🧵 "Wokeness": Zusammen mit Lukas Bettag, Sven Bloching, Jöran Landschoff, Ulrike Lohner und Yuanyuan Wang habe ich einen Artikel im "Sprachreport" des IDS (@ids_mannheim) zum Gebrauch des Ausdrucks "woke" geschrieben.

https://pub.ids-mannheim.de/laufend/sprachreport/pdf/sr23-1.pdf

Das Ergebnis: Der affirmative Gebrauch von "woke" ist selten. Es dominiert die Verwendung als Stigmawort von Rechts. Hier ist "woke" eine Chiffre, ein semantisch unterbestimmtes Zeichen, mit negativ-wertender Funktion. (1/4)

Zwar lässt sich ein vager Bedeutungskern identifizieren, der sich als Linkssein / Linkssein als bloße Attitüde fassen lässt. Allerdings ist dieser Bedeutungskern insofern leer, als er mit wechselnden Stereotypen gefüllt wird, je nachdem, auf welchen Sachverhalt die Wertung zielt. Dies ermöglicht es, dass so unterschiedliche Dinge wie Genderpolitik, Weltmeisterschaften, Klimaproteste, Medien, Nahrungsmittel, Politiker, Eltern, Hollywoodfilme, Sprachkritik oder Großstädter woke sein können. (2/4)

Durch den Gebrauch des Ausdrucks wird das Stereotyp performativ hergestellt und zu einem evaluativen Schema der Abwertung von Personen, Themen und Werten, die mit dem Vorwurf der Weltfremdheit, der bloßen Attitüde und der Heuchelei begründet wird.

Der Gebrauch der Chiffre woke transportiert damit vieles von dem, was mit ihr kritisiert werden soll: (3/4)

Sie schreibt ihrer/m Benutzer:in eine privilegierte Einsicht gegenüber den weltfremden ‚Woken‘ zu, durch den Sarkasmus stellt sie eine Überheblichkeit gegenüber dem politischen Gegner zur Schau, sie hebt in ihrer Kritik der Scheinmoral der ‚Woken‘ die eigene Kritik in die Sphäre des Moralischen und hat die Funktion der Ab- und Ausgrenzung. Die Vokabel 'woke' avanciert so zur Grundunterscheidung eines polarisierenden Diskurses, der selbst herstellt, was er zu kritisieren vorgibt. (4/4)
@josch wunderbar. Vielen Dank. Hab auf sowas gewartet
@sonjdol Ja, war höchste Zeit... Danke für's Teilen!
@josch Vielen Dank für diese Arbeit! Im PDF findet man zum Glück auch eine diachrone Betrachtung. Ist schon interessant, dass es Rechten gelungen ist, eine positive Eigenbezeichnung Unterprivilegierter semantisch dermaßen zu verdrehen, dass sie jetzt in ihrer ursprünglichen Bedeutung unbenutzbar geworden ist.
@chpietsch Dank dir, auch für's Teilen! Und ja: "woke" ist das neue "politisch korrekt". Darauf kann man sich auch schon lange nicht mehr positiv beziehen...
@josch @ids_mannheim zumindest im deutschsprachigen Raum ist dem so...
@kkarhan @josch @ids_mannheim
Vielen Dank für die Analyse! Betrachtet man sich die ursprüngliche Bedeutung und Genese des Wortes wird deutlich, dass jede abwertende Verwendung inhärent rassistisch ist.
@rmr Ich verstehe, dass man das so lesen kann. Ich glaube aber, dass die wenigsten Benutzer:innen sich dessen bewusst sind. Für die meisten scheint sich in dem Ausdruck all jenes diffus zu verdichten, was ihnen moralisch, ideologisch und lebensstilistisch nicht ins Weltbild passt.
@josch
🤔 Mindestens Alltags-Rassismen sind in der Regel eine unbewusste Reproduktion. Sind es nicht im Wesentlichen nur Extremist*innen die bewusst rassistisch handeln, obgleich Rassismus diesen Staat und dessen Gesellschaften und Individuen grundlegend strukturiert?
@josch
Eine Untersuchung, ob abwertend von "woke" sprechende Individuen in anderen (Kon-)Texten häufiger (als solche, die es nicht tun) Äußerungen vollziehen, die als rassistisch oder alltagsrassistisch eingeordnet werden müssen, könnte vielleicht einen spannenden Einblick geben. Ich vermute allerdings, dass es sehr aufwändig wäre über entsprechende qualitative Empirie einen solchen Kontext-Korpus aufzubauen.

@rmr Ich glaube, man kann das vor unterschiedlichen sprachsoziologischen Modellen unterschiedlich beantworten. Ich kann wie gesagt, dein diskursanalytisch fundiertes Argument vom Dsipositiv nachvollziehen.

Aus einer Gebrauchsperspektive würde ich sagen: Im Alltagsgebrauch wird "woke" (als Stigmawort) meist nicht als rassifizierend verstanden (von allen an der jeweiligen Kommunikation Beteiligten). Ich habe beim Quellen-Lesen auch eher selten metasprachliche Referenz darauf gefunden.

@josch @ids_mannheim

Handelt es sich beim Begriff „Wok“ nicht um eine Kulturelle Eineignung?

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Wok-WM

Wok-WM – Wikipedia

@drsebro Tatsächlich haben wir zahlreiche Belege für "Wokismus" oder "Wokistin" geprüft, sind aber zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht um eine Vorliebe / Personen mit einer Vorliebe für (süd-)ostasiatische Küchengeräte handelt. Wir bleiben der Sache aber auf der Spur...