1/ „Zeigt nicht immer nur auf den Osten. Der Osten ist dem Westen nur ein paar Trippelschritte voraus.“

So endet das Interview über #Nazis im #Osten in der Printausgabe der @tazgetroete.

Ende (vom Interview) gut, alles gut?

Nee, es gibt noch ein paar Anmerkungen.

https://www.taz.de/!5941741

Ilko-Sascha Kowalczuk über den Osten: „Wer Nazis wählt, ist ein Nazi“

Der ostdeutsche Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk über den Hang zum Autoritarismus in Ostdeutschland und die Rolle des Westens. Und über Freiheit.

TAZ Verlags- und Vertriebs GmbH
@stefanmuelller @tazgetroete (ohne Bezug zum Artikel)
Was ich oft dachte, ist, dass es im Osten wohl keine 68er Revolution gab wie im Westen. Entsprechend vielleicht auch kein so umfassendes Hinterfragen der gesellschaftlichen Autoritäten bzw. Obrigkeiten. Mir schien, dass der preußische Obrigkeitenstaat in der DDR weitgehend überwintern konnte, während im Westen tatsächlich eine gesellschaftliche Umwälzung stattgefunden hat, die auch immer noch andauert.

@supergrobi @tazgetroete

Was es im Osten gab, war ein Rückzug ins Private. Dort haben die Menschen zum Schluss relativ offen geredet und man hat die Führung halt irgendwie machen lassen.

Hinterfragt im Sinne von Scheiße-finden wurde das schon, aber es kann sein, dass das eben teilweise dann so weiter lief, dass die Leute eben einfach erwartet haben, dass „die Politik“ das für sie wuppen würde. Ich habe das zum Ende des Wissenschaftlerintegrationsprogramms auch erlebt. Ostwissenschaftler*innen bekamen noch für drei Jahre Geld und Arbeit mit dem Ziel, dass sie sich in des Westsystem integrieren sollten. Ich hatte als junger Mensch (obwohl das eigentlich nicht für Menschen wie mich gedacht war) dort auch eine Stelle und habe dann das letzte Treffen erlebt. Die Anwesenden dachten, man könne sie doch jetzt nicht einfach in die Arbeitslosigkeit entlassen. Doch konnte man und hat man.

Vielleicht ist es das, was fehlt. Gepaart mit Mittellosigkeit. Aber letztendlich wählen die Menschen im Osten ja. Nur eben nicht das, was wir wollen, sondern eine Nazi-Partei. Eine von neoliberalen Professor*innen aus dem Westen aufgebaute und salonfähig gemachte Nazi-Partei.

@stefanmuelller @tazgetroete das klingt für mich jetzt schon ein bisschen simplifizierend, dass im Grunde der Westen schuld sei, dass die AfD unbestreitbar mehr Erfolg im Osten hat als im Westen. Ja, die ursprüngliche AfD kommt aus dem Westen, und sehr vielen Menschen im Osten wurde existenziell der Boden unter den Füßen weggezogen und Erwerbsbiographien vernichtet. Aber das kann nicht alles sein.
Stell Dir einfach mal vor, sagen wir, Tibetern wäre das gleiche passiert. Würden die AfT wählen?

@supergrobi @tazgetroete

Genau auf die Formulierungen achten. Ich sage nicht, dass der Westen allein Schuld ist. Es ist unverzeihlich, wenn jemand Nazi-Parteien wählt. Aber ich habe es satt, dass einfach immer wieder mit denselben nicht besonders guten Argumenten auf dem Osten rumgehackt wird. Viele wichtige Punkte werden dabei übersehen.

Die AfD gibt es 10 Jahre. Was haben die anderen Parteien dem entgegenzusetzen? Wieso konnte die AfD im Osten so stark werden? Wieso gibt es im Osten praktisch keine Grünen? Wieso hat #Habeck Ossi-Bashing betrieben (gegen #Thüringen, danach hat er seinen Twitter-Account gelöscht).

https://www.spiegel.de/politik/deutschland/robert-habeck-blamiert-sich-mit-wahlkampfvideo-zu-thueringen-a-1246688.html

Diese Vorurteile sind einfach überall ganz tief drin.

Die Nazi-Strukturen wurden und werden von Westdeutschen aufgebaut. Wehrsportgruppen-Hoffmann ist nach der Wende, frisch aus dem Knast mit positiver Sozialprognose vorzeitig entlassen, nach Kahla zurückgekehrt und hat Strukturen aufgebaut. Niemand hat etwas getan oder gesehen. (Alle Institutionen von Wessis besetzt).

Es gibt Siedlungsbewegungen von Nazis in den Osten auf das Land. Klar freuen die sich, wenn sie da fruchtbaren Boden (in jederlei Hinsicht) finden.

Biedenkopf (Ministerpräsident CDU, Wessi) konnte nirgendwo Nazis sehen. Sein Verfassungsschutz auch nicht.

Zu den Tibetern: Die AfD ist eine populistische Partei. Menschen (zumindest die in D) neigen dazu, nach unten zu treten. Z.B. bei Migrant*innen auf die, die neu kommen.

Ossis haben eine krasse Transformationserfahrung hinter sich. Jetzt steht die nächste an. Die AfD ist die einzige Partei, die behauptet, die #Klimakatastrophe gäbe es nicht. Wenn man verdrängen will, lässt man sich auf diese Bauernfänger ein. Das könnte in Tibet auch so sein. Weiß ich nicht. Da kenne ich die Kultur zu wenig. Jedenfalls erstarken rechtsextreme Parteien überall in Europa. So endete ja auch der Artikel, der hier diskutiert wurde.

Übrigens zu den anstehenden Transformationen: Für #Lützerath wurde vereinbart, dass #NRWE das Zeug noch aus der Erde holen kann, dann aber früher Schluss machen muss. D.h. es wird einfach das CO2 vorher erzeugt. Vom Osten verlangt man jetzt, dass sie auch 2030 Schluss machen, ohne diese Verschiebung. Einfach nur mal so. Und so geht das die ganze Zeit. Man kann schon den Eindruck gewinnen, dass „die da oben“ „uns Ossis“ verarschen wollen. Deswegen: Der Hauptpunkt ist: Alles, was den Osten angeht, muss sehr viel sorgfältiger und gerechter gemacht werden.

Und hier noch zum Thema #Recht. Für die Ost-Länder wurde sogar das Grundgesetz geändert. Einheitliche Lebensverhältnisse werden nicht angestrebt. Das sind alles Punkte, an denen Hebel angesetzt werden können, und sie wurden angesetzt. Erfolgreich. Leider.

Aus Lütten Klein:

Wahlkampf-Clip zu Thüringen: Grüne löschen Habeck-Video nach Shitstorm

Auf Twitter ruft Grünen-Vorsitzender Habeck dazu auf, Thüringen zu einem "freien, demokratischen Land" zu machen. Der Spott ist groß, der Clip verschwindet. Es ist nicht das erste Mal, dass Habeck solche Sätze raushaut.

DER SPIEGEL
@stefanmuelller @tazgetroete danke für Deine ausführliche Antwort! Finde ich nett von Dir und nicht selbstverständlich, dass Du darauf so ausführlich eingehst.
Zu meiner Formulierung: ich schrieb mit Bedacht "finde ich" und "im Grunde", weil ich hoffte, damit den West-Ost Graben zu umschiffen. Die Punkte, die Du in Deinem vorherigen Posting aufgezählt hast, beziehen sich (so verstehe ich es) halt offenbar alle auf den Westen.
Aber das kann ja nun nicht alles sein?
@stefanmuelller @tazgetroete und mir geht es auch gar nicht um Schuld oder Verantwortung, sondern soziologische oder geistesgeschichtliche Erklärungsmodelle, aus denen man vielleicht ableiten kann, wie dem Problem der AfD im Osten entgegengewirkt werden kann (egal, ob man aus Ost oder West kommt :)