Guten Morgen 😮

Es ist 5:30 Uhr schwedischer Zeit (gestartet sind wir in finnischer Zeit, eine Stunde spĂ€ter) und man wird, Ă€h, behutsam geweckt. Erst ertönt eine Durchsage ĂŒber den Kabinenlautsprecher, dann klopft jemand vom Bordpersonal an die TĂŒr und wĂŒscht „Huomenta, God morgon, Good morning!“.

Es ist noch eine Stunde bis Stockholm. Ich lasse mich nicht stressen und döse noch etwas vor mich hin.

Über Nacht haben wir kurz in Åland angelegt, der teilautonomen Inselgruppe zwischen Finnland und Schweden. Das dient nicht nur dem Aussteigen bzw. Einsteigen von Reisenden, sondern hat auch steuerliche GrĂŒnde: Durch den Halt in Åland darf hier an Bord zollfrei Alkohol verkauft werden.

Außerdem hat sich mein Handy in das schwedische Mobilfunknetz eingewĂ€hlt und ich erhielt die entsprechenden Willkommens-SMS von meinen Netzbetreibern.

Wir schippern bereits durch das Stadtgebiet von Stockholm. Ich gehe schon mal zum Ausstieg auf Deck 6, ich bin gerne in der Pole-Position und gehe als erster von Bord, dann kann ich es auf dem Weg zum Bahnhof gemĂŒtlicher angehen lassen.

Wie immer sind wir pĂŒnktlich. Die Sonne brennt schon ganz schön an diesem Morgen.

Um 6:29 Uhr berĂŒhrt die LandungsbrĂŒcke das Schiff, um 6:34 Uhr stehe ich vor dem Terminal. Ich bin zufrieden.

Viking Line legt in Stockholm am Terminal StadsgĂ„rden/Tegelvikshamn sĂŒdlich des Stadtzentrums an. Um zum Hauptbahnhof zu gelangen, gibt es drei Möglichkeiten:

1) Ein Shuttlebus von Viking Line. Dauert recht lange und ist teuer.

2) In Stockholms ÖPNV. ZunĂ€chst mit dem Bus nach Slussen, von dort weiter mit der U-Bahn.

3) Laufen. Schöne Strecke durch die Altstadt, etwa 3 km.

Ich entscheide mich aber in letzter Zeit meistens fĂŒr Variante 4: Ein kleiner Spaziergang zur U-Bahn-Station Medborgarplatsen, und von dort dann drei Stationen mit der „Tunnelbana“ zum Hauptbahnhof.

Der Spaziergang fĂŒhrt durch den hippen Stadtteil Södermalm, kurz Söder. Wer die Millenium-BĂŒcher von Stieg Larsson kennt, dĂŒrfte viele Straßennamen wiedererkennen.

Inklusive U-Bahnfahrt bin ich laut Strava knapp 25 Minuten unterwegs.

Um 7:05 Uhr, und damit 36 Minuten nach Anlegen der FĂ€hre, stehe ich am Hauptbahnhof von Stockholm. Ich habe ein ambivalentes VerhĂ€ltnis zu diesem Bahnhof. Die Schalterhalle ist zweifelsohne wunderschön, dafĂŒr gehört der Gleisbereich zu den trostlosesten aller europĂ€ischen HauptstĂ€dte.

FĂŒr mich gibt es nun erstmal FrĂŒhstĂŒck am Bahnsteig. Bis zur Abfahrt meines Zuges nach Kopenhagen habe ich noch ĂŒber eine Stunde.

Am Hausbahnsteig sehe ich mir noch schnell den #Nachtzug an, der am frĂŒhen Morgen aus UmeĂ„ in Nordschweden bzw. Åre und Duved in der Region JĂ€mtland angekommen ist.

Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, wie es ist, mit einem solchen Zug durch eine schwedische Sommernacht zu fahren, könnte den neuesten Reisebericht in der @zugpost lesen: https://zugpost.org/nachtzug-umea-goeteborg/

Aufwachen am See: Im Nachtzug durch Schweden

Unterwegs im Nachtzug von UmeÄ nach Göteborg.

Zugpost

Und da ist mein Zug nach Kopenhagen (hoffentlich, im VerspĂ€tungsfall lĂ€sst die SJ die ZĂŒge gerne mal vorzeitig in Malmö enden). Es handelt sich um einen Schnellzug des Typs X2000 der Schwedischen Bahn. Leider werden die ZĂŒge immer erst 5 Minuten vor Abfahrt bereitgestellt, am Bahnsteig geht es darum hektisch zu.

Ich reise mit Interrail, fĂŒr diesen Zug brauche ich eine zusĂ€tzliche Reservierung. Immerhin ist diese mit etwa 8 Euro vergleichsweise gĂŒnstig und lĂ€sst sich einfach online erwerben.

X2000. Ich mag ihn von außen ganz gern, von innen ist er dagegen ganz schön in die Jahre gekommen. Die Sitzpolster sind abgegriffen und speckig, die Toiletten haben ihre besten Zeiten auch hinter sich. Zudem sind die ZĂŒge sehr unruhig, dazu kommt die generell schlechte Gleislage der Strecke Stockholm–Malmö (hier habe ich im Nachtzug regelmĂ€ĂŸig Angst, aus dem Bett zu fallen).

Und: Ich hab mal wieder den Joker gezogen und einen Wandfensterplatz erwischt. Nee, da bevorzuge ich jeden ICE jederzeit.

Obwohl unser Zug planmĂ€ĂŸig nach Kopenhagen fĂ€hrt, spricht der Zugbegleiter nur von Malmö. Ob das Ignoranz ist oder es bedeutet, dass wir wieder mal vorzeitig verenden, weiß ich nicht. Mal schauen. Das Bordbistro hat heute nur ein begrenztes Angebot, immerhin wurde ich darĂŒber 7 Minuten vor Abfahrt per SMS informiert.

Der Zug ist bumsvoll, wie fast immer auf dieser Strecke. Ruhig wird es nur auf dem allerletzten StĂŒck bis CPH (sollten wir dort ankommen).

Und da kommt die BestĂ€tigung: Auch dieser Zug fĂ€hrt nicht ĂŒber die ÖresundbrĂŒcke nach Kopenhagen sondern endet vorzeitig in Malmö. Das passiert mir so oft, dass ich nicht mehr von einer durchgĂ€ngigen Zugverbindung zwischen Stockholm und Kopenhagen spreche.

In Malmö werde ich dann auf den ÖresundstĂ„g wechseln. FĂŒr mich kein Problem, ich hab das schon x-mal gemacht. Andere internationale Reisende hier im Zug werden dagegen schon nervös.

Das alles ist nicht der Untergang der Welt, bringt aber doch eine gewisse Unruhe in die ganze Reise, was nicht nötig wÀre.

Solche Fahrten sind dennoch wichtig fĂŒr mich. Ich hinterfrage mich oft: Sind die finnischen ZĂŒge wirklich so gut, wie ich sie immer mache, oder bin ich da inzwischen ein StĂŒck „betriebsblind“ und glorifiziere zu stark? Man muss nur ein bisschen durch Schweden fahren um festzustellen: Doch, sie sind wirklich so gut.

Hier ein paar EindrĂŒcke von unterwegs, irgendwo zwischen Östergötland und SmĂ„land. Schweden ist schön.
Noch ein bisschen Bilderbuch-Schweden. Inzwischen hat es sich leider zugezogen.

In FernzĂŒgen der SJ gibt es schon lĂ€nger keine Ticketkontrollen mehr. Solange jeder auf seinem reservierten Platz sitzt und niemand sich beschwert, geht man davon aus, dass schon alles so seine Richtigkeit hat. Interrailern wird vertraut, dass sie alles korrekt auf ihrem Ticket eintragen.

Das Zugteam befindet sich zentral im Bistro. Ob das mit einer Reduzierung der PersonalstĂ€rke einher geht, weiß ich nicht.

Ich hatte euch noch ein paar Reflexionen zu den FĂ€hren zwischen Finnland und Schweden versprochen.

In Finnland nennt man sie ruotsinlaivat, "SchwedenfĂ€hren". Ökonomisch, touristisch, aber auch soziokulturell sind sie von ĂŒberragender Bedeutung. Das gilt besonders fĂŒr Finnland, etwas weniger fĂŒr Schweden.

Das Folgende betrifft vor allem die FĂ€hren zwischen Turku und Stockholm, mit denen ich regelmĂ€ĂŸig unterwegs bin, aber auch zu großen Teilen die Linie von Helsinki nach Stockholm.

Die FĂ€hren bĂŒndeln verschiedene Zwecke in einem VerkehrstrĂ€ger:

1.) Transport von Waren von und nach Finnland, hauptsÀchlich in Form von LKWs/Trailern.

2.) Beförderung von Personen von A nach B. Viele davon mit eigenem Fahrzeug, aber auch Fußpassagiere.

3.) Anbindung der Åland-Inseln, die nur auf dem Wasserweg zu erreichen sind. Wie zuvor erwĂ€hnt, ist das aber auch ein StĂŒck weit ein Alibi um zollfreien Alkoholverkauf zu ermöglichen.

4.) Minikreuzfahrten, entweder mit oder ohne Landgang.

Die FĂ€hren sind riesig. Wenn man noch nie auf so einem Ding war, ist man erstmal erschlagen ob der GrĂ¶ĂŸe und der ganzen Dinge, die sich an Bord tun.

Viking Grace und Viking Glory, die beiden modernen FĂ€hren, die zwischen Turku und Stockholm pendeln, haben jeweils knapp 3000 KabinenplĂ€tze. Bei NachtĂŒberfahrt muss man eine Kabine dazubuchen, bei der Tagfahrt ist es optional (aber sehr zu empfehlen, weil gĂŒnstig und es ist nett, einen RĂŒckzugsort zu haben).

FĂŒr Erstbenutzer sicher am irritierendsten ist Reisezweck Nr. 4, die Minikreuzfahrt. FĂŒr Menschen in Finnland und Schweden ist es ein beliebtes FreizeitvergnĂŒgen, einmal in 24 Stunden mit der FĂ€hre hin- und herzufahren und an Bord eine gute Zeit zu haben.

Die Reedereien fördern das, so eine Cruise kostet nicht mehr als die einfach Fahrt, frĂŒher war sie mitunter sogar gĂŒnstiger. Zur Bespaßung der GĂ€ste gibt es GeschĂ€fte, Restaurants, Bars und Nachtclubs. NatĂŒrlich soll fleißig konsumiert werden.

Gerade wenn Studentengruppen unterwegs sind, an Wochenenden oder zu bestimmten Events, wird schon mal ordentlich gefeiert. DarĂŒber kann man die Nase rĂŒmpfen, es ist aber ein elementarer Bestandteil der Kultur. Jeder Finne und viele Schweden haben ihre Geschichten von den FĂ€hren zu erzĂ€hlen. UnzĂ€hlige Beziehungen wurde hier geschlossen, und mindestens ebenso viele gingen in die BrĂŒche. Kleine und große menschliche Tragödien, Lustiges, RĂŒhrendes. Das ganz normale Leben halt.

Dann ist da die interkulturelle Komponente. Auf den FĂ€hren treffen Schweden und Finnen aufeinander. Zwei LĂ€nder mit wechselvoller gemeinsamer Geschichte, unterschiedlichen Ideen, Vorurteilen. Das kann auch schon mal clashen.

Auf der anderen Seite sind die FĂ€hren ein seltener echt zweisprachiger Ort. Finnland hat zwar zwei Amtsprachen, Finnisch und Schwedisch, aber die meisten Orte sind entweder-oder (wobei Finnisch klar ĂŒberwiegt). An Bord sind beide Sprachen dagegen komplett gleichberechtigt.

Das ganze hat so viele Ebenen und Zwischentöne (die ich natĂŒrlich auch nur im Ansatz verstehen kann), dass man darĂŒber ganze BĂŒcher schreiben und Filme drehen kann. Darum wurde es selbstverstĂ€ndlich schon gemacht! Empfehlen kann ich den Roman „HallonbĂ„tsflyktingen“ von Miika Nousiainen sowie die sehr lustige Serie „M/S Romantic“.

Auch das sind die SchwedenfĂ€hren: Ältere Paare, die zu melancholischer finnischer Musik tanzen, gespielt von oft erstaunlich guten Bands. Das sind die Momente, die mir ans Herz gehen und wo ich denke: hier bin ich richtig.

Also, wer sich mal fĂŒhlen möchte wie in einem Film von Aki KaurismĂ€ki, sollte nach diesen Orte auf der FĂ€hre Ausschau halten.

Hier noch ein kleiner musikalischer Eindruck, damit endet der Einschub zu den FĂ€hren.

Und so ging es mit meiner Reise weiter. Mein Zug aus Stockholm endete vorzeitig in Malmö. Also schnell vom Kopfbahnhof zum unterirdischen Bahnhofsteil gewechselt und in den erstbesten ÖresundstĂ„g nach Kopenhagen gehĂŒpft. Leider hat dieser VerspĂ€tung und ist proppenvoll, mit meinem Anschluss in Kopenhagen wird es eng.

Aber first things first: Hallo Europa 👋

In Kopenhagen geht dann doch alles gut, auch weil ich weiß, dass es eine BahnsteigunterfĂŒhrung gibt, die oft ĂŒbersehen wird. 2 Minuten vor Abfahrt steige ich in den IntercityLyn der DĂ€nischen Bahn nach Odense. Reservierungen braucht man in DĂ€nemark nicht, es ist ein sehr gutes Interrail-Land.

Von der Fahrt nach Odense kriege ich nichts mit, weil ich fĂŒr meine Follower auf Mastodon einen Reise-Thread schreibe 🙃 Ein DĂ€nemark-Klischee-Bild gelingt mir aber doch.

Moment mal, Odense? Warum eigentlich Odense
?

NatĂŒrlich hĂ€tte ich die Wartezeit auf den EC nach Hamburg auch in Kopenhagen rumbringen können. Aber das ist ja langweilig. Ich versuche immer, die Gelegenheit zu nutzen, anderen Orten in DĂ€nemark einen kurzen Besuch abzustatten.

Im Moment steht Odense hoch bei mir im Kurs. Nettes StĂ€dtchen! Außerdem gibt es im Bahnhof ein Thai-Buffet, wo man unkompliziert und lecker essen kann 😋

Noch ein Pluspunkt fĂŒr #Odense: Die Stadt hat sich unlĂ€ngst mit einer Tram beschenkt, und die macht auf mich einen sehr guten Eindruck.
Einfahrt Eurocity nach Hamburg, wir gehen rein! Eigentlich habe ich irgendwo anders einen Platz reserviert (heute und morgen noch freiwillig, ab dann Reservierungspflicht), aber an diesem leeren Abteil kann ich natĂŒrlich nicht vorbeigehen. Zumindest bis Kolding bleibe ich allein, dann steigen drei Teenies ein. Ich weiß jetzt wenigstens, dass Snapchat immer noch ein Ding zu sein scheint.
Ansonsten: DĂ€nemark vor dem Fenster. BrĂŒcken, Wasser, GrĂŒn, ein paar sanfte Wellen in der Landschaft. GefĂ€llt.
Solange der Zug in DĂ€nemark ist, lĂ€uft ein VerkĂ€ufer von 7eleven mit Snacks und GetrĂ€nken durch den Zug. Nett. Über den Geschmack des Instant-Kaffees hĂŒllen wir aber besser den Mantel des Schweigens.
Ich habe verdrĂ€ngt, wie grauenvoll das deutsche Handynetz ist đŸ˜”â€đŸ’«

An mir ist gerade ein tschechischer Speisewagen vorbeigefahren.

It‘s so European, I can’t take it!

BrĂŒckenzeit in #Rendsburg.

Jetzt muss ich an KapitÀn Ingo Drewes und seine Henneke Rambow denken und habe die Musik von Penguin Cafe Orchestra im Ohr: https://youtube.com/watch?v=Sr1CF02GCEA

Numbers 1-4 (Remastered 2008)

YouTube
Hier noch ein Video der Fahrt ĂŒber die Rendsburger HochbrĂŒcke.
An mir ist schon wieder ein tschechischer Speisewagen vorbeigefahren in effing Pinneberg.

Schulausflug zu meiner Zeit:
„Wie viel Korn muss ich mir unter die Cola mischen, damit es richtig schön ballert aber ich mich nicht sofort ĂŒbergeben muss?“

Schulausflug heute:
„Nee, sorry, ich kann leider am Wochenende nicht, weil am Mittwoch haben wir Test in Biologie und ich will unbedingt eine Eins schreiben damit ich eine Eins auf dem Zeugnis habe.“

#PrioritÀten

Hamburg. Genau 24 Stunden unterwegs seit Turku. Langsam aber sicher gaga im Kopf 😅
Gerade aus einem Fiebertraum erwacht, in dem jemand seinen Imbiss Wurst & Durst genannt hat. Oder was es die RealitĂ€t? đŸŒ­đŸ»
@sebwilken in NĂŒrnberg gibt es einen Laden namens Wurstdurst... Bietet Curry-WĂŒrste.