Wenn man jung ist, lebt man in einer Blase aus immergleicher Zeit. Eine Art stillstehende Kammer, in der alle Gesichter denselben Abstand zum Morgen haben. Die Eltern sind Eltern, die Kinder sind Kinder. Es gibt diese klare Grenze zwischen den Generationen. Die Promis sind alterslos. Freunde altern höchstens um Bleistiftstriche, die man in ein Türstockholz ritzt. Die Welt hat ein konstantes Alter, und man selbst schwebt irgendwo darin, unantastbar und unendlich.
Doch irgendwann kommt ein Riss in dieser Kammer. Er ist leise. Vielleicht bemerkt man ihn zunächst gar nicht. Und dann, plötzlich, sieht man es überall: Die Jahre erfinden einen neu. Nicht hinter einem, nicht vor einem, sondern gleichzeitig. Als wäre Zeit ein Netz, das sich über alle legt und nicht mehr selektiv wirkt. Die Kindheitsfreunde tragen Falten im Gesicht. Die Klassenfotos wirken wie ferne Fossilien. Die Leute aus Filmen, die man früher für unsterblich hielt, fangen an Falten in ihrem Gesicht zu züchten. Und die Kinder, die einst im Hof kreischten, schieben nun selbst Kinderwägen.
Das Leben beginnt sich zu beschleunigen, als hätte jemand den Filmprojektor von 24 Bildern auf 60 gestellt. Dinge, die früher Jahre brauchten, geschehen plötzlich in Monaten. Ein Jahrzehnt wird kürzer als ein Sommerferientag damals, und irgendwann erscheinen Ereignisse n denen man damals leben konnte, so kurzzeitig, dass man sich gar nicht mehr sicher sein kann, ob sie jemals wirklich passiert sind. Alles wird schneller zu Vergangenheit als es jemals Gegenwart war. Man blinzelt - und irgendwer ist grau geworden. Man blinzelt noch einmal - und jemand ist nicht mehr da.
Es ist ein seltsames Gefühl: Man spürt, dass das eigene Altern nicht isoliert ist, sondern Teil eines grösseren Schubs, einer kollektiven Bewegung. Als ob man die ganze Welt verschiebt. Wie eine Welle, die alle gleichzeitig erfasst. Man altert nicht einsam, man altert gemeinsam. Und gerade darin liegt die leise Melancholie: Das, was einst konstant war, ist nun ein Strom, der alles mitzieht.
Alter wird so zu einer Beschleunigung. Ein Steigen der Frequenz. Ein Takt, der schneller schlägt, je länger man in ihm verweilt. Man merkt, dass die Zeit nicht stehenbleibt, sondern alles mitnimmt, was man liebt, und alles, was man war. Und plötzlich versucht man sich an allem festzuhalten, als ob es sonst verschwinden würde, und weiß, warum alte Menschen dies tun.
Das ist der Moment, in dem man versteht: Die Jugend war nicht ewig. Sie war nur laut genug, um alles andere zu übertönen. Und, dass wir alle mal dachten, wir wären ewig jung. Jede einzelne Generation, bevor sie alt wurde. Dass die 70er so ewig waren wie die 90er. Und dann plötzlich sind wir Zeitreisende, die wissen, woher wir kommen, aber nie wieder dorthin zurück können.
Zeit ist eine Form von Ironie.
