VICTORIOUS Fight Night – Mann sein, ohne Maske
Don’t Talk About It
«Probieren geht über Studieren!» Enthusiastisch habe ich zugesagt, als ein Theologenfreund mir erklärt hat, was er da bald mitveranstalten wird, und mich fragte, ob ich Lust habe, mitzumachen.
Der Name mag etwas abschreckend klingen. Ja, es geht (auch) ums Kämpfen, doch es steckt ein ausgeklügeltes Konzept hinter der Fight Night.
Erstmal vorweg: Es gibt keine Platzwunden, keine Brüche, kein Blut. Es wird ausschliesslich gerungen. Schläge und Tritte sind strengstens verboten!
Es gibt weder Gewinner noch Verlierer; das Ziel ist nicht, den anderen zu besiegen, sondern den Kampf auszuhalten. Man kämpft auf unbekannte Zeit, zwischen 2 und 3 Minuten – bis der Richter die letzten 10 Sekunden laut abgezählt hat.
Es kämpfen immer nur zwei. Die anderen schauen zu und feuern jeweils den Kämpfer an, der im Moment unterlegen scheint. Jede Person kämpft ca. zwei Mal pro Abend.
Vor und nach dem Kampf gibt man sich die Hand oder umarmt sich.
Nebst diesen Regeln für den Kampf gibt es aber auch noch «Werte», die den Abend und das VICTORIOUS Movement an sich untermauern und beiden das geben, was sie ausmacht:
Don’t talk about it (Tyler Durden lässt grüssen!)
Was an der Fight Night geschieht – wer gegen wen kämpft, wie die Kämpfe ausgehen, worüber gesprochen wird – das bleibt an der Fight Night.Challenge must be accepted!
Herausforderungen im echten Leben fragen auch nicht, ob du gerade Zeit und Lust hast. Herausforderungen zum Kampf müssen angenommen werden.Respect your neighbour
Dein Gegenüber ist nicht dein Feind, sondern dein Bruder. In- und ausserhalb des Rings gilt Respekt gegenüber dem Nächsten.Deeds are better than words
Grosse Klappen haben Männer unter Männern (leider) immer noch häufig. An der Fight Night wird aber nicht dumm geredet, sondern konsequent und integer gehandelt.Enjoy fellowship
Geniesst die Gemeinschaft untereinander!Der Ring im Boxing Gym, in dem der Abend stattfand. An der Wand gut sichtbar: die fünf Werte der Fight Night.
Challenge Must Be Accepted
Für den ersten Kampf kann man jemanden herausfordern oder herausgefordert werden. Ich suche mir jemanden in meiner Gewichtsklasse aus.
Es gibt, wie gesagt, weder Gewinner noch Verlierer, und auch wenn es sie gäbe, dürfte ich hier ja nicht darüber berichten (siehe Wert 1).
Was ich aber dazu sagen kann: Leider habe ich in den wenigen Jiu-Jitsu-Trainings, die ich in gewissen Phasen meines Lebens besucht habe, nie abschliessend gelernt, meine Kräfte effizient einzuteilen.
Der wenigminütige Kampf fühlt sich einiges «mehrminütiger» an, als er ist. Nachdem die letzte Sekunde runtergezählt ist, bin ich völlig ausgepowert. Es wird mir vor Erschöpfung schwindelig und übel.
Als zu Beginn des Abends auf den Notfalleimer am Rande des Rings verwiesen wurde, musste ich noch lachen.
Jetzt lache ich nicht mehr. Den Eimer brauche ich aber zum Glück nicht, denn ich schaffe es noch bis zum WC.
Respect Your Neighbour
Ja, es wird schon immer mal wieder laut an der Fight Night, aber das ist nur einer der beiden Pole, die den Abend ausmachen.
Ein Gespräch mit einem der Leiter erläutert mir den Ursprung der Bewegung, die Teil der Männerarbeit der Freikirche «Forum Wiedenest» im zentralen Westen Deutschlands ist.
Die Mitgründer von VICTORIOUS haben alle die Erfahrung gemacht, dass in Kirchen häufig authentische gelebte Männergemeinschaft fehlte.
Nebst den (für manche vielleicht zu) wilden Aspekten der Angebote geht es bei der Bewegung deshalb primär darum, dass Männer erleben und lernen dürfen, in einer Gemeinschaft mit anderen Männern das zu teilen, was sie bewegt und beschäftigt.
Ohne Vorurteile, ohne Ausschluss, mit echtem Rückhalt.
Deeds Are Better Than Words
Worte inspirieren Taten und sind deshalb auch ein wichtiger Teil des Abends.
Zwischen der ersten und der zweiten Runde folgt ein längerer Zwischenteil: ein geistlicher Impuls. Einer der Leiter predigt in der Mitte des Rings zum Thema Mut. Die Pointe:
Manchmal erfordert das Leben mutige Schritte von uns, die vorerst in das Ungewisse führen und Gottvertrauen erfordern.
Es folgt eine Zeit der Stille, in der wir zu Reflektion über mögliche mutige Schritte im eigenen Leben aufgefordert werden.
Enjoy Fellowship!
Vor dem zweiten Kampf hat man die Möglichkeit, zu teilen, was gerade an Schwierigem ansteht, was beschäftigt und bedrückt. Das macht den Abend zu etwas wirklich Besonderem.
Hier zeigt sich jeder von einer verletzlichen Seite.
Es geht um Beziehungsprobleme, berufliche Schwierigkeiten, psychische Kämpfe, Herausforderungen in der familiären Lebensplanung und um existenzielles Ringen in der Auseinandersetzung mit sich selbst.
Es wird weder etwas klein geredet noch mit dummen Witzen die Ernsthaftigkeit überspielt. Man hört einfach zu. Vor dem Händeschütteln wird für die beiden Kämpfer und ihre Anliegen gebetet. Die Musik geht wieder an und die jeweiligen zweiten Kampfrunden des Abends beginnen.
Was hier geteilt wird, führt teilweise im Nachhinein noch zu weiteren Gesprächen. Die Gemeinschaft unter den Männern ist spürbar.
Nicht jedermanns Sache
Die VICTORIOUS Fight Night hat mich beeindruckt. Aus dem Kampfsport weiss ich, dass Kräftemessen, auch im freundlichen Sparring, schnell mal durch Unsicherheiten und kleine Egos zu ungemütlichem Dominanzgerangel degradieren kann. An diesem Abend gab es davon keine Spur.
Gleichzeitig habe ich aber auch gemerkt, dass so etwas nicht jedermanns Sache ist.
Es gibt sicher Männer, die sich an die Grenze pushen müssen, um sich selbst zu spüren. Für mich, als Mann, der eher zu viel und nicht zu wenig spürt, war die hektische und laute Atmosphäre aber zeitweise stark überstimulierend.
Prüfe alles und behalte das Gute
Nebst der grundsätzlich guten Erfahrung, die ich gemacht habe, gab es auch Elemente, die bei mir ein Stirnrunzeln auslösten.
Während des Aufwärmens wird nach jeder gezählten Liegestütze «MEHR!» gebrüllt. Die wiederholte Ansprache der Gruppe ist ein gut betontes «Männer!…». Sätze wie «Männer sind für Herausforderungen gemacht» weben sich ab und zu unter die Inputs. Und eines der Mottos, das dem VICTORIOUS Movement zu Grunde liegt, kann auch unschöne Bilder aufkommen lassen:
«Eisen schärft Eisen, ebenso schärft ein Mann den anderen.» (Spr. 27,17)
Zwischen den Ansätzen der verletzlichen und teilenden Männlichkeit begegnet mir also auch ein Nachhall des klassisch harten, resilienten, alles ertragenden Männerideals. Diese Spannung wird nie ganz aufgelöst.
Ohne Gewissensbisse mache ich deshalb bei Sachen, die mir nicht entsprechen, entweder gar nicht oder nur wenig enthusiastisch mit.
Theolo-gie, Theolo-ga
Durch den Abend gab es gelegentlich Momente, wo mich eine genauere Ausführung, wie eine theologische Aussage gemeint war, interessiert hätte.
Zu Beginn des Abends wurde ein Gebet vorgelesen, das wir Schulter an Schulter im Kreis jeweils Zeile für Zeile mit einem lauten «AMEN!» unterstreichen sollten.
Die Aussagen selbst waren aus meiner Perspektive nicht zwingend falsch, doch die Wortwahl und die Art, wie sie vorgetragen wurden, haben sie etwas schwer verdaulich gemacht.
Auf dem Heimweg
Ich finde es toll, was das VICTORIOUS Movement macht: Mit ihrem Zugang zum Anliegen, mehr Männergemeinschaft zu ermöglichen, scheinen sie Männer anzusprechen und helfen zu können.
Auf dem Heimweg ging mir aber verschiedenes durch den Kopf. Was könnte es wohl für ruhigere Formate geben, die Männergemeinschaft fördern?
Ich dachte auch über die Spannung nach, die den Abend durchgehend begleitete:
Einerseits zeigten sich Formen der verletzlichen Männlichkeit. Andererseits auch Spuren einer Männlichkeit, die sich vor allem durch strengere Attribute zu definieren schien.
Dabei komme ich zum Schluss, dass nicht das eine nur gut und das andere nur schlecht ist. Das würde der Komplexität der Umstände nicht gerecht werden. Da Spreu vom Weizen zu trennen, ist trotzdem nicht ganz einfach.
Manchmal scheint es mir fast so, als läge genau das heutzutage in der Luft: die Spannung dieser zwei Perspektiven auf Männlichkeit gut zu sortieren und durchzudenken. Ich freue mich, mich mehr damit auseinanderzusetzen. Solche Erfahrungen helfen mir dabei.
Und ganz fertig mit der Fight Night bin ich nicht. Ab und zu ein gutes Sparring macht Laune. Einfach vorher nicht zu viel essen!
Weitere Beiträge von Noe Ziegler zum Thema Männlichkeit:
Beitragsbild: Coverbild der Website VICTORIOUS Fight Night des Forum Wiedenest.
#Geschlecht #Gesellschaft #Männlichkeit