Freundschaft im Erwachsenenleben: Von «Catch-up Culture» und Kräutertee
Ich sitze mit meiner Freundin in einem Café. Wir haben uns länger nicht gesehen. Sie fragt mich wie es mir geht. Bevor ich beginne, zu erzählen, hole ich noch den Tee, den wir bestellt haben.
In meinem Kopf gehe ich durch, was alles passiert ist, in den letzten Wochen und Monaten. Wie läuft es mit der Beziehung, was steht beruflich gerade so an, wie geht es dem Rest der Familie, gibt es sonst relevante Entwicklungen, die mitzuteilen wären.
Ich habe das Gefühl, ihr ein kurzes Wrap-up meines kürzlich passierten Lebens geben zu müssen, damit sie auf dem neuesten Stand ist.
wackelig
Der Tisch zwischen uns wackelt. Der Boden ist leicht uneben. Während ich die erste Tasse auf der Tischplatte abstelle, schwappt der Tee auf die Untertasse und bildet dort einen Wasserspiegel, der den Tassenrand umschmeichelt.
Das Schauspiel wiederholt sich beim Platzieren der zweiten Tasse, nur diesmal mit anderer Kipprichtung, was dazu führt, dass die zuerst abgestellte Tasse nun ebenfalls in die andere Richtung überschwappt. Vielleicht habe ich minimal zu viel Tee eingegossen.
Dieses Hin- und Hergeschwappe ist symbolisch für die Situation: Freundschaften sind wackelige Angelegenheiten in den 30ern. Früher hat meine Oma immer gesagt: Das ruckelt sich zurecht. Jetzt fühlt es sich manchmal so an, als ob es sich eher ver-ruckelt.
In der Schulzeit hat sich Freundschaft durch räumliche Nähe ergeben. Oder durch dasselbe Hobby, nicht zu vergessen die oft langjährigen Schulkolleg:innen, mit denen dasselbe Leid geteilt wurde.
An der Uni sass ich mit Freund:innen in denselben Vorlesungen oder Seminaren, wir waren jung und wissbegierig und haben uns für Theologie interessiert. Allein diese Gemeinsamkeit machte uns zu Verbündeten.
Jetzt gründen Freund:innen Familien, Prioritäten verschieben sich, berufliche Karrieren rücken in den Vordergrund. Sie ziehen um, in den Vorort oder in ein anderes Land, sie bekommen Hunde.
wohldosiert
Vorsichtig schlürfe ich an meiner Tasse. Die heissen Teeschlucke rinnen meine Kehle hinunter. In meinem Magen wird es warm. Ich nehme noch einen Schluck. Es ist irgendein Kräutertee, vermutlich was mit Minze. Meine Freundin pustet in ihre Tasse, bevor sie zum Trinken ansetzt.
Seit Neuestem ist bei dem Thema Freundschaften häufig der Ausdruck Catch-up Culture zu lesen. Dabei bezeichnet der Ausdruck, wie das «Sich gegenseitig auf den neuesten Stand bringen» zu einer Kultur in Freundschaften wird.
Das sieht dann so ähnlich aus, wie die Szene, in der ich mich gerade mit meiner Freundin wiederfinde. Wir sitzen in Cafés, klappern die Entwicklungen der letzten Wochen oder manchmal auch der letzten Monate ab, trinken vielleicht noch einen zweiten Matcha Latte und dann sehen wir uns in 2-3 Monaten wieder.
Eine wohldosierte Freundschaft, in kleinen Schlucken, trinkfertig, nicht zu heiss, aber noch heiss genug, um mich ein bisschen von innen zu wärmen. Ich weiss nicht, ob mir das dauerhaft schmeckt.
pflegebedürftig
Der Tee hat ein Mü zu lange gezogen und hinterlässt einen herben Geschmack im Mund. Meine Freundin und ich sehen uns selten, vielleicht 3–4-mal im Jahr. Früher haben wir zusammen studiert und uns jeden Donnerstag mit Amaretto betrunken. Jetzt trinken wir bitteren Kräutertee.
Meine Freundin knautscht und verschiebt die Kissen, die ihren Rücken auspolstern. Wie ist es bei deinen Eltern gerade so? Die Themen sind ernsthaft, für Smalltalk kennen wir uns zu gut. Ich bin dankbar, dass wir in Kontakt bleiben. Es ist nicht selbstverständlich, das weiss ich.
Wie geht Freundschaftspflege, wenn wir nicht mehr jeden Morgen nebeneinander im Bus sitzen, oder nebeneinander im Büro, oder mit dem Fahrrad zusammen zum Sport fahren? Wie geht Freundschaftspflege mit Kindern und Hunden und ohne regelmässigen Amaretto und Kirchengeschichtsvorlesung?
Michelle Elman prägt in ihrem Buch «Bad friend» nicht nur den Ausdruck Catch-up Culture, sie beschreibt auch, wie Freundschaften ein Teil des Hamsterrads sein können, in dem wir unaufhörlich voran strampeln. Hier noch ein Meeting, dort noch auf einen Kaffee mit Dieser oder Jener, morgen ein Lunch-Date mit einer Dritten.
bereichernd
Ich habe mir meine Freund:innen ausgesucht. Ich hätte mich nicht mit ihnen anfreunden müssen – auch wenn gewisse Gegebenheiten die Freundschaft begünstigt haben. Aber ich habe mir diese Freund:innen ausgesucht, weil diese Menschen mein Leben bereichern.
Freundschaften machen gesund, psychisch und physisch, sie machen mich klüger, freundlicher und insgesamt zu einem besseren Menschen. Mir geht es besser, wenn ich meinen Freund:innen eine gute Freundin bin, ihnen hoffentlich auch.
Aber ich wünsche mir dafür etwas mehr als einen Kräutertee Zeit. Vielleicht eher so drei Kräutertees, ein Mittagessen mit Kinderbespassung und anschliessendem Ausflug in den Wald. Dazu noch Kuchen nach Belieben, bestenfalls zusammen gebacken.
Janosch Schobin, Soziologe, bestärkt meinen Verdacht. Es geht um Zeit und die Frage, wie wir diese und vor allem mit wem verbringen.
geschenkt
Ich stelle fest: Zeit, die ich zur Regenration benötige ist zumindest für mich nicht die Zeit, in der ich die Aufmerksamkeit habe eine Freundschaft zu pflegen. Freundschaftszeit ist ein Geschenk und Kapazitäten sind begrenzt, das ist okay.
Es muss auch nicht immer um die ganz grossen Themen und Fragen gehen. Vielleicht besteht eine Freundschaft auch mal darin, jede Woche gemeinsam zu puzzlen. Ohne viel reden. Oder regelmässig eine Runde durch den Wald joggen. Sport macht gemeinsam eh mehr Freude.
Mehr Machen, Erleben, Alltag teilen – weniger forciertes Updaten, oder zumindest beiläufiger. Denn Freundschaft ist kein Informationsaustausch, sondern gemeinsames Leben.
Vielleicht verschenke ich zum nächsten Geburtstag, wie damals in der Grundschule, Zeitgutscheine.
Einmal zusammen Gartenarbeit, einmal zusammen ins Kino, einmal zusammen Frühjahrsputz, einmal zusammen in die Therme, einmal zusammen Tee trinken.
Nach anderthalb Stunden ist der Tee ausgetrunken. Meine Freundin muss zum Zug. Auf den Untertassen bleibt eine Kräuterteepfütze ungetrunken zurück.
Nächstes Mal machen wir irgendwas zusammen, wenn wir uns sehen, also irgendwas Richtiges. Vor Weihnachten war ich mal zum Plätzchen backen bei ihr. Wir könnten wieder gemeinsam backen. Plätzchen kann man auch im Frühling backen. – Das finde ich gut.
Mit einem Augenzwinkern hat auch Anna Näf über Freundschaft und Kühlschränke geschrieben.
Zur Vertiefung ein Beitrag bei srf: Haben wir keine Zeit mehr für echte Freundschaft?
