Ich bin in 34 Stunden mit dem Zug von Barcelona nach Oldenburg in Niedersachsen gefahren. Dabei habe ich einiges über die Höhen und Tiefen des europäischen Bahnverkehrs gelernt.
In diesem Thread könnt ihr meinen Reisebericht von unterwegs nachlesen.
Ich bin in 34 Stunden mit dem Zug von Barcelona nach Oldenburg in Niedersachsen gefahren. Dabei habe ich einiges über die Höhen und Tiefen des europäischen Bahnverkehrs gelernt.
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Es beginnt gleich mit einer Herausforderung. Der erste Zug soll mich eigentlich direkt nach Latour-de-Carol an der französisch-spanischen Grenze bringen. Durch Zufall erfahre ich, dass er, vermutlich wegen Bauarbeiten, erst in einem Vorort von Barcelona beginnt.
Es soll einen Ersatzverkehr mit Bussen geben, zu deren Startpunkt mich wiederum eine andere Linie des Regionalzugverkehrs von Katalonien bringen soll. Also auf geht’s!
Am Bahnhof Moncada Ripollet habe ich Glück: Es gibt ein uriges Bahnhofscafé und ich habe fast eine Stunde Zeit bis der Zug nach Latour-de-Carol abfährt. Gelegenheit für ein zweites, na ja, Frühstück 😋
Da ich keine Lust habe, mich durch die spanische Speisekarte zu quälen, frage ich einfach nach dem Favoriten der Köchin und erhalte ein frisch zubereitetes Hähnchen-Baguette. Wegen Momenten wie diesem und gewissen Gerichten im Speisewagen bin ich (noch) kein Vegetarier.
Nach Latour-de-Carol geht es wieder mit dem bekannten Regionalzug von Rodalies Barcelona. Leider sind die Züge mit ihren brettharten Sitze total unbequem und völlig ungeeignet für Langstrecken wie diese mit einer Fahrzeit von über 3 Stunden.
Die Strecke Richtung Pyrenäen ist zunächst unspektakulär, einen schönen Ausblick gibt es hier und da aber schon.
Der Bahnhof heißt vollständig Latour-de-Carol-Enveitg und liegt zwischen den Bergdörfern Latour-de-Carol (ältere Schreibweise: La Tour de Carol) und Enveitg. Dafür ist er natürlich viel zu groß, was wieder mit seiner historischen Bedeutung als Grenzbahnhof zu tun hat. Die Bahnsteigüberdachung soll sogar die längste in ganz Frankreich sein.
Wie üblich bei solchen Orten ist der heutige Verkehr überschaubar. Neben Nachtzug und Train Jaune gibt es noch eine Handvoll Regionalzüge nach Toulouse.
Ich habe nun 3,5 Stunden Zeit bis der Nachtzug abfährt. Mein Plan: Mich ins Bahnhofsbistro setzen und mich noch einmal richtig verwöhnen lassen wie am Bahnhof Breil-sur-Roya ein paar Tage zuvor.
Naja, das wird leider ein Flop. Die Küche öffnet erst um 18 Uhr, Kartenzahlung nur ab 15 Euro und eine Bedienung, die nicht wirklich Interesse an mir hat. Mit Mühe und Not kratze ich meine letzten Notgroschen für ein Baguette mit Käse und einen Kaffee zusammen.
Dann ist es soweit: Nachtzug-Zeit 🥳
Auch nach bald 100 Fahrten im #Nachtzug ist das immer noch ein aufregender Moment, der mich den Flop im Bistro in Nullkommanichts vergessen lässt. Dieses Mal habe ich mir einem Platz im Liegewagen der 1. Klasse gegönnt. Es ist wieder ein modernisierter Wagen, der einen hervorragenden Eindruck macht.
Der größte Unterschied zwischen 1. und 2. Klasse im Liegewagen: In der 1. Klasse ist man zu viert im Abteil (statt sechs). Ansonsten ist der Komfort vergleichbar. Das heißt nichts Schlechtes, denn die französischen Liegewagen gehören zu den besten, die ich kenne. Es ist natürlich immer noch kein Schlafwagen, aber erstaunlich nah dran.
Für jeden Reisenden gibt es – in Plastik eingepackt – einen recht bequemem Hüttenschlafsack und ein Kopfkissen, dazu Wasser und ein Nachtkit mit Kram.
Los geht die wilde Fahrt durch die Pyrenäen! Ich bin zunächst allein im Abteil, in Latour-de-Carol sind kaum 20 Leute in den Zug eingestiegen. Er besteht aus je einem Liegewagen der 1. und 2. Klasse sowie zwei Sitzwagen.
Ich mache ungefähr eine Million Fotos, die ich irgendwann in einem schmerzhaften Prozess aussortieren muss. Hier ein Eindruck.
Nach dem letzten Zustiegshalt in Auterive ist klar: Ich bleibe tatsächlich allein 🥳
Manchmal hat man eben Glück. In meinem Fall liegt es vermutlich daran, dass ich das Ticket erst spät gebucht habe (etwa eine Woche vorher) und dadurch ein neues Abteil „angebrochen“ habe, zu dem dann keine Buchung mehr dazukam. Gezahlt habe ich 68 Euro, ein mehr als fairer Preis.
Und da sind wir schon. Bonjour Paris! Wir erreichen den Bahnhof Austerlitz, das Nachtzugdrehkreuz von Frankreich, mit ein paar Minuten Verspätung. Ich habe hervorragend geschlafen und war kaum einmal wach. Die Liegewagen sind wirklich hervorragend!
Am Nachbargleis kommt wenige Minuten nach uns der Nachtzug aus Tarbes an. Ebenfalls in den Pyrenäen, aber weiter westlich.
Damit kommen wir zum anderen großen Vorteil der 1. Klasse: Ich kann am Bahnhof Austerlitz duschen. Nach Vorlage des Tickets erhalte ich ein Handtuch und werde einer Duschkabine zugewiesen. Diese entpuppt sich als geräumiges und richtig hübsches Badezimmer. Perfekt, besser geht’s nicht! Ich ziehe das dem Duschen im Zug jederzeit vor und frage mich, warum die ÖBB nicht Ähnliches anbieten.
Nach der Dusche gibts in dem kleinen Wartebereich noch ein Heißgetränk, dann bin ich bereit für den Tag.
Kommen wir zur nächsten Herausforderung dieser Reise: Eurostar. Europas m. E. schlechtester Zuganbieter (schlechte Züge, geringe Kapazität, hohe Preise) hat dummerweise praktisch ein Monopol zwischen Paris, Brüssel und Amsterdam. Ganz besonders hasst Eurostar Interrailer und verkauft Reservierungen nur streng limitiert. In meinem Fall war 1,5 Wochen im Voraus alles ausverkauft, darum musste ich kreativ werden.
Ich habe eine Alternative mit zwei TGVs gebastelt. Zunächst geht es nach Lille.
In Lille muss ich in 12 Minuten zu Fuß den Bahnhof wechseln, von Lille Flandres nach Lille Europe. Das klappt gerade so! Problem ist nicht die Strecke, sondern die Menschenmassen, die sich aufgrund der Bahnsteigsperren auf dem Querbahnsteig drängeln.
Ich habe sehr viel Liebe für die französische Bahn, aber wie der Hochgeschwindigkeitsverkehr organisiert ist, ist einfach nur beschissen und ruiniert alle Vorteile, die die Eisenbahn bietet.
Von Lille Europe geht es mit dem nächsten TGV nach Brüssel. Ein Hüpfer von 35 Minuten, für den ich 20 Euro nur für die Reservierung zum Interrail bezahlt habe. Absolute Abzocke, aber ich bin Gefangener des Eurostar/SNCF-Kartells, das sich im Dreieck Paris-Brüssel-Amsterdam erlauben kann, was es will.*
In Brüssel Midi, dem nächsten menschenfeindlichen Bahnhof, schnell irgendein Mittagessen runtergeschlungen. Das ist Zugreisen zum Abgewöhnen.
*über Kortrijk dauert zu lange
Weiter, immer weiter. Der nächste Zug ist ein kanarienbunter Niederländer, der mich nach Rotterdam bringen soll. Warum Rotterdam? Nun, über meine Reise hat die DB eine Reservierungspflicht auf ihren internationalen Zügen eingeführt, und der ICE Brüssel–Köln war natürlich ausgebucht. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll.
Mir ist es aber eigentlich ganz recht, mal was anderes, und so kann ich später noch die problematische #CrossBorderRail-Verbindung von Groningen nach Leer begutachten.
Durchsage: Es ist ein Taschendieb im Zug. Er trägt Lederjacke und ein Brille.
Das sind die Momente, wo ich mich langsam aber sicher darauf freue, bald zurück in Finnland zu sein.
Du bist jetzt wirklich schnell unterwegs!!!!
Ich werde mental winken, wenn du heute durch Leer fährst 🙋.
@sebwilken
It’s … No-Time Toulouse!!
Schullijung. Ich finde alleine raus …