»Original 1«

Die Beiden
Hugo von Hofmannsthal

Sie trug den Becher in der Hand
– ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –,
so leicht und sicher war ihr Gang,
kein Tropfen aus dem Becher sprang.

So leicht und fest war seine Hand:
Er ritt auf einem jungen Pferde,
und mit nachlässiger Gebärde
erzwang er, dass es sicher stand.

Jedoch, wenn er aus ihrer Hand
den leichten Becher nehmen sollte,
so war es beiden allzu schwer:

denn beide bebten sie so sehr,
dass keine Hand die andre fand
und dunkler Wein am Boden rollte.

#lyrik #sonett #hofmannsthal

»Original 2«, Teil seiner »33 Sonette aus dem Gefängnis«, die er in Gestapo-Isolationshaft schrieb:

»Traduit de Hugo von Hofmannsthal«
Jean Cassou (nach Hugo von Hofmannsthal)

Une coupe au board de la bouche,
elle allait d’un si ferme pas
et la main si sûre que pa,
une goutte ne se versa.

Il montait un cheval farouche.
Si sûre et ferme était sa main
que, frémissant au coup de frein,
le cheval s’arrêta soudain.

Et pourtant, quand la main légère
á l’autre main gantée de fer
cette simple coupe tendit,

ils tremblaient si fort, elle et lui,
que les mains ne se recontrèrent,
et le vin noir se répandit.

#lyrik #sonett #cassou

(Anm.: Ich kann kein Französisch, es sei denn, missverstanden als genuscheltes Latein.)

Ein Experiment von mir: Die »Übersetzung« eines Sonetts von Jean Cassou, das selbst eine Übersetzung eines Sonnets von Hugo von Hofmannsthal ist. Meine »Übersetzung«:

»Stille Post«
O. Utis (nach J. Cassou, nach H. v. Hofmannsthal)

Mit dem Kelch am Rand der Lippen
war so leicht und ruhig ihr Gang,
so fest die Hand, dass ihr gelang,
nicht einen Tropfen zu verschütten.

Auf scheuendem Pferd kam /er/ geritten.
Sacht’ und behände war der Mann
als er das Tier zum halten zwang,
da stand es mit gelöstem Zittern.

Als jedoch die leichten Finger
den ritterlich gerüsteten
ihren schlanken Becher gaben,

da verfehlten sich die Hände immer,
weil beide zu sehr zitterten.
So dass Wein und Kelch am Boden lagen.

#lyrik #cassou #hofmannsthal #sonett

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett X

Wie liebe ich dich? Indem ich bleibe, stehe,
und nicht zurückweiche, wenn du fällst.
Ich liebe dich, indem ich dich dir selbst
entschieden gegenübertrete.

Ich liebe dich nicht, um mich zu verlieren.
Ich liebe dich, um dich zu halten aus.
Was zwischen uns geschieht, ist kein Applaus,
es ist ein Ernst, der Nähe garantieren will.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett IX

Dein Name liegt in mir wie ein Befehl,
den ich nicht spreche - sondern lebe.
Ich liebe dich mit einer solchen Nähe,
die auch im Abstand Anspruch bleibt und Ziel.

Ich liebe dich mit Blick, Gewicht und Zeit,
mit einer Lust, die nicht verführt, sondern
dich festhält, bis dein Innerstes verstanden
hat, dass Hingabe Klarheit heißt.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett VIII

Mein Glaube wurde zwingend durch dein Sein.
Nicht enger - sondern fordernd und konkret.
Ich weiß, was Nähe kostet, wenn sie steht
und nicht mehr fragt, ob sie willkommen sei.

Ich liebe dich mit allem, was noch zögert,
und ziehe dich genau dort in mein Jetzt.
Dein Zaudern wird nicht übergangen - es wird
der Ort, an dem du dich mir übergibst.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett VII

Es gibt ein Schweigen, das ich von dir will.
Kein Fliehen mehr. Kein höfliches Verweilen.
Die Nähe duldet kein Hinwegeilen,
sie fordert dich - und du wirst darin still.

Ich liebe dich nicht weich aus Rücksichtnahme.
Ich liebe dich genau bis an den Punkt,
wo du begreifst, dass deine Lust sich sucht
in meiner ruhigen, entschied‘nen Flamme.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett VI

Ich liebe dich nicht maßvoll, nicht bedacht.
Ich liebe dich mit einer stillen Macht.
Was du noch suchst, hab ich bereits gedacht
und halte Raum für deine ganze Nacht.

Ich liebe dich mit meinem ganzen Sein,
das weiß, wann Nähe keine Wahl mehr kennt.
Dein Widerstand ist mir nicht fremd — er brennt
und führt dich tiefer in dein eigenes Nein-zu-nein.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett V

Dein Körper ist kein Zweifel an der Seele.
Er ist ihr Anspruch, ihre Konsequenz.
In deiner Haut verliert sich jede Grenze,
die Glauben vor der Nähe schützen wollte.

Ich fasse dich nicht vorsichtig aus Angst.
Ich fasse dich, weil Nähe Führung braucht.
Was sich ergibt, ist nicht gemacht — es taucht
aus dem Moment, der keine Ausflucht kennt.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie

Improvisationen (Rilke + Barrett-Browning)

Sonett IV

Ich liebe dich nicht nur im stillen Bleiben.
Ich liebe dich im Zug nach vorn, im Jetzt.
Was uns noch schont, wird von der Zeit ersetzt,
denn Nähe duldet kein Randbeschreiben.

So bleib. Nicht aus Gewohnheit — aus Gewicht.
Die Liebe will, dass du dich spüren lässt.
Ich nehme dich dort ernst, wo du dich selbst
nicht länger trägst, sondern mir vertraust.

#Sonett #Gedicht #Lyrik #Poesie