Lesetagebuch „Notizen für John“ (5)

Relativ zu Anfang des Buches sagt der Therapeut etwas über Kinder in emotionalen Schwierigkeiten. „Die Eltern von Kindern in emotionalen Schwierigkeiten“, sagt er, „neigen dazu, sich schuldig zu fühlen, hoffnungslos – was haben sie falsch gemacht, was hätten sie anders machen können, wo ist alles auseinandergebrochen – und manchmal zeigen sie es, indem sie wütend werden.“

Es sind unterschiedliche Gedanken, die durch diesen Satz in Fluss kommen. Ich denke an ein Gespräch, das ich gestern geführt habe, in dem mir eine 42jährige Frau erzählte, dass ihr Leben vorbei sei, dass sie, so sehr sie sich auch bemühte, immer wieder scheiterte. U.a. haben wir über ihre Kinder geredet, die nach der Scheidung getrennt wurden, ein Sohn lebt bei ihrem Mann, der andere bei ihr. Ich hatte das Gefühl, sie würde sich vielleicht schuldig fühlen, weil ich mich gegenüber meinen Kindern ständig schuldig fühle. Und dann sagte sie: „Meine Mutter hat sich niemals schuldig, nicht einmal verantwortlich gefühlt. Schon als ich erst 2 Jahre alt war, bin ich es gewesen die an allem die Schuld trug“. Ich gebe zu, dass ich ganz kurz den ketzerischen Gedanken hatte, wie erleichternd es sein muss, selbst keine Verantwortung anzunehmen wie diese Mutter, die ihre Tochter offensichtlich schwer beschädigt hat, alles zu delegieren und wider besseres Wissen andere verantwortlich zu machen. Solche Dinge, die ja bereits während des Denkens als haltlos entlarvt werden, hat man wohl, wenn man hoffnungslos ist, wenn man zwar nicht wirklich wütend werden kann, dafür aber momentweise bösartig im Denken.

Ein anderer Gedanke beleuchtet das Dilemma, das schon lange meine Überlegungen bestimmt. Auf der einen Seite ist mir durchaus bewusst, wie wenig handlungsfähig ich bin, wie die Möglichkeit etwas zu ändern abnimmt, je weiter ich mich in der Suche nach falschen Entscheidungen, falschen Worten oder dem, was ich übersehen habe, verstricke, mich wieder und wieder frage, wo ich hätte handeln müssen es aber nicht getan habe, wo ich Dinge falsch verstanden und dementsprechend verkehrt reagiert habe. Also dieser Einsicht, dass derlei Fragen und Gewissensforschungen nur in Grenzen sinnvoll sind, nämlich um die Verantwortung für das tatsächliche Versagen zu übernehmen und sich bei den Beteiligten dafür zu entschuldigen und bestenfalls auch sich selbst zu verzeihen, weil man versteht, dass man sein Bestes zu geben versucht hat, auch wenn das Beste eben nicht gut genug gewesen ist. Auf der anderen Skala dieses Gedankens herrscht der Zwang, diese Gedanken immer wieder zu denken, immer neue Fehler aufzuspüren, so lange bis endlich alles wieder gut ist, bis es endlich allen gut geht. Erst dann, denke ich, könnte ich all das loslassen, dann endlich würde ich den Ausgang des Labyrinths entdecken. Dabei weiß ich, dass ich mir nicht erlaube den Ausgang zu sehen, der natürlich längst existiert.

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Lesetagebuch „Notizen für John“ (4)

Was mich gleichermaßen irritiert wie fasziniert, ist, wie sicher dieser Therapeut zu sein scheint, wie er es scheinbar niemals auch nur ansatzweise in Betracht zieht, dass es Fragen gibt, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt, dass es Verhaltensmuster gibt, die sowohl überlebenswichtig als auch verkehrt sind, dass er keinen Zweifel zu kennen scheint. Weder wenn er Ratschläge gibt, wie und über was Didion mit ihrer Tochter sprechen soll, noch wenn er ihr attestiert, dass sie nicht richtig handeln kann, dass jedes Verhalten, alles was gut gemeint war, genau das Gegenteil bewirken kann. Dieser Therapeut irritiert mich. Ich sehe gerne Serien, Filme, in denen es um Therapiesitzungen geht, kürzlich „In Therapie“ und ich habe sowohl Lori Gottliebs „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ verschlungen als auch die Bücher die Yalom über seine Arbeit als Therapeut geschrieben hat. Aber noch niemals hat mich ein Therapeut so abgestoßen und gleichzeitig fasziniert, wie dieser Therapeut von Joan Didion.

Vermutlich bin ich momentan in diesem Sinkflug, von dem D. kürzlich schrieb, sie sei aus der Abwärtsspirale wieder aufgetaucht. Vermutlich lag ich falsch als ich die Dauer zwischen den Therapiesitzungen auf drei Wochen erhöhte, weil ich dachte, das Wesentliche, das Alltägliche hätte ich ja nun im Griff. Vermutlich geht es gerade darum einfach auszuhalten, dass gerade nicht mehr geht, als auszuhalten was ist. Möglicherweise ist unter diesen Umständen die Lektüre von Notizen für John nicht das Richtige.

Auf jeden Fall scheint es aber so zu sein, dass ich es sogar lesend als verletzend empfinde, wenn Menschen so sicher sind, sich so offensichtlich über jeden Zweifel erhaben geben.

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Lori Gottlieb – Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden

„Dieses Buch ist so mutig, so wahr, tief empfunden und fesselnd“, steht auf dem Buchdeckel, und eigentlich schrecken mich solche Aufreihungen von Superlativen eher ab, aber dieses Mal muss ic…

Mützenfalterin

Lesetagebuch „Notizen für John“ (3)

Es stehen noch andere weitreichende Sätze in diesen Notizen für John, die ich wie Notizen für Elke lese. Zum Beispiel steht dort: „Das schien eines der zentralen Versprechen zu sein, wenn man ein Kind adoptierte: Man befreit das Kind von seiner oder ihrer Vergangenheit.“ Wir befinden uns im Jahr 2000 als dieser Satz von einem Therapeuten ausgesprochen wird, der angibt selbst Erfahrung mit Adopiton zu haben. Eines seiner Enkel sei ein adoptiertes Kind. Natürlich sagt er diesen Satz, der in solchen Fällen immer gesagt wird: Ich vergesse, dass sie adoptiert ist. Sie ist einfach meine Enkelin. Offenbar hat seit dem Prinzip des „also ob“, das in den 70er und auch noch in den 80er Jahren des vorangegangenen Jahrhunderts „normal“ war, nicht viel Reflexion stattgefunden. Man befreit das Kind von seiner Vergangenheit? Von einer Vergangenheit, von der das Kind nichts weiß, von der die Eltern aber vielleicht wenigstens einen gewissen Teil wissen, den sie dem Kind verheimlichen, um es zu beschützen?! Beschützen durch Verheimlichen. Beschützen in dem das Kind allein damit zurecht kommen muss, dass da immer wieder dieses Gefühl des Fremdseins ist, das Gefühl, das etwas nicht stimmt und fehlt. Das Gefühl einer großen Lücke, die aufgrund selbsternannter Experten besser leer bleibt. Um das Kind vor seiner Vergangenheit zu beschützen. Meiner Mutter, denke ich, hätte es gefallen das zu lesen. Siehst du, könnte sie gedacht haben, ich habe es doch nur gut gemeint und selbst so kluge Leute wie Psychotherapeuten sind der Meinung, dass du befreit werden musstest von deiner Vergangenheit. Noch ein Gespräch, das nie stattgefunden hat, nicht stattfinden konnte. Und alle Alternativen sind schale Möglichkeiten: das Gespräch mit meiner Therapeutin führen, mir das Gespräch ausdenken.

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Lesetagebuch „Notizen für John“ (1)

Es regnet. Es regnet auf diese sehr eklige hinterhältige Art und Weise, bei der die Nässe in jede Pore einzieht, bei der sich alles verkrampft und zusammenzieht, bei der man keinen Hund auf die Straße jagen möchte.

Ich denke über Joan Didion nach, dieses Buch, die Notizen für John, ist kein Buch, das sie als solches geplant hat, Sarah Murrenhof schreibt für Radio drei sehr differenziert darüber, wie ambivalent die Veröffentlichung ist.

Vermutlich haben all die Stimmen Recht, die sagen wir sollten nicht lesen, was Didion vermutlich so in dieser Form, nie zur Veröffentlichung freigegeben hätte, aber ich bin gerade dankbar, dass ich es dennoch lesen kann. Es tröstet mich, es hilft mir. An einer Stelle sagt ihr Psychotherapeut zu Joan Didion, dass sie den schlechten Zeichen zum Trotz (es geht um die Alkoholabhängigkeit ihrer Tochter Quintana) daran glauben soll, dass alles gut werden wird. Und ich denke plötzlich, dass Z., die mir gestern geschrieben hat, eigentlich etwas sehr ähnliches gemeint hat, als sie schrieb: auch wenn es gerade nicht so aussieht, die guten Zeiten kommen zurück. Die Frage ist vielleicht nur, ob ich noch da sein werde, wenn die guten Zeiten zurück gekommen sind. Aber letztendlich ist das nicht entscheidend, denn ich hatte vermutlich ausreichend gute Zeiten in meinem Leben.

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