Sonne, Meer, Strand oder Berge – vom Urlaub träumen ist fast so schön, wie tatsächlich da zu sein. Aber eben nur fast. Nicht immer gelingt das da sein – selbst für Piloten – mit dem Flugzeug.
Für alle, die zweidimensional fest auf der Erde bleiben (möchten), verspricht jedes Jahr im Sommer der Caravan Salon in Düsseldorf die Lösung: mit Camper, Wohnwagen oder Zelt die ultimative Freiheit suchen. Oder mittlerweile auch: das mobile Büro aussuchen, mit dem man in der Abendsonne auf der Laderampe noch genüsslich einer Zoom Session beiwohnen kann…
Die Tourismusindustrie hat die Camper als Zielgruppe entdeckt. In einer eigenen Halle locken die Anbieter von unterschiedlichen Regionen weltweit.
Auch wenn alle Fahrzeuge glänzen und die Händler gute Laune versprühen – was technische Innovationen angeht, bewegt sich die Branche wie ein Dinosaurier. Man kann zwischen allen möglichen Grundrissen der Innenausstattung wählen: Quer- oder Längsschläfer, Bett hinten oder zum Umbauen aus der Sitzbank vorne oder über dem Fahrerhaus – fürs Kochen und Heizen sind die meist angebotene Lösung wie eh und je: Gasflaschen.
Am schnellsten findet man sein Traumgefährt bei jedem der 778 Aussteller mit der jeweiligen Übersichtstafel, wie die Planung im Innenraum der einzelnen Serien aussieht. Die Fahrzeug- und Austattungsdetails folgen dann im kleineren Auswahlkreis…Der Traum vom leichten Leben
Elektroantrieb beim Fahrzeug ist aufgrund der Masse des Fahrzeugs und der Limitation des Gesamtgewichtes kaum machbar. Der Verbrenner ist allgegenwärtig. Die 3,5 Tonnen, für die der Großteil der fahrbaren Wohnungen zugelassen ist – damit sie auch mit normalen Führerschein befahrbar sind und man etwa die Passstraßen in Österreich nutzen darf – sind mit der Basisinneneinrichtung meist schon fast erreicht. Ach ja, Personen braucht es auch noch. Und die haben noch Kleidung, Fahrräder und Surfbretter dabei und ein Reserverad wäre auch ganz praktisch.
Beim Hymer Venture S standen die Besucher Schlange. Innen ist der Off Road Camper traumhaft ausgestattet, schlafen hoch oben im „Instant Loft“ wie in einer Suite und auf der Rampe hinten oder am Esstisch lässt sich der Sonnenunter- oder aufgang besser erleben als im Hochhausbüro. Claro.
So verkauft man Träume: „Eine neue Kategorie von Reisemobil – die perfekte Kombination aus Lifestyle und Anspruch, Lagerfeuer und Hightech in einem noch nie dagewesenen Fahrzeug.“ Einige der Hersteller wissen perfekt, wie aus Blech Träume werden.
© diese 4 Bilder: HymerDas (mögliche) Sitzen auf der Heckklappe hat andererseits den Nachteil von null Stauraum fürs große Gepäck (linkes Bild). Es fehlt der Stauraum hinten unten wie sonst üblich bei den meisten gängigen konventionellen weißen Campfahrzeugen unter 3,5 Tonnen (im rechten Bild, mit links dem Container für die Gasflaschen unterm Bett…).
Immerhin gibt es als Zusatz gegen Aufpreis drei 115 W Solarpanele. In Kombination mit dem firmeneigenen Smart-Battery-System kann man laut Hersteller mit bis zu 320 Ah Lithium-Batteriekapazität bis zu 10 Tage energieautark unterwegs sein. Was das Kochen allerdings nicht mit einbezieht – das erfolgt wie üblich mit Gas in Flaschen.
Gas und immer wieder Gas
Denn, dass die Menschheit weg vom Gas will, scheint nur bei Hausheizungen zu gelten. Dass man meist mit dem Kopf 10 bis 20 Zentimeter über der oder den Gasflaschen schläft, interessiert ebensowenig. Solarpanele gibt es in größeren Mengen meist nur als Aufpreis. Mit einem allein kommt man auch nicht weit: 90 bis 100 Watt – das entspräche der Leistung einer Glühbirne, falls es die noch gäbe…
Für mehr ist aber meist auf dem Dach kein Platz. Panoramafenster, Dachluken der guten Aussicht wegen an allen Ecken und Enden verhindern einen möglichen Platz.
Man müsste umdenken und ganz neu konzipieren: Die Außenwand/wände müssten als Solarpanels wirken, kleine Fenster integriert werden. Schließlich steht oder fährt das Vehikel ja 24 Stunden im Freien.
Aber da bewegt sich nichts. Die große Nachfrage – in den ersten sieben Monaten wurden in der Bundesrepublik knapp 53.000 Freizeitfahrzeuge neu zugelassen* – bringt keinen Druck für die Händler, irgendetwas technologisch zu ändern, geschweige denn neu zu erfinden. Sie haben auch so mehr Nachfrage (fast 10% mehr als im letzten Jahr) als sie erfüllen können.
Und die Kunden, wie erwähnt, schlafen weiterhin über ihren Gasflaschen…
Was Elektrifizierung und damit auch Batterien betrifft: Ausreichend vorhanden bei der Standardausrüstung ist hier die große Ausnahme. Man muss schon froh sein, wenn es als Zusatz angeboten wird. Dann allerdings verbunden mit weitern Kosten und natürlich weiterem Gewicht…Wenn sich schon beim Antrieb und der Energieversorgung nichts ändert, dann wenigstens in der Ausstattung. So gibt es etliche Innovationen bei einem Übel, das die Camper wohl mehr tangiert: die Campingtoilette. Eine namens Cleanflex nutzt statt Spülwasser oder Chemikalien einen wasserdichten Beutel, der gleich verschweißt wird und dann ohne Geruchsbelästigung entsorgt werden kann. Das Interesse der Messbesucher und die Nachfrage war groß.
Für Tiny Houses gibt es auch Verbrenner-Toiletten, die bis auf ein wenig Staub die Hinterlassenschaften fast rückstandslos verbrennen.
Nicht ganz billig ist so ein Tiny House. Es bleibt fahrbar, auch wenn es „fest“ an einem Platz steht. Für die Generation, die ihre Behausung mitnehmen möchte, wenn sich der Wohn- und Arbeitsort ändert (und man/frau doch keinen Camper möchte). Oder als externes Büro im eigenen Garten (man gönnt sich ja sonst nichts…) oder für schon ältere Kinder, die (noch immer) den Komfort der elterlichen Behausung genießen, aber doch nicht mehr darin wohnen möchten…Sehr sinnvoll ist das (– verglichen etwa mit der Buchmesse – eher spärliche) Programm an Informationsveranstaltungen auf dem Caravan Salon. Spärlich, da man ja eigentlich Träume verkaufen will und nicht die Realität. Die wiederum – so der ADAC-Mann, der von der charmanten Moderatorin sanft durch seinen Vortrag geleitet und inhaltlich ergänzt wird – ganz hart in die Abendsonne-Verträumtheit reinspielt.
Auch hier ist die Neuzeit noch nicht angekommen. Als einzige Frau im Zuhörerkreis bei den rechtlichen Voraussetzungen wurde ich (als einzige) bei der Ausgabe der Broschüre übergangen. Frau ist ja nur Beiwerk? Oder?Selbst meine Nachfrage brachte nur ein verständnisloses Gesicht zuwege. War nicht in seinem Weltbild, dass auch Frauen arbeiten…
Und Vorsicht: Auf der Folie im Bild sind Fehler enthalten. Obwohl die tägliche Präsentation bereits zum vierten Mal gezeigt worden war. Da fehlte wohl jemand, der die Folie korrigieren konnte…
Warum 3,5 Tonnen?
Das Gesamtgewicht des Gespanns aus Fahrzeug und Wohnkabine, egal wie angeordnet, ist in den überwiegenden Fällen auf 3,5 Tonnen begrenzt. Das hat einerseits den Vorteil des normalen Führerscheins für jüngere Fahrer (Führerscheine, ausgestellt vor 1999 gelten bis 7,5 Tonnen) und man will ja auf der Reise auch einiges sehen.
Es fallen etliche Bergstraßen (Südfrankreich), Bergpässe (Österreich) oder auch Übernachtungsmöglchkeiten weg, wenn das Gefährt eine Weltreisenbummler-Anmutung und das Gewicht dazu hat. Abgesehen von höheren Versicherungen und weiteren Kosten.
Das Problem ist nur, dass die Masse der angebotenen (zu oft langweilig weißen) Camper-Fahrzeuge ihr maximales Gesamtgewicht von 3,5 Tonnen oft schon bis auf 200 Kilogramm selbst ausreizen. Den kärglichen Gewichtsrest darf der Nutzer dann mit 2 Erwachsenen und 2 Kindern (nackt?) auffüllen. Oder die gesetzlichen Limits überschreiten und sich hohen Strafen aussetzen.
Nur ein Beispielbild aus einer der 16 Hallen, voll gefüllt mit allen Campingfahrzeugen, Anhängern, Dach-, Vor- und anderen Zelten. Zeitlich aufgenommen vor der allgemeinen Öffnung der Messe 🙂 , also ohne die Menschenschlangen, die an den Türen der einzelnen Fahrzeugen warten, um sie genau zu inspizieren.Die Minimal-Dusche gibt es wahlweise statt einem weggeklappten WC, extra als eigenen Miniraum, oder, wie im Bild unten, ebenfalls wegklappbar mitten im Gang. Bei den üblicherweise 90 bis 100 Liter Wassertanks (gefahren wird, um das Maximalgewicht – ja schon wieder – nicht zu überschreiten, mit nur 20 Litern) reicht das sowieso nur für Katzenwäschen. Also doch lieber am Campingplatz übernachten? Die Unabhängigkeit ist halt doch oft nur ein frommer Wunsch.
Duschkabine
im Gang.
Die Königsklasse
Was seit dem letzten Jahr weiter zugenommen hat, ist das Angebot an (teuren) großen Off Road Campingfahrzeugen. Die wiegen selbst schon locker mehr als 3,5 Tonnen und haben genügend Diesel im Tank, um damit auch zu heizen. Kochen geht hier (endlich) meist elektrisch.
Als Luxus-Expeditionsfahrzeug mit mehr als 3,5 t bietet der österreichische Hersteller Krug Expedition dieses Gefährt an. Innen sieht es aus wie ein normaler, größerer, gut ausgestatteter Camper.Unlimited Freedom beim Reisen.
Wie weit geht die gefahrlose Freiheit heutzutage in den Gebieten, in die man damit bei der Weltreise fahren kann?
Die leider Noch-Rarität bei den kleinen: Induktionskochplatten. Der Ofen im Bild darunter, tja, dazu braucht es sicher noch viel länger Großraum- und Stark-Leistungsfahrzeuge. Aber den kann man bei Minimalismus nun wirklich einsparen…
Bei den Off Roadern gibt es (aufgrund des an sich schon hohen Gewichtes) vieles, was bei den zahlreichen Fahrzeugen, die einem auf der Autobahn oder am Campingplatz begegnen (noch) nicht möglich ist.
©Foto: Greenlander4,2 Tonnen Gewicht und eine Fahrzeug-Gesamtlänge von knapp 6,4 Metern: Der Greenlander ist ab etwa 250.000 Euro erhältlich. Dafür gibt es naturnahe Materialien: So ist etwa die Außen“haut“ aus einer Art imprägniertem Korbgeflecht. Das Kochen allerdings erfolgt wie eh und je (Wiederholung, ich weiß) mit: Gas. Dafür gibt es hinten unterm Bett Stauraum…In Europa starten die Expeditionsfahrzeuge preislich bereits bei rund 160.000 Euro, auch wenn nach oben hin kaum Grenzen sind.
Hier ist Unabhängigkeit für mehrere Tage Programm. Da muss endlich auch der Wassertank genügend groß sein und die Batterie, damit die unabhängige Versorgung sicher gestellt ist.
Das ultimative Off Road Vehikel hatten wir auf der EAA diesen Sommer in Oshkosh gesehen: den EarthRoamer. Wiegt knapp acht Tonnen, hat aber Waschmaschine und Trockner, und kann, so der Hersteller, so lange autark als Behausung dienen bis man wieder frische Lebensmittel braucht. Die gesamte Innenausstattung mutet mehr wie eine gemütlich elegante Wohnung an als ein Camper. Allerdings kostet das Trumm auch knapp eine Million und wird in Europa nicht angeboten…
Mit Washer and Dryer. Ausgestattet wie ein gemütliches Wohn- oder Schlafzimmer. Und trotzdem ein Off Road Vehikel, das endlich tatsächlich auch über etliche Tage unabhängig von externen Anschlüssen nutzbar ist. Mehr als 400 Liter Frischwasser, 400 Liter Dieseltank, ausreichend Solarpanele am Dach und kein Gas – das wäre zumindest ein Vorbild, ein Ziel, für die vielen weißen Caravans, die einem so auf den deutschen Autobahnen begegnen.Oshkosh 2024. Auch Piloten sind an Off Road Vehikeln interessiert. Dieses allerdings liegt sogar deutlich über der Preisklasse von kleinen Flugzeugen…Schmankerln
Einige Hersteller zeigten ihre Tradition: wie Campingfahrzeuge früher aussahen und, dass man auch damals schon die Freiheit auf Rädern suchte.Wer sagt, dass man immer einen LKW als Zugfahrzeug braucht? Das ist ein Opel Corsa auf sechs Rädern…Strandfeeling beim Interieur eines sogenannten (mobilen) Beach Houses: der Camper am Strand, wenn man sonst schon alles hat…
Der süße Vierbeiner war vom Camper nicht mehr wegzukriegen. Er hätte ihn sofort gekauft…Resümee
Wir hatten bereits im letzten Jahr über den Caravan Salon berichtet. Außer, dass die schiere Masse an Fahrzeugen weiter enorm zugenommen hat – was der Nachfrage geschuldet ist, die noch immer größer ist als das Angebot – hat sich technologisch in Richtung Elektrifizierung bei den meisten nicht viel geändert. Innovation ist außer bei den Details der Inneneinrichtung Fehlanzeige.
Die Branche sei wie ein Betonklotz, meinte einer der Hersteller. Und, dass sich da auch nichts bewegen würde in Richtung kompletter Neudenke und Neuentwicklung der Fahrzeuge, solange die gängigen gut nachgefragt werden. Klima? Ist hier kein ernsthaftes Thema.
©alle Bilder (außer anders im Foto gekennzeichnet): FlugundZeit
https://flugundzeit.blog/caravan-salon-2024/
#ADAC #CaravanSalon #EarthRoamer #einzigeFrau #Freizeit #HelgaKleisny #Mansplaining #Urlaubstipp


