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#bookclub #london #peternadas #read #books
Literarischer #14Oktober
„Hass ist jetzt überall, in einer Menge, die wir nicht einmal begreifen.“
#PéterNádas #Interview Geburt 1942
Literarischer #14Oktober
„Wahrheit ist ein ganz besonderes Gemeingut. Sie besteht aus sorgfältig geprüftem Wissen, sicher aber nicht aus Meinungen.“
#PéterNadas Geburt 1942
Péter Nádas – natürlich kann ich, nachdem ich im Universum dieses Schriftstellers einen Roman lang versunken bin, nicht einfach zu anderen Lektüren übergehen. Jetzt lese ich mich also durch die gesammelten Essays in „Leni weint“. Wegen solcher Passagen z.B.:
„Die Realität des Traumes soll in der Realität des Schreibens ihren Platz finden. Am Rande des Wahnsinns beginnt man die Struktur des eigenen Bewusstseins zu erkennen, und das ist wichtig, um die anderen verstehen zu können. Schon allein deswegen, weil man die gemeinsame Muttersprache, die am nächsten Tag Material und Gegenstand des Schreibens sein wird, ohne den Sprachgebrauch der anderen nicht verstehen kann.“
https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/04/10/nach-den-schauergeschichten/
Immer wenn ich versuche (vorgebe zu versuchen?) über etwas nachzudenken, verheddere ich mich in wahren Gedankenknäulen, nichts hat mit dem anderen zu tun, alles überlagert sich, es ist vielleicht ein wenig so, wie Péter Nádas in „Behutsame Ortsbestimmung“ über die Art, wie Gespräche in seinem Dorf mit dem alten Wildbirnenbaum geführt werden, man redet sobald man einander sieht drauf los, ohne Begrüßung und ohne Abschied, und vor allem, ohne dem anderen zuzuhören.
Meine Gedanken wollen die anderen Gedanken übertönen, lauter sein und die vorangegangenen Gedanken lassen sich dankbar verdrängen, und dann sitze ich da mit diesem Gedankenchaos in meinem Kopf und wende meine Energie schnell etwas anderem zu, etwas, das mir bewältigbar erscheint, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.
https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/04/08/gedankenwirrwar/
Ein richtiger Apriltag, Sturm hat es schon gegeben und Regen, viel Regen, bevor jetzt tatsächlich die Sonne durchbricht und auf die vom Regenwasser sauber gewaschene Straße fällt.
Auch in den Schauergeschichten hat es einen Sturm gegeben, der Teres wach gehalten hat. Ein Sturm, der vielleicht ein wenig Entsprechung findet in den Verwünschungen und Anschuldigungen, mit denen Teres murmelnd ihre Feriengäste aus der Stadt versieht. Frau Fabius, die Sommer für Sommer mit ihrem Sohn kommt, den die Kinderlähmung beinah umgebracht und dann gerade noch mit dem nackten Leben hat davon kommen lassen.
Zuvor war der scheinbar menschenfreundliche, hilfsbereite Dorfpfarrer mit dem Sohn der Zwergin, der so ausgehungert ist nach Ansprache, die er niemals erfahren hat, seine Mutter hat nicht (nie?) mit ihm gesprochen, knapp einhundert Seiten allein miteinander in einem Raum, den Pater Jónás und seine Haushälterin „Uterus“ nennen. Und während sich dort die Dinge zuspitzen, lässt Nádas alle Fäden zusammenlaufen. Jeder im Dorf, zumindest aber Teres, Imre und der Pfarrer werden von ihren Gespenstern verfolgt. Der Todesvogel, den Rosa bereits zu Anfang des Romans beschreibt, taucht auf und streift Teres Feriengast Frau Fabius.
Die Zerrissenheit Piroschkas, die anders als der Pater nicht darauf aus ist zu lachen, außer über sich selbst, ist eine andere: „Wie konnte sie in ein schwer behindertes Kind verliebt sein und zugleich in einen potenziellen oder bereits aktiven Verbrecher.“ (Fragezeichen gibt es nicht in diesem Buch. Fragen enden mit Punkten. Und irgendwie ist es auch so in diesem Klima, in diesem Dorf, das von einem kollektiven Gedächtnis gelenkt wird)
Die letzten hundert Seiten lang, läuft alles unerbittlich und grausam langsam auf ein nahezu apokalyptisches Ende zu.
https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/04/06/lesetagebuch-peter-nadas-schauergeschichten-5/
Teres, eine der Hauptfiguren in den Schauergeschichten, wird von ihren Toten heimgesucht. Ich vom Hexenschuss. Ostermontag beginnt mit Schmerzen und Regen.
Dass dieses Buch, immerhin 575 Seiten stark, keine Kapitel hat, das schreiben fast alle Rezensent:innen, aber warum ihnen das erwähnenswert erscheint, schreibt keiner von ihnen. Dabei wäre es merkwürdig, wenn die Schauergeschichten Kapitel hätten, fließt doch alles ineinander und über einander hinweg.
Piroschka taucht auf und der große, gut aussehende, aber grausame Sohn der Zwergin. Wobei mit der jungen schönen Piroschka die Wissenschaft gegen das kollektive Unbewusste anzutreten scheint. Großartig schreibt Nádas vom Zusammentreffen der beiden, von Ohnmacht und Hysterie, von Angst und dem Verlust der Beherrschung.
Die Schauergeschichten werden auf eine sehr sinnliche Art übersinnlich. Was ich damit meine: es geht zunehmend um kollektives Gedächtnis. Der Roman ist zeitlich in den 60er Jahren angesiedelt. Weil Paul Jandl es besser beschreibt, als ich das könnte ein Zitat aus der gestern verlinkten Rezension: „Es sind die sechziger Jahre der Ära János Kádárs in Ungarn. Der Kommunismus horcht über Wanzen in die Häuser der Menschen hinein. Ländereien wurden enteignet, aber in den gesellschaftlichen Ungleichzeitigkeiten scheint die Zeit stillzustehen. Der alte ungarische Adel rührt noch immer mit seinen Silberlöffeln im Tee und lässt sich feinste Sahne ins Budapester „Ritz“ bringen. Auf den Feldern und in den Weinbergen rund um die Hauptstadt arbeiten die Tagelöhner.“
Sowohl Piroschka als auch Imre, der Sohn der Zwergin, den niemand im Dorf bei seinem Namen nennt, nicht einmal die eigene Mutter, sind zerrissen, denken das eine und fühlen das andere, sagen dies um es gleich darauf zu widerrufen, kennen sich in ihren Gefühlen nicht aus.
https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/04/02/lesetagebuch-schauergeschichten-3/
#Gefühlschaos #kollektivesUnbewusstes #Lesetagebuch #PéterNádas #Schauergeschichten
Das Tolle an Nádas Schauergeschichten ist, dass man sie nicht nacherzählen kann. Es geht einfach nicht. Ich folge der Handlung, ich bin mitten drin in diesem Dorf, ich lerne die Bewohner und ihre Geschichten kennen, folge ihnen zur Arbeit auf den Feldern, lese vom Fluss der manchmal über die Ufer tritt, aber es ist unmöglich das mit wenigen Worten nachzuerzählen. Ich denke an Wolfgang Herrndorf der in seinem unvergessenen Blog „Arbeit und Struktur“ einmal irgendwo gesagt hat, dass Kritik, dass Besprechungen verdammt noch mal ein Buch, eine Geschichte nicht einfach nacherzählen soll. Bei diesem Buch besteht diese Gefahr erst gar nicht.
Obwohl, jetzt habe ich gerade ein wenig geschaut, wer was über den Roman geschrieben hat, und muss zugeben, es geht doch, es geht tatsächlich das Geschehen ansatzweise wiederzugeben und darüber hinaus noch klug einzuordnen. Wolfgang Schneider hat genau das für den Deutschlandfunk getan. Ich habe auch Besprechungen gehört und gelesen, mit denen ich nicht einverstanden war. Die allerbeste Besprechung aber, ist die von Paul Jandl in der NZZ.
https://muetzenfalterin.blogda.ch/2024/04/01/lesetagebuch-schauergeschichten-peter-nadas/
#Lesetagebuch #PaulJandl #PéterNádas #Schauergeschichten #WolfgangHerrndorf