Landtagswahl in Sachsen: Spendenangebot von Campact war rechtmĂ€ĂŸig, aber stieß auf Kritik

Campact bot Kandidierenden der GrĂŒnen und Linken in Sachsen 25.000 Euro UnterstĂŒtzung. Das war weder „Betrug“ noch „Bestechung“, sorgte aber fĂŒr Kritik.

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Hintergrund

Landtagswahl in Sachsen: Spendenangebot von Campact war rechtmĂ€ĂŸig, aber stieß auf Kritik

Vor der Landtagswahl in Sachsen bot der Verein Campact Kandidierenden von GrĂŒnen und Linken jeweils 25.000 Euro UnterstĂŒtzung fĂŒr ihren Wahlkampf an. Das sollte den Parteien dabei helfen, zwei Direktmandate zu gewinnen und so ĂŒber die Grundmandatsklausel in den Landtag zu ziehen. Anders als online behauptet, war das Angebot weder „Betrug“ noch „Bestechung“ – Kritik gab es trotzdem.

von Sophie Timmermann

12. September 2024

Nach den Landtagswahlen in Sachsen kursieren GerĂŒchte und Falschmeldungen. Eine irrefĂŒhrende Meldung betrifft ein Angebot von Campact an Kandidierende der GrĂŒnen und Linken. (Symbolbild: Christian Ohde / Chromorange / Picture Alliance)

Die AfD in Sachsen „ausbremsen“, das war das Ziel von Campact. Der Kampagnen-Verein rief WĂ€hlerinnen und WĂ€hler vor der Landtagswahl dazu auf, „strategisch“ fĂŒr bestimmte Kandidaten der GrĂŒnen und Linken zu stimmen. Bleiben Parteien in Sachsen unter der FĂŒnf-Prozent-HĂŒrde, können sie es trotzdem in den Landtag schaffen, wenn sie mindestens zwei Direktmandate gewinnen. Campact sah darin eine Chance „zu verhindern“, dass die AfD eine SperrminoritĂ€t erhĂ€lt. Der Verein sprach Wahlempfehlungen fĂŒr vier Wahlkreise aus und bot vier Kandidierenden der GrĂŒnen und Linken jeweils 25.000 Euro an. 

Das sorgte vor und nach den Wahlen am 1. September fĂŒr Aufregung. Von „Bestechung aus dem Westen“ ist auf Facebook die Rede. Verbreitet wird der Ausschnitt eines Berichts der Welt ĂŒber die Direktmandate in Sachsen und das Angebot von Campact. Hunderte teilten den Beitrag. In den Kommentaren sprechen Nutzer von „Betrug“. Auf X wird zudem suggeriert, die „Wahlregeln“ seien „fĂŒr die Altparteien“ geĂ€ndert worden.

Das Angebot von Campact ist rechtlich unproblematisch, da sind sich Experten einig. Kritik gab es daran trotzdem – vor allem von denen, die von dem Angebot profitieren sollten.

Ein Beitrag der Welt, in dem es auch um das Angebot von Campact geht, wird mit „Bestechung“ und „Wahlbetrug“ kommentiert. Das ist es jedoch nicht. (Quelle: Facebook; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck)

Grundmandatsklausel in Sachsen begĂŒnstigt nicht „Altparteien“ 

In dem Ausschnitt des Welt-Beitrags heißt es, Campact habe angeboten, Kandidierende mit 25.000 Euro zu unterstĂŒtzen, „wenn Linke fĂŒr die GrĂŒnen zurĂŒckziehen und andersrum. Man wollte die Kandidaten „quasi trennen, damit man am Ende den StĂ€rkeren durchkriegt und GrĂŒne und Linke nicht miteinander konkurrieren“. Der Beitrag mit einer Live-Schalte aus Dresden (ab Minute 10) lief bei der Welt am 1. September, also am Wahltag, noch bevor die Ergebnisse bekannt waren.

Zu diesem vermeintlichen TauschgeschĂ€ft schreibt uns Campact-Sprecherin Iris Rath aber: „Eine solche Forderung oder Bedingung hat es unsererseits nie gegeben.“ Der Verein schreibt auf einer Seite zu der Aktion: „Politisches Programm der Kandidat:innen spielt keine Rolle.“

Worum ging es also Campact? WĂ€hlerinnen und WĂ€hler konnten in Sachsen mit ihrer Erststimme fĂŒr einen Abgeordneten oder eine Abgeordnete aus dem eigenen Wahlkreis und mit der Zweitstimme fĂŒr eine Partei stimmen. Scheitert eine Partei an der FĂŒnf-Prozent-HĂŒrde, bleiben ihre Stimmen unberĂŒcksichtigt – es sei denn, die Parteien erreichen Direktmandate in mindestens zwei Wahlkreisen, dann ziehen sie in den Landtag. Das steht so im sĂ€chsischen Wahlgesetz §6. Grundlage dafĂŒr ist die sogenannte Grundmandatsklausel. Es gibt sie neben Sachsen in Ă€hnlicher Form auch in Berlin, Brandenburg, Schleswig-Holstein und bei den Bundestagswahlen.

Die Klausel war bereits in der ersten Fassung des SĂ€chsischen Wahlgesetzes von 1993 enthalten, schreibt Fabian Michl, Juniorprofessor fĂŒr Öffentliches Recht an der UniversitĂ€t Leipzig. Davon profitieren auch nicht nur Linke und GrĂŒne: „WĂ€re es beispielsweise den Freien WĂ€hlern in Sachsen gelungen, ein weiteres Wahlkreismandat zu erringen, wĂ€ren auch sie in voller StĂ€rke in den Landtag eingezogen“, so Michl. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Klausel nur sogenannte Altparteien begĂŒnstigt, wie online suggeriert wird. 

Angebot von Campact war rechtmĂ€ĂŸig, da es nicht an eine Gegenleistung geknĂŒpft war

Campact sah die Grundmandatsklausel als „beste Chance“, damit GrĂŒne und Linke in den Landtag einziehen, schreibt uns Pressesprecherin Iris Rath. Deshalb sprach der Verein Wahlempfehlungen fĂŒr Juliane Nagel und Nam Duy Nguyen von den Linken und Claudia Maicher und Thomas Löser von den GrĂŒnen aus, die fĂŒr verschiedene Wahlkreise in Leipzig und Dresden kandidierten. Auch die Initiative „Taktisch WĂ€hlen“ warb fĂŒr dieselben vier Kandidierenden, etwa auf Instagram.

Laut der Leipziger Volkszeitung machte Campact fĂŒr die vier Kandidierenden Werbung auf Social Media, per E-Mail und mit Postwurfsendungen in ihren Wahlkreisen. Dazu kam das Angebot ĂŒber 25.000 WahlunterstĂŒtzung. 

War das rechtmĂ€ĂŸig? Ja, da sind sich alle von uns befragten Experten einig. Es handle sich weder um Bestechung noch um Betrug, erklĂ€rt Fabian Michl. Eine Bestechung setze voraus, dass der Geldgeber eine „Gegenleistung“ erwartet. Campact habe aber keine Leistung von der Linken oder den GrĂŒnen erwartet, sondern nur deren Wahlchancen verbessern wollen. „Es gehört zum politischen Alltag, dass Parteien ihre WahlkĂ€mpfe auch aus Spenden finanzieren“, sagt Michl. 

Timo Lange von der Initiative „Lobby Control“ sieht das Ă€hnlich: „Spenden an Parteien und Kandidierende fĂŒr Parlamente sind grundsĂ€tzlich erlaubt und rechtlich nicht zu beanstanden.“ Untersagt seien sogenannte Einfluss-Spenden, die an Erwartungen einer bestimmten Gegenleistung geknĂŒpft sind. „Darauf gibt es im Fall der Campact-Spenden keinerlei Hinweis.“ 

Auch Sophie Schönberger von der Heinrich-Heine UniversitĂ€t in DĂŒsseldorf schreibt uns, das Angebot sei rechtmĂ€ĂŸig. „Rechtlich lĂ€sst sich allenfalls fragen, ob hier eine hinreichende Transparenz der Spenden gegeben ist“, schreibt die Professorin an der juristischen FakultĂ€t. Das sei aber vor allem ein allgemeines Problem von Spenden, die nicht an die Parteien, sondern an die Kandidierenden geleistet werden. Parteispenden mĂŒssen laut dem Parteiengesetz transparent gemacht werden. 

Nur ein Kandidat nahm das Angebot an – die anderen drei kritisierten Campacts Vorgehen 

Transparent machte Nam Duy Nguyen von den Linken die Spende von Campact. Er nahm als einziger das Angebot an. Sein Wahlkampfteam schreibt uns, der Betrag sei „nach den Regeln des Parteiengesetzes verbucht“ und der Bundestagsverwaltung gemeldet worden. Die Gelder seien „ausschließlich fĂŒr den verstĂ€rkten Einsatz bereits bestehender Wahlkampfmittel wie Druckerzeugnisse, Anzeigen und Werbemittel“ verwendet worden.

Von VorwĂŒrfen wie Bestechung oder Betrug distanziert sich das Team: „Die Spende war an keine inhaltlichen Bedingungen geknĂŒpft. Campact hat auch keinen Einfluss auf die Ausgestaltung des Wahlkampfs oder von Wahlkampfmitteln erhalten. Die Entscheidung darĂŒber lag ausschließlich bei dem Kampagnenteam.“

Anders als ihr Parteikollege lehnte Juliane Nagel von den Linken das Angebot von Campact ab. Sie und die Linke-Landesspitze seien „mit dem Vorgehen von Campact nicht einverstanden“ gewesen, schreibt sie auf Nachfrage. In einem Blog-Beitrag kritisiert sie, Campact habe Empfehlungen ausgesprochen, ohne die jeweiligen Kandidierenden, Akteure, Parteien oder Menschen vor Ort einzubinden. Das sieht Campact anders. Man habe, so heißt es in der Antwort auf unsere Anfrage, Kontakt zu den sĂ€chsischen LandesverbĂ€nden von GrĂŒnen und Linken gesucht und die Parteien gebeten, sich in den vier „sicher gewinnbaren“ Direktwahlkreisen „abzusprechen“. Das hĂ€tten die Parteien abgelehnt. Anders als Nagel hatte der Landesvorsitzende der Linken in Sachsen, Stefan Hartmann, Campacts Initiative auf X begrĂŒĂŸt. 

GrĂŒne-Politikerin, die gegen Nam Duy Nguyen verlor: „Weiß nicht, ob ich eine solche Demokratie haben möchte“

Öffentliche Kritik gab es auch von den GrĂŒnen. Thomas Löser schreibt uns, er habe das Angebot nicht angenommen, da er „gern einen unabhĂ€ngigen Wahlkampf “ fĂŒhren wollte. Seine Kollegin Claudia Maicher, die, wie auch die anderen drei Kandidaten, das Direktmandat bei den Landtagswahlen gewann, Ă€ußerte sich nach der Wahl weiter kritisch und macht, so liest sich ein Beitrag von ihr auf Instagram, die Kampagne fĂŒr das schlechte Abschneiden der GrĂŒnen mitverantwortlich: „Die zahlreichen Aufrufe zum strategischen WĂ€hlen haben nicht gut getan, um eine progressive Stimme in der Regierung zu sichern“, heißt es dort. 

GrĂŒnen-Politikerin Christin Melcher, die in einem Wahlkreis gegen den von Campact geförderten Kandidaten Nam Duy Nguyen antrat und verlor, sagte der Leipziger Volkszeitung: „Es ging nur noch ums taktische WĂ€hlen.“ Um ihren Gegekandidaten oder seine inhaltlichen Themen sei es weniger gegangen. „Mich stimmt das traurig. Ich weiß nicht, ob ich eine solche Demokratie haben möchte.“ Melcher schaffte es trotzdem in den Landtag – ĂŒber die Zweitstimme und die Landesliste ihrer Partei.

Beim strategischen WĂ€hlen gebe es „immer Gewinner und Verlierer“, schreibt Iris Rath von Campact. Trotzdem hĂ€tten sie sich dafĂŒr entschieden. Sein Ziel hat der Verein erreicht. Alle vier Kandidierenden, fĂŒr die sich der Verein aussprach, haben in ihren Wahlkreisen das Direktmandat gewonnen. Die AfD verpasste in Sachsen eine SperrminoritĂ€t. Ihr fehlte am Ende ein Mandat. 

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Redigatur: Steffen Kutzner, Viktor Marinov

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Author: Sophie Timmermann

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Landtagswahl in Sachsen: Spendenangebot von Campact war rechtmĂ€ĂŸig, aber stieß auf Kritik

Campact bot Kandidierenden der GrĂŒnen und Linken in Sachsen 25.000 Euro UnterstĂŒtzung. Das war weder „Betrug“ noch „Bestechung“, sorgte aber fĂŒr Kritik.

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