Seit 2027 veranstaltet der Deutschlandfunk jährlich seinen Kölner Kongress über das Erzählen in den Medien. Nachdem in den vergangen Jahren „Erzähl mir was Neues“ gefordert wurde und im letzten Jahr gar der um sich greifende Begriff des Storytellings unter dem Motto „Auserzählt?“ in Frage gestellt wurde, lud man dieses Jahr unter dem Motto „Erzählen gegen die Krise“ am 8. und 9. März in das seit Kurzem unter Denkmalschutz stehende Funkhaus am Raderberggürtel ein. Einige Vorträge des Kölner Kongresses sind auf dem Sendeplatz „Essay und Diskurs“ des Deutschlandfunks, immer sonntags um 9.30 Uhr, zu hören.

Zwölf Referentinnen und Referenten beleuchteten im Halbstundentakt Aspekte der Krise, die zwar als Singular im Kongresstitel stand, sich aber in Polykrisen äußert. Der präsenteste Abwesende unter den Kongressteilnehmern war der vor zwei Jahren verstorbene französische Soziologe und Philosoph Bruno Latour. Von seinem Denken über das „Parlament der Dinge“ ließen sich einige der zwölf Referentinnen und Referenten inspirieren. An erster Stelle der Soziologe Claus Leggewie, der Latours Konzept konkretisierte und weiterdachte.

Wie man den Tieren eine Stimme gibt, konnte man gleich zum Auftakt des Kongresses hören. Nach einer Keynote der Biologin und Schriftstellerin Jasmin Schreiber („Worte finden für das Unvorstellbare“), die die sozialen Netzwerke mit charmantem Schnecken- und Spinnen-Content füttert, und einem Podiumsgespräch wurde das Radiofeature „Die Kuh. Im Parlament der Dinge“ (DLF/WDR) von Barbara Eisenmann aufgeführt. Die unausgesprochene Voraussetzung aller parlamentarischen Inklusion ist, dass Menschen und Tiere sich als Gattungswesen gegenüberstehen und jeweils füreinander sprechen. Die Einstimmigkeit der Tiere wurde jedoch von dem Hörspiel-Chor der Kühe, der dem Erzählerduo Astrid Meyerfeldt und Martin Bretschneider gegenüberstand und schlecht synchronisiert wirkte, eher unfreiwillig dementiert.

In ihrem Feature zerlegt Barbara Eisenmann die These, dass die Kuh von Natur aus ein Methan rülpsender Klimakiller sei. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seien Ackerbau und Viehzucht auseinandergefallen, die Kühe in Ställe gepfercht und mit Kraftfutter gemästet worden. Wer sich auf Äckern, Weiden und in Wäldern ernährt, hat eine erheblich bessere Ökobilanz.

Posthumanes Erzählen

Nichtmenschlichen Akteuren wie Tieren eine oder mehrere Stimmen zu geben ist seit der Antike, seit Aristophanes‘ Komödie „Die Vögel’, ein beliebtes literarisches Verfahren. Im Kontext eines posthumanen Erzählens gegen die Krise bekommt diese Technik eine neue Dimension. Besonders gut zu hören ist das im dreistündigen Hörspiel „Die Konferenz der Flüsse“ (Kritik hier) von Frank Raddatz und Denise Reimann, das in Dauerschleife in einem Nebenraum des Kölner Kongresses zu hören war. Dort verabschieden die Flüsse eine Charta, die nicht nur ihr Existenzrecht festschreibt, sondern auch das Recht auf Fließen, das Recht auf sauberes Wasser und „das Recht auf Mäandern“ fordert. Im Gegenzug verpflichten sich die Flüsse, „für Geschichten zu sorgen, die erzählt werden wollen“.

In der großen fließenden Erzählung von Raddatz und Reimann kommen nicht nur die bedeutendsten Ströme der Welt in ihrer jeweiligen Landessprache zu Wort, sondern auch die kleine Spree oder die Ahr. Auch der Styx, der mythologische Fluss der Unterwelt, tritt auf, der in seiner kulturellen Unterströmung kaum zu unterschätzen ist.

Von der Spree konnte man auch in dem ironisch betitelten Dialog „Anthropozän Ost – Wenn die Erde vom Klimawandel erzählt“ der Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Heyne mit DLF-Redakteur Thorsten Jantschek hören. Die Konsequenzen der Flutung ehemaliger Braunkohle-Tagebaugebiete in der Lausitz haben nicht nur Folgen für die Spree, sondern auch für die Trinkwasserversorgung Berlins.

Dagegen setzten die Hörspielautorin Patricia Görg und die Meeressoziologin Tanja Bogusz einen maritimen Schwerpunkt. Görg berichtete in ihrem Vortrag „Gimme Shelter – Die Ausweichquartiere des Menschen“ von den Experimenten mit unterseeischen Quartieren von Jacques Cousteau, während Bogusz über das Erzählen von einer „Katastrophe ohne Ereignis“ sprach.

Vernässungsprozesse sind für die Biotope der Moore relevant, mit denen sich die Hörspielmacher Eva Pöpplein und Janko Hanushevsky beschäftigten, die sich als Duo „Merzouga“ nennen. In „Peatland Paradise“ kann man Fieldrecordings aus irischen Mooren zu Gedichten von Seamus Heaney und Emily Brontë hören.

Verwüstungsprozesse hingegen beschäftigten die Journalistin Bettina Rühl in ihren Recherchen über „Eine grüne Mauer für den Sahel“. Dort sollen mit Baumgürteln die Sanddünen aufgehalten werden. Wegen der in der Subsahara-Region immer wieder aufflammenden Kriege und Bürgerkriege gestalten sich jedoch sowohl das Projekt als auch die Berichterstattung darüber schwierig.

Erzählen von der Zeitenwende

Wie können diese Phänomene journalistisch erzählbar gemacht werden, ohne dass die Hörer gleich gelangweilt abschalten oder gar der kompletten Nachrichtenvermeidung anheimfallen? Das fragte sich die DLF-Redakteurin Sarah Zerback, die den Podcast „Schmetterlingseffekt – Wie Weltkrisen unser Leben verändern“ erfunden hat und hostet. Darin versucht sie, anhand eines Protagonisten oder einer Protagonistin von großen Krisen zu erzählen und lässt diese zugleich von einem public intellectual, dem Juristen Bijan Moini, einordnen. Ihre Intention sei, „die Zeitenwende zum Produkt zu machen“, sagte Zerback.

Der Podcast „Schmetterlingseffekt“ benutzt alle Tricks, die ein Feature spannend machen sollen, die DLF-Redakteur Ingo Kottkamp in seinem Vortrag ¼attention/tension“ aufzählte, und scheitert oft dabei. Denn Höreransprache, Dramaturgie und Figurenzeichnung sind derart ratgebergeschult vorhersehbar, dass man verstimmt die Absicht bemerkt. Das schadet jedem Thema. Und während sich anderswo Marktlogiken als dysfunktional erweisen, installiert man sie nun im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der sich ihnen nicht unterwerfen müsste.

Zudem besteht bei dieser Art der Personalisierung immer die Gefahr, in einen unangenehmen Voyeurismus abzurutschen. Das geschah beispielsweise in der Folge über „Holli, die Überlebenskünstlerin“, die so arm ist, dass sie in Panik gerät, wenn der Stromzähler sich zu drehen beginnt. Nicht jedes Thema wird spannend, wenn man es in bekannte Schemata des Storytellings presst, jedes braucht seine eigene Form. Das hatte auch Ingo Kottkamp in seinem Vortrag festgestellt. Nebenbei warf er die Frage auf, ob Dokumentationen überhaupt immer spannend sein müssen, ob um der Aufmerksamkeit (attention) willen die Nerven der Hörer in Anspannung (tension) versetzt werden müssen.

Es ist nicht trivial, mit einer Welt umzugehen, die sich beschleunigt verändert und auf Kipppunkte zusteuert, auf Veränderungen, die irreversible Konsequenzen haben. Die Kulturwissenschaftlerin Birgit Schneider von der Universität Potsdam wies auf der Suche nach Erzählformen für die Klimakrise in ihrem Vortrag „Damit uns die Wörter nicht ausgehen“ darauf hin, dass Erzähler in aller Regel nicht die Macht haben, Entscheidungen zu treffen, die Einfluss auf krisenhafte Phänomene haben.

Die Krise der Imagination

Deshalb wollen Informationsdesigner, Kommunikationsagenturen und Umweltkommunikatoren wenigstens mit „Narrativen”, „Framing“ und „Storytelling“ das „Mindset“ der Bevölkerung ändern. Denn das Denken in sinnstiftenden Erzählungen ist mächtig. Doch dystopische Erzählungen vom Weltuntergang zahlen ebenso auf das Konto derjenigen ein, die die Resignation zur Aufrechterhaltung ihrer destruktiven Geschäftsmodelle brauchen, wie Erzählungen im „Modus der Hoffnung“, die kleine Lösungen herausstellen. Ausgeblendet wird dabei, dass strukturelle Probleme nicht individuell gelöst werden können. Ob dabei die K-Frage, also die nach dem Kapitalismus, gestellt werden muss, darüber war man sich auf den Podien uneinig.

Für das Erzählen bedeutet das, dass die Klimakrise auch eine Krise der Imagination nach sich zieht. Was wir aus Daten und Grafiken wissen, sagte Schneider, übersteige das Imaginationsvermögen, weil die Konsequenzen zu groß und maßlos seien, um begriffen zu werden: „Die Botschaft bleibt in ihrer überbordenden Bedeutung bedeutungslos.“ Sie schloss an Günther Anders‘ Begriff des „Überschwelligen“ als Gegenbegriff zum „Unterschwelligen“ an. Das Anormale wird normalisiert und für die farbigen „Climate Stripes“, die die Wärmeentwicklung der Erde von Blau bis Rot anzeigen, gibt es mittlerweile Strickanleitungen.

Wie kommt man nun vom Erzählen zum Handeln? Selbst transparente, positive Narrative geraten immer in die Gefahr, in Ideologie umzuschlagen. Die kausalen oder chronologischen Beziehungen, die Erzählungen stiften, sind besonders mächtig als Meta-Narrative. Damit sind nach Lyotard die Hintergrundannahmen unserer Kultur gemeint wie zum Beispiel: „Gott ist allmächtig“ oder „Die Technik wird es richten“ oder „Ohne Wachstum geht es nicht“. Das vorherrschende Meta-Narrativ, in dem vom Klimawandel erzählt wird – „Der Weltuntergang“ – ist besonders, da mit ihm die Bedingungen künftiger Geschichten gesetzt werden.

Magisches Denken

Meta-Narrative wie das von der Solidarität oder von der Natur als etwas Heiligem sind weit weniger wirksam, man braucht schon magisches Denken, um an das technooptimistische Narrativ zu glauben. Nach Schneider geht es also darum, veraltete und unangemessene Narrative aktiv zu verlernen und aus der Rekombination brauchbarer Elemente neue Narrative zu erschaffen. Literatur und Kunst seien nicht der Raum der Problemlösungen, sondern der Raum, in dem neue Vorstellungen erprobt werden können.

„Solange diese Menschenspezies auf etwas beharrt, was sich Zivilisation nennt, solange ist das Recht das effektivste Instrument, um unsere Interessen durchzusetzen“, heißt es im Hörspiel „Die Konferenz der Flüsse“ von Frank Raddatz und Denise Reimann. Es wäre also kein prinzipielles Problem, Aktanten wie Flüssen oder Tieren einen Status als juristische Personen zuzuerkennen, den Unternehmen bereits haben. Der Begriff Aktant bezeichnet in der Netzwerktheorie Bruno Latours nichtmenschliche Akteure. Und es gibt schon Beispiele für „klagende Flüsse“ in Neuseeland und Mexiko.

Einen anderen Modus der Problemlösung erläuterte der Soziologe Claus Leggewie, der sich in Anlehnung an Latour fragte: „Wer sitzt im Parlament der Dinge?“ Auf der Suche nach Wegen zu einem „neuen Kosmopolitismus“ schlug er vor, mit Hilfe eines neuen Gesellschaftsvertrags unter Einschluss der Natur den „dilatorischen Politikstil“ – jenes Auf-die-lange-Bank-Schieben, das repräsentativen Demokratien eigen ist – zu erweitern und bestenfalls zu beschleunigen. Denn mit „der unbestechlichen Physik des Klimawandels und der strengen Biochemie des Artensterbens“ ist schlecht zu verhandeln, gab Leggewie zu bedenken. „Menschliche Gesetze sagen: Du sollst nicht, Naturgesetze sagen: Du kannst nicht“, brachte es der strophysiker und Wissenschaftsvermittler Harald Lesch auf den Punkt.

Die Repräsentation von „Non-Voice-Parties“

Noch ist die Natur eine „Non-Voice-Party“, die in den Parlamenten ebenso wenig repräsentiert ist wie vor 100 Jahren die Frauen. Auch künftige Generationen, die die Folgen heutiger Entscheidungen wie die Akkumulation von Schuldenlasten oder die Ewigkeitskosten der Entsorgung radioaktiver Abfälle zu tragen haben, haben nach Leggewie „Repräsentationsbedarf“.

Die Form der Repräsentation von Tieren und anderen Aktanten ist nicht einfach, aber in animistischen und schamanistischen Kulturen gehören diese ganz selbstverständlich zum gesellschaftlichen Kosmos. Das demokratietheoretisch und in Geschäftsordnungen zu implementieren, sei ein „wicked problem“, sagte Leggewie, ein verzwicktes, scheinbar unlösbares Problem. Aber eine demokratische Versammlung, die nichtmenschliche Wesen per se ausschließt, verharre dem Erdsystem gegenüber „im Zustand einer absoluten Monarchie, in welcher der Mensch als ‚Krone der Schöpfung‘ allein herrscht“.

Der Soziologe kehrte die Beweislast um: Wenn eine allein auf menschliche Vernunft setzende Politik den drohenden Kollaps nicht abzuwenden vermag, „dann muss der Radius demokratischer Inklusion erweitert werden und sollten nichtmenschliche Non-Voice-Partys eine Stimme bekommen“. So könnte ein neues inklusives Meta-Narrativ aussehen, das auf gelernten Erzählungen von der Tierfabel bis zur Demokratie aufbaut und weder die Dystopie noch Techno-Utopien braucht.

Jochen Meißner – epd medien, 25.03.2024

 

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Kölner Kongress 2022 - Erzähl mir etwas Neues!

Geschichten erzählen in den Medien funktioniert glänzend. Aber wie geht es weiter? Wie erzählen wir uns die Zukunft? Und was wollen wir hören in Zukunft? Was ist Wahrheit: based on a true story oder erzählt auf der Grundlage recherchierter Fakten? Wie geht Vielfalt als Story und wer darf da mitreden? Zehn Vorträge und ein abschließendes Barcamp zu handwerklichen, literarischen, philosophischen Aspekten der Zukunft des Erzählens in den Medien.

Deutschlandfunk

Frank Raddatz, Denise Reimann: Die Konferenz der Flüsse

Deutschlandfunk, 11.11. und 18.11.2023, 20.05 bis 21.35 Uhr
Deutschlandfunk Kultur 12.11. und 19.11.2023, 18.30 bis 21.00 Uhr

Bevor Flüsse begradigt und zu Wasserstraßen herabgewürdigt wurden, mäanderten sie durch die Landschaft und schufen die Voraussetzungen für die menschliche Kultur, von der sie jetzt bedroht werden. Höchste Zeit für eine „Konferenz der Flüsse“.

Wenn einem eine insgesamt dreistündige Sendung keine Minute zu lang vorkommt und die Fragen, die sich unterwegs stellen, später beantwortet werden, dann haben die Macher dramaturgisch wohl einiges richtig gemacht. „Die Konferenz der Flüsse“ von Frank Raddatz und Denise Reimann ist so ein Stück, das in mäandernden Denkbewegungen Fragen provoziert, um sie später wieder einzuholen und zu beantworten.

Ähnlich wie in Erich Kästners Roman „Die Konferenz der Tiere“, der zwischen 1950 und 2018 mehrfach verhörspielt wurde, geht es in der „Konferenz der Flüsse“ um das, was „diese Hominiden“ dort anrichten. Auch um die neun größten Flüsse der Welt hat sich das Radio schon gekümmert, als der Hessische Rundfunk das Pfingstwochenende 2002 freiräumte, um die neun Ströme in jeweils dreistündigen Features zu porträtieren.

Die Flüsse im Hörspiel von Raddatz und Reimann sind jedoch nicht nur die des Realen, sondern sie fließen auch durch das Imaginäre, wie beispielsweise der Styx (Ilse Ritter), der ebenso permanent wie penetrant „Schtücks“ ausgesprochen wird. Moderiert wird die Konferenz von der im Vergleich zu Nil (30 Millionen Jahre alt, Amre Kassem) und Rhein (15 Millionen Jahre alt, Hanns Zischler) 20.000 Jahre jungen Spree (Anne Müller); unterteilt ist die Konferenz in sechs Panels: „Fließende Liebschaften“, „Strom und Drang“, „Klagende Wasser“, „Die Kultur der Ströme“, „Stimmen im Fluss“ und „Obolus und Kapital“.

So funktioniert die Konfektionierung der Sendung in einen sechsteiligen Podcast für die DLF- und die ARD-Audiothek mit jeweils halbstündigen Folgen. Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur haben „Die Konferenz der Flüsse“ aber auch als zweiteiliges Hörspiel (11. und 12. sowie 18. und 19. November) auf beiden Programmen gesendet.

Natur-kulturelle Hybride

Eine entscheidende Frage wird gleich am Ende der ersten Folge gestellt: Welche Natur wollen die Flüsse haben? Ihr Naturzustand ist nicht wiederherstellbar. Die Flüsse sind natur-kulturelle Hybride geworden. Der Rhein beispielsweise ist durch die Begradigungen von Johann Gottfried Tulla seit dem 19. Jahrhundert eine Wasserstraße geworden, die 2.000 Inseln und 40 ihrer 47 Fischarten verloren hat. In Frankreich trocknet die Garonne langsam aus, weil ihr Wasser von Industrie und Landwirtschaft entnommen wird. In Deutschland sind in der Dürre des vergangenen Sommers die sogenannten „Hungersteine“ in den Flussbetten sichtbar geworden, während ein Flüsschen wie die Ahr (Maren Kea Freese) mit ihren Überflutungen für katastrophale Schäden gesorgt hat.

Bevor aber das gesamte Anthropozän sprichwörtlich über den Jordan geht – der übrigens als Fließgewässer nur noch existiert, weil er aus ungeklärten Abwässern besteht – beschließen die Flüsse eine Resolution, die ihr Recht auf Existenz, auf sauberes Wasser und auf Fließen fordert. Durchsetzen kann man das am besten vor Gericht. Warum? Weil sich die Flüsse (und Wälder und Tiere) erst juristisch gegen ihnen vorsätzlich zugefügten Schaden wehren können, wenn ihnen ein Status als Rechtssubjekte zuerkannt wird. Andere nichtmenschliche Akteure wie Unternehmen können das als juristische Personen schon längst.

Die Schuldfrage

Doch es gibt noch ein anderes Erzählmuster, dem auf Panels und in Plenen, in Arbeitsgruppen und Kommissionen immer wieder gerne nachgegangen wird, nämlich der Frage: Wer ist schuld? Genauer: Wer hat dem Homo sapiens seine überwältigende Macht gegeben? Auch die Flüsse sind von dem entlastenden Affekt, einen Schuldigen zu benennen, nicht frei. Aber bevor man sich zerstreiten kann, meldet sich der Nil zu Wort und nimmt alle Schuld auf sich. Er sei unbeabsichtigt verantwortlich für die Grundlagen der brutalen menschlichen Kultur („Was, du warst das?“ – „Ich glaub’s ja nicht.“ – „Was hast du dir dabei gedacht?“).

Natürlich funktioniert das als „Comic Relief“, hat aber auch einen wahren Kern. Denn laut dem französischen Philosophen Michel Serres entstand im alten Ägypten die Geometrie quasi gleich-ursprünglich mit dem Recht. Weil durch die regelmäßigen Überschwemmungen des Nils die Grenzziehungen verloren gingen, entstand die Landvermessung und damit das Recht, die Grenzen wiederherzustellen.

„Solange diese Menschenspezies auf etwas beharrt, was sich Zivilisation nennt, solange ist das Recht das effektivste Instrument, um unsere Interessen durchzusetzen“, beantwortet der mexikanische Rio Magdalena in der vierten Folge die Frage, die in der dritten Folge („Klagende Wasser“) noch offengeblieben war. Dass der Nil natürlich nicht allein an allem Schuld war, beweist eine Reise durch die frühgeschichtlichen Hochkulturen rund um die Welt.

Fülle an Geschichte und Geschichten

Es ist nicht nur die Fülle des Wissens, die in der „Konferenz der Flüsse“ vermittelt wird und die immer wieder staunen lässt, sondern es ist auch die Fülle an Geschichte und Geschichten, die hier erzählt werden. So bedient das Hörspiel nicht das dystopische Erzählmuster des Niedergangs angesichts des Klimawandels, sondern feiert den kulturellen Reichtum, den die Flusskulturen, angefangen vom Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris, hervorgebracht haben.

Die Autoren Denise Reimann, die als Literaturwissenschaftlerin der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, und der Dramaturg Frank Raddatz, der Anfang der 1990er Jahre für seine Interviews mit dem DDR-Dramatiker Heiner Müller bekanntgeworden ist, haben offensichtlich ausführlich recherchiert und präsentieren die Früchte ihrer Belesenheit auf charmanteste Art und Weise.

Erzählt werden dieses Geschichten in den Sprachen der Flüsse, also auf Arabisch, wenn der Nil (Amre Kasem) zu Wort kommen, auf Chinesisch, wenn der Jangtsekiang (Fang Yu) sich einmischt, auf Französisch, wenn die Garonne (Sandra Bourdonnec) ihr Leid klagt oder auf Spanisch, wenn der Rio Magdalena (Darinka Ezeta) aufbegehrt. Das klingt sehr selbstverständlich und außerdem trifft die Stimme von Jens Harzer, der einige Übersetzungen im Voiceover übernimmt, immer den angemessenen Ton. Wie überhaupt das hochkarätig besetzte Ensemble (neben den Genannten: Lore Stefanek in der Rolle der Donau, Jeff Burnelle als Mississippi, Ruth Rosenfeld als Jordan, Carolina Riaño Gomez als Rio Vilcabamba, Long Dang-Ngoc als Mekong, Tony de Mayer als Senne, Mazen Aljubbeh als Euphrat u.v.a.m.) offensichtlich mit ihrer Hörerschaft das Staunen über die Sachverhalte, die sie da vorzutragen haben, teilt.

Man hört niemals denselben Fluss

Es ist, und das muss man mittlerweile dazusagen, keine Konfektionsware, die da aus den Lautsprechern quillt, sondern das wozu der öffentlich-rechtliche Rundfunk beauftragt ist: ein unterhaltsames Kulturprogramm, das seine Hörer nicht für dümmer hält als seine Macher und das man mehrmals hören kann, um immer wieder neue Aspekte zu entdecken. Man hört niemals denselben Fluss. Auf Ohrenhöhe bewegen sich auch die Regie von Leopold von Verschuer und die musikalische Gestaltung von Bo Wiget.

Da wird gleich zu Beginn klargemacht, dass man hier nicht Variationen von Händels „Wassermusik“, Schumanns „Rheinischer Sinfonie“ oder Schuberts „Forellenquintett“ zu hören bekommen wird. Selbst Smetanas „Die Moldau“ wird nur kurz zitiert, bevor später Hanns Zischler und das Sprecherensemble Brechts „Lied von der Moldau“ anstimmen – ohne im mindesten verhehlen zu wollen, das Gesang nicht ihre Kernkompetenz ist.

Am Schluss verabschieden die Flüsse nicht nur eine Resolution, die unter anderem das Recht auf Mäandern festschreibt, sondern auch die Selbstverpflichtung „für Geschichten zu sorgen, die erzählt werden wollen“. Wer hätte gedacht, dass das Erzählen und die Erhaltung der Ökosysteme so eng zusammenhängen können. Frank Raddatz und Denise Reimann zeigen auf ästhetisch überzeugende Weise, wie Kunst auf die ökologische Krise reagieren kann.

Jochen Meißner – KNA Mediendienst, 23.11.2023

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Serie - Die Konferenz der Flüsse

Hörspiel-Serie über ein einmaliges Ereignis: Die Flüsse der Welt nehmen erstmals an einer gemeinsamen Zusammenkunft teil. Anlass ist die Situation der Erde, der menschengemachte Klimawandel und dessen gravierende Auswirkungen auf die Flüsse.

Hörspielportal

Die Konferenz der Flüsse

von Frank Raddatz und Denise Reimann

Regie: Leopold von Verschuer
Komposition: Bo Wiget
Redaktion: Christine Grimm
Produktion: DLF Kultur 2023
Länge (Podcast): 2:56:44
Ursendung als zweiteiliges Hörspiel: DLF, 11. + 18.11.2023, 20.05 Uhr, DLF Kultur 12. + 19.12.2023, 18.30 Uhr
als sechsteiliger Podcast in der DLF- und der ARD-Audiothek

Die Begründung der Jury

verfasst von Miedya Mahmod.

Diese Jurybegründung findet ihre ersten Sätze auf einer Reise, über Land- und Luftweg, ins Zweistromland – auch: Mesopotamien.
Sie sucht ihre letzten Sätze auf einer Konferenz zwischen den Flüssen – auch: méso potamói.

Die aquakulturelle Revolution geht uns alle an. Wir alle werden von ihr beein-flusst werden. Keine Flussbegradigung wird das verhindern, kein Staudamm stoppen. Wir müssen also die Quellen verstehen, die abseits der Schriften, Papiere, Bibliotheken liegen. Wir können uns ruhig vor den Strömungen fürchten. Wir dürfen uns aber auch von ihnen mitnehmen lassen.

Wir, d.h. die fragile Behauptung eines ‚wir‘ für die Menschen; Wir müssen uns nicht im Einzelnen an die Details erinnern, um zu wissen, dass es stimmt.
Die Flüsse erinnern alles, solange alles im Fluss ist.
Wie könnten sie nicht? In ihren Armen wiegten sie die ersten Hochkulturen der Menschheitsgeschichte. Aus ihren Ufern stiegen wir zuvor zweibeinig, gingen aufrecht und folgten dennoch lange Zeit ihrem Lauf. An ihren Mündungen verbrannten wir unsere Toten, an ihren Mündungen tranken wir um unser Leben.

Wir, als planetare Lebensformen (die zu ca. 70% +/- aus Wasser bestehen), danken Donau, Rhein, Spree, Styx, Rio Magdalena, Jangtse, Nil, Mississippi, Garonne, Mekong, Ahr, Rio Vilcabamba, Euphrat, Jordan, Senne für die herausragende Arbeit als Vertreter*innen der globalen Flussgemeinschaft, aber auch als Stimmen ihres eigenen Rauschen und wollen außerdem, als Hörspieljury, dem für das menschliche Ohr aufbereiteten Audio-Material, das aus ihrer Konferenz entsprungen ist, den Preis für das Hörspiel des Monats November verleihen.

Unsere Gratulationen richten sich auch an die Komplizinnen, die bei der Aufbereitung jener Konferenz der Flüsse, die ihren Abschluss und Höhepunkt in einer weltverwässernden, aber -bessernden meinend, Resolution, einer Charta der Flüsse, geholfen haben. Namentlich genannt seien u.a. Denise Reimann und Frank Raddatz als Protokollantinnen im Sinne einer post-anthropozentrischen Verständigungs- und damit Versöhnungspolitik, ihre Teamkolleg*innen und DLF Kultur als erste Sendeanstalt, die ausführlich zur Resolutionsfindung und dem Hintergrund der Charta berichtete.

Alles daran und darin fließt ineinander über und geht unter die (Wasser)Oberfläche, die mehr sein will als der Blick in die eigene Spiegelung. „Insbesondere (heben wir) das Recht gehört zu werden, das Recht auf Leben, das Recht zu fließen und das Recht zu mäandern [!!!] als
zukunftsweisend hervor.‘”

Lobende Erwähnung
Die Jury ist sich zudem einig darin, eine lobende Erwähnung auszusprechen für die ORF-Produktion „Blasse Stunden / Blijedi sati“. Der Text der Autorin Manuela Tomic setzt szenenweise poetische Sprengkraft frei, die unter der Regie von Andreas Jungwirth in beste Richtungen gelenkt wird, wobei gerade der versierte Einsatz sprachlicher Verschiebungen, Übersetzung und Unübersetzbarkeit sowie Zweisprachigkeit als maßgebliches Mittel zum Erzählen einer Geschichte herausragend gelingt.

Das Hörspiel des Monats wird am Samstag, den 03.02.2023 um 20.05 Uhr im Deutschlandfunk (DLF) wiederholt.

Die Konferenz der Flüsse

Die Nominierungen

BR, Andi Unger: Marei
DLF, keine Nominierung
DLF Kultur, Frank Raddatz, Denise Reimann: Die Konferenz der Flüsse
HR, keine Nominerung
MDR, keine Nominierung
NDR, Patricia Highsmith: Die gläserne Zelle
RB, keine Nominierung
RBB, keine Nominierung
SR, keine Nominierung
SWR, Monika Fagerholm: Wer hat Bambi getötet?
WDR, Juliane Stadelmann: Eine Reihe von Zeichen, die auf den Tod hindeuten
ORF, Manuela Tomic: Blasse Stunden / Blijedi sati
SRF, Dominik Busch: Der Chor

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