RE: https://mastodon.social/@AwetTesfaiesus/116760631982738672

Ein Nachtrag zu vielen Gesprächen und einen anregenden Impulsvortrag von Christoph Baumanns gestern, der in vielen Recht hat!

- Klöckner hat in einem recht: Kirchen sind natürlich NGOs.

- Kirche ist unverzichtbar in ihrer Funktion Freiheitsräume zu sichern und zu gewähren in einer Zeit in der diese unter Druck stehen.

- sie ist ebenfalls unverzichtbar als Brücke zu Personen und Gemeinschaften, die anders glauben (oder gar nicht).

- Kirche ist mir in ihrer Gänze nicht politisch genug; insbesondere, wenn es um Fragen der Verteilung von Vermögen, Handlungsmacht und Gerechtigkeit geht (gilt aber eher nicht für die EKKW)

- Kirche müsste in ihrer Praxis nicht entschieden und nicht nah genug am Evangelium; es tragen wenige die Last für viele, die es nicht tun obwohl könnten.

- eine „unpolitische Kirche“ (was nicht ginge) wäre taub für den Ruf.

- Kirche hat versagt bei der Aufarbeitung von Missbrauch und Gewalt; auch die evangelische. Das lediglich anzuerkennen genügt nicht als actus contrarius.
- Ich sehe viel Raum für eine Kirche, die an dieser Zeit und an sich wächst.
@AwetTesfaiesus
Sorry da jetzt rein zu grätschen, aber die Kirchen erfüllen nur deshalb wichtige Funktionen weil der Staat sie peinlicher Weise quasi damit beauftragt hat.
Statt es selbst zu machen wie es seine Pflicht wäre. Das ist ein Problem!
Es gibt den Kirchen Macht die sie nicht haben dürfen.
Es unterwirft z.B. Krankenhäusern einer ideologisch Faktenlage zum Thema Abtreibungen.
Es unterläuft Tarifverträge.
Hat Jahrzehnte lang zu Diskriminierung von Kindern in Kindergärten geführt.
@Andy_Scheuert
Auch wenn ich dir in der Konsequenz und Pauschalität nicht zustimmen möchte, so ist ein Punkt von dir total wichtig: das kirchliche Arbeitsrecht gehört dringend abgeschafft. Insbesondere ist es in einigen Fällen nicht möglich, auf normalem Weg gegen den Arbeitgeber vorzugehen und Arbeitnehmerrechte einzuklagen.
Mein Vater hatte einen Prozess vor einem Kirchengericht, bei dem es um die Streichung seiner Pension ging. Rechtsmittel? Nur in Karlsruhe. Schlimm.
@AwetTesfaiesus

@FlippoFlip @Andy_Scheuert Kirchliches Arbeitsrecht ist ein heißes Thema. Ich tue mich schwer damit, hierfür jenseits des "verkündigungsnahen Bereichs" eine Legitimation zu sehen.

Andererseits: viele Landeskirchen wenden ihre insoweit bestehenden Privilegien mWn. nicht an.

@AwetTesfaiesus
Im Falle einer juristischen Auseinandersetzung müssen sie ihre Privilegien doch einsetzen oder verstehe ich das falsch? Die können ja nicht einfach zu nem Arbeitsgericht gehen, oder?
@Andy_Scheuert

@FlippoFlip @Andy_Scheuert oft doch (nur nicht bei Kirchenbeamten); es ist sehr kompliziert.

Wie @AwetTesfaiesus sagt: es geht um die "Verkündigungsnähe". Je näher ein Fall an diesem kirchlichen Kernbereich, desto intensiver sind die Sonderrechte. Eigentlich

@guy_bockamp
Wie so schön gesagt wurde es ist "Komplex".
Die Kirche beansprucht für sich als Arbeitgeber eine Sonderrolle. Doch dieses Bild hat in den vergangenen Jahren Risse bekommen. Das Bundesverfassungsgericht hat den Kirchen aufgetragen, ihre Einrichtungen entsprechend zu führen. Sonst wäre den kirchlichen Sonderrechten der Boden entzogen.
Und wer die Gehälter der katholischen Würdenträger bezahlt, das Fass machen wir besser nicht auf!
https://de.wikipedia.org/wiki/Reichskonkordat?
@FlippoFlip @AwetTesfaiesus
Reichskonkordat – Wikipedia

@Andy_Scheuert @guy_bockamp @FlippoFlip das ist alles nicht falsch, aber oft beansprucht sie eben auch diese Sonderrolle eben nicht und: diese Sonderrolle ist verfassungsrechtlich verankert.
@AwetTesfaiesus
Zum Glück beanspruchen sie es nicht mehr.
Kirchliche Arbeitsgeber dürfen nicht mehr auf Zugehörigkeit pochen usw. In der Vergangenheit aber ganz gerne getan und so die angebliche soziale Rolle, die sie erfüllen sollte ad absurdum geführt.
Ich sag nur Gotteslohn.
Es ist besser und rechtens aber nicht richtig!
Für mich ist das ein großer Unterschied.
Darüber wie es ist privilegiert zu sein und tatsächlich Privilegien zu nutzen muss ich wohl nix mehr sagen.
@guy_bockamp @FlippoFlip
@Andy_Scheuert @FlippoFlip @AwetTesfaiesus als Jurist stimme ich zu. Allein: There are bigger fish to fry right now. Das mit dem Arbeitsrecht ist allerdings kaputt, und das wissen die Kirchen aber auch.

@guy_bockamp
Mein Vater war Pastor. Nach seinem Ruhestand hat er sich öffentlich in einem Missbrauchsskandal in seiner alten Gemeinde positioniert. Daraufhin hat ihn die Landeskirche mit einer SLAPP-Klage auf Aberkennung der Pension vor ein Kirchengericht gezerrt.
Das war SEHR ungeil alles. Soviel zu "nur Verkündigungsnahe" und "beanspruchen die Sonderrolle nicht" -
meistens stimmt das vielleicht, aber eben nicht immer.

@AwetTesfaiesus @Andy_Scheuert

@FlippoFlip @AwetTesfaiesus @Andy_Scheuert Ah, ich kann mir vielleicht denken, was da los war. Schlimm.

Danke für's teilen.

@Andy_Scheuert Das Thema ist mit bewußt. Deine Kritik ist im Kern korrekt.

Andererseits: in Deutschland und unter dem Grundgesetz gilt: Kirche ist (!) Staat.

@AwetTesfaiesus @Andy_Scheuert >>Andererseits: in Deutschland und unter dem Grundgesetz gilt: Kirche ist (!) Staat.<<

Ich denke die Aussage könnte so für sich stehend irritierende Wirkung entfalten.

Es gilt GG Art. 140, hier 137 (1)ff
Es besteht keine Staatskirche!

Die großen Kirchen haben den Status K.d.ö.R, Körperschaft des öffentlichen Rechts.

@Andy_Scheuert @AwetTesfaiesus
Diese quasi Beauftragung kommt daher, dass Kirchen Krankenhäuser, Pflege u Heime, Schulen u später auch Kindergärten eröffnet haben, als der Staat nicht daran gedacht hätte, diese Einrichtungen zu errichten geschweige zu betreiben u zu finanzieren.
Es war zu bequem u billig um ihnen das abzunehmen.

Da sie nicht mehr fast alle Bürger*innen sondern nur noch um die 20% repräsentieren, müssen die Kirchen nun den Staat in die Pflicht nehmen - und der "hat kein Geld"!

@Andy_Scheuert @AwetTesfaiesus
Ich hörte, wie hier um die Jahrhunderwende der 1. Kindergarten in Württemberg außerhalb Stuttgarts entstanden ist:
Die Kinder, deren Mütter arbeiten waren und die noch zu klein für die Schule waren, waren sich ziemlich selbst überlassen. Also hat die Frau des Pfarrers eine Stube ausgeräumt und bis zu 50 Kinder zunächst allein betreut.

@Andy_Scheuert @AwetTesfaiesus 100%. Die kirchlichen Privilegien, die unseren demokratischen Werten zuwiderlaufen müssen umgehend abgeschafft werden. Der Staat kann alles was Kirche kann und besser, neutraler, diskriminierungsfreier.

Oft zahlt der Staat für die kirchlichen Einrichtungen, und die Kirchen dürfen z.B. Kindergartenkinder indoktrinieren. Das kann einfach nicht sein.