Kindheit, Puppen und Erinnerungen
âDass die Kindheit lebenslĂ€nglich bleibt â sicherheitsverwahrtâ ist die Bilanz des neuen Hörspiels âDie wirkliche LĂ€mmchenhaftigkeitâ von Ursula Krechel. Ein poetisches StĂŒck ĂŒber Folgen der Zumutungen der Kindheit.
Ursula Krechel: Die wirkliche LĂ€mmchenhaftigkeit
DLF, Sa, 21.02.0226, 20.05 Uhr
DLF Kultur, So, 22.02.2026. 18.30 Uhr
Zwölf Jahre ist es her, dass Ursula Krechel, die aktuelle BĂŒchnerpreistrĂ€gerin, ihr letztes RadiostĂŒck geschrieben hat. Jetzt gibt es ein neues StĂŒck â und âDie wirkliche LĂ€mmchenhaftigkeitâ beginnt mit einem Kinderreim: âEins, zwei, drei, vier, fĂŒnf, sechs, sieben! / Wo ist meine Braut geblieben? / [âŠ] Sieben, achte, neune, zehne! / Ach, wie ich mich nach ihr sehne!â.
Am Ende wird die Braut Schluss gemacht haben und das Hörspiel endet mit einem Gedicht der Lyrikerin Ursula Krechel, die seit 1975 mehr als zwanzig Hörspiele verfasst hat. Erst dann wird man auch erfahren, wen man gehört hat: Rita El Bali und Michel Koch als Jakind und Neinkind, Bianca Hauda als Neinmama, David Hugo Schmitz als Japapa, Nelly Polit als Ăberausmama sowie Tanja Schleiff und Barbara NĂŒsse als die Seufzende und die Insichgekehrte. Die Rollenbezeichnungen dienen also eher zur Markierung von Sprechhaltungen, die die Autorin dem Ensemble und ihrem Regisseur Matthias Kapohl mitgegeben hat.
In den zehn durchnummerierten Teilen des Hörspiels geht es zunĂ€chst um PhĂ€nomene aus der Kindheit, die sprachlich gerne in der Verniedlichungsform des Diminutivs prĂ€sentiert werden. Dazu gehört auch das âLĂ€mmchenâ, das aus Schafswolle gemacht ist, in die sich auch gerne der Wolf kleidet â aber der kommt erst im letzten Teil vor. Die Fragen, die sich zu Beginn stellen, sind die: âWann wurden die Puppen mit ihren triumphierend hellen, fleischfarbenen, rosafarbenen Körpern durch Tiere ersetzt? Wann musste der Körper haarig, weich werden, ein Körper zum Liebhaben, ein Körper fĂŒrs Kinderbett, einer, der nachts tröstet, wĂ€hrend die Puppe getröstet werden musste, auch wenn die Puppenmutter traurig war?â
Die Laufmaschenleserin
Um welche Kindheiten es sich handelt, kann man nur vermuten. Es scheint eine Zeit zu sein, in der Kinder immer wieder vom Traktor fielen und es eine furchteinflöĂende âLaufmaschenleserinâ gab, die SeidenstrĂŒmpfe flickte und ihre TĂ€tigkeit wegen des Aufkommens von Nylonware aufgeben musste. Befinden wir uns da in der Nachkriegszeit, mit der die Autorin Ursula Krechel, geboren 1947 in Trier, noch Erinnerungen verknĂŒpft? Die Sounds von mechanischem Aufziehspielzeug (Julia Komfass) könnten ebenfalls darauf hindeuten. Doch die Suche nach der Kindheit ist nur einer von mehreren FĂ€den, die sich durch âDie wirkliche LĂ€mmchenhaftigkeitâ zieht.
Ein weiterer Faden folgt der Figur der Puppe. Als Kinderspielzeug stellte sie schon erhöhte Anforderungen. Als lebensgroĂe Nachbildung, wie sie der Maler Oskar Kokoschka seiner ehemaligen Geliebten Alma Mahler-Werfel hat bauen lassen, oder in Form der verschnĂŒrten Körper, die der Surrealist Hans Bellmer seiner Freundin, der Schriftstellerin Unica ZĂŒrn nachempfand, sind sie beliebig manipulierbar. Als BrĂ€ute, die sie ersetzen sollen, stehen die Puppen zwar zur VerfĂŒgung, können jedoch nie genĂŒgen, weshalb sie stellvertretend getötet werden mĂŒssen.
Neben Unica ZĂŒrn kommen noch Dora Maar aus dem Umfeld von Pablo Picasso und Colette Peignot aus dem Umfeld von George Bataille vor, die erst spĂ€t als eigenstĂ€ndige KĂŒnstlerinnen wahrgenommen wurden. Peignot, die sich Laure nannte, berichtet von sexuellen Ăbergriffen durch den âHerrn AbbĂ©â, der meint, ihr mit medizinischen FachausdrĂŒcken âdie Eheâ erklĂ€ren zu mĂŒssen.
Das Kind ist kein Konjunktiv
Als Gegengewicht zu diesen Kindheitserfahrungen und als emanzipatorischen Moment streut Ursula Krechel ein Gedicht ein: âKinder, ihr mĂŒsst euch mehr zutrauen! / Ihr lasst euch von Erwachsenen belĂŒgen / Und schlagen. â Denkt mal: FĂŒnf Kinder genĂŒgen, / Um eine GroĂmama zu verhauen.â Die Quellenangabe wird gleich nachgeliefert: âDas ist von Joachim Ringelnatz und es steht in BĂŒchern, die fĂŒr Kinder erreichbar sind â ohne Warnung, ohne VorsichtsmaĂnahme.â In Zeiten, in denen immer mehr Hörspiele mit sogenannten Triggerwarnungen versehen werden, dies wohl weniger Kritik, als ein ironischer Hinweis darauf, sich seines eigenen Verstandes ohne die Anleitung anderer zu bedienen.
Eine gewisse literarische MĂŒndigkeit hilft beim VerstĂ€ndnis des Hörspiels. Denn neben Laure, ZĂŒrn und Ringelnatz zitiert Ursula Krechel noch den portugiesischen Schriftsteller AntĂłnio Lobo Antunes, den Fotografen BrassaĂŻ, sowie Françoise Gilot und Carlton Lake aus dem Picasso-Umfeld. Zudem gehört auch die Figur des Japapa als Autor in den literarischen Kosmos der Kindheit. Er ist derjenige, der darauf besteht, dass das Kind auch selbst eine Stimme hat: âDas Kind ist kein Konjunktiv, das Kind ist keine indirekte Rede. Es spricht selbst. Hören Sie es nicht?â
Das Kind, das man durch Ursula Krechels Hörspiel hindurchhört, zieht in der Figur der Neinmama, die ja auch mal ein Kind war, am Ende eine bittere Bilanz, nĂ€mlich: âdass die Kindheit lebenslĂ€nglich bleibt â sicherheitsverwahrt. Niemals werde ich mich davon erholen.â
Jochen MeiĂner â KNA Mediendienst, 18.02.2026
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