß kaum Immigrantinnen und Schwarze Deutsche im Stadtbild zu sehen waren, zumindest nur selten solche mit dunkler Hautfarbe.
Ich fragte mich, wie viele Jüdinnen (nicht) auf der Straße waren.
Ein paar Afro-Deutsche, die ich im Jahr zuvor in Ostberlin kennengelemt hatte, liefen mir zufällig über den Weg, und wir freuten uns, nun mehr Begegnungsmöglichkeiten zu haben.
Ich war allein unterwegs, wollte ein bißchen von der allgemeinen Begeisterung einatmen, den historischen Moment spüren und meine zurückhaltende Freude teilen.
Zurückhaltend deshalb, weil ich von den bevorstehenden Verschärfungen in der Gesetzgebung für Immigrantinnen und Zufluchtsuchende gehört hatte.
Ebenso wie andere Schwarze Deutsche und Immigrantinnen wußte ich, daß selbst ein deutscher Paß keine Einladungskarte zu den Ost-West-Feierlichkeiten darstellte.
Wir spürten, daß mit der bevorstehenden innerdeutschen Vereinigung eine zunehmende Abgrenzung nach außen einhergehen würde - ein Außen, das uns einschließen würde.
Unsere Beteiligung am Fest war nicht gefragt.
Das neue »Wir« in - wie es Kanzler Kohl zu formulieren beliebt - »diesem unserem Lande« hatte und hat keinen Platz für alle.
Zum ersten Mal, seit ich in Berlin lebte, mußte ich mich nun beinahe täglich gegen unverblümte Beleidigungen, feindliche Blicke und/oder offen rassistische Diffamierungen zur Wehr setzen.
Ich begann wieder - wie in früheren Zeiten - beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln nach den Gesichtern Schwarzer Menschen Ausschau zu halten.
Eine Freundin hielt in der S-Bahn ihre afro-deutsche Tochter auf dem Schoß, als sie zu hören bekam: »Solche wie euch brauchen wir jetzt nicht mehr, wir sind hier schon selber mehr als genug!«
Ein zehnjähriger afrikanischer Junge wurde aus der vollen U-Bahn auf den Bahnsteig hinausgestoßen, um einem weißen Deutschen Platz zu machen...
Das waren Vorfälle in Westberlin im November 1989, und seit 1990 mehrten sich dann Berichte von rassistisch motivierten Übergriffen vor allem auf Schwarze Menschen, mehrheitlich im Ostteil Deutschlands.
Berichte, die zunächst nur in Kreisen von Immigrantinnen und Schwarzen Deutschen bekannt wurden, offizielle Medienberichterstatterlnnen nahmen von den gewaltsamen Ausschreitungen kaum Notiz.
Ich begann das Jahr 1990 mit einem Gedicht:
grenzenlos und unverschämt
ein gedicht gegen die deutsche sch-einheit
ich werde trotzdem
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine Schwestern sind - wo meine brüder stehen
wo
unsere
FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und noch einen schritt
weiter
und wiederkehren
wann
ich will
wenn
ich will
grenzenlos und unverschämt
bleiben.
Textauszüge aus May Ayim; Silke Mertins - "Grenzenlos und unverschämt" und Videobeitrag aus "May Ayim. Hoffnung im Herz.", Orlanda Frauenverlag, 1997
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