"Dazu beschreibt Jochen Stork (1986) ein bemerkenswertes Forschungsergebnis: Bei vielen seelischen Krankheitsbildern wie Psychosen, Psychosomatosen, Perversionen und schweren Neurosen ist folgendes Beziehungsmuster der unbewussten inneren Elternbildern zueinander beschreibbar: „Die unbewusste Vorstellungswelt erscheint wie von einer Mutter-Imago als einem übermächtigen Wesen beherrscht, das in hoch-idealisierter und/oder bedrohlicher Gestalt auftritt, und von dem eine große Anziehung ausgeht. Die Vater-Imago erweist sich demgegenüber als schwächlich, abwesend oder gar inexistent und besitzt im Vergleich zur Mutter-Imago kein Gewicht; auch wenn in manchen Fällen von einem phallisch-väterlichen Element die magische Lösung erwartet wird. Dieses phantasierte Verhältnis der Elternbildern zueinander entspricht keineswegs in einfacher Form der Wirklichkeit der Beziehungen, die Mutter und Vater verbinden." Diese unbewusste Mutter-Imago aus einem Misslingen des Zusammenspiels der Geschlechter (auf der aktuellen Ebene von Mutter und Vater, auf der transgenerationalen Ebene von Großmutter und Großvater, Urgroßmutter und Urgroßvater weckt Assoziationen zum Konzept des „in-trauterinen Mutterrepräsentanten" von Jenö Raffai (in diesem Band).

Kai von Klitzing (2002) erforscht über Interviews mit Eltern während der Schwangerschaft deren triadische Kompetenz. Mit triadischer Kompetenz im Kontext von Elternschaft beschreibt von Klitzing »die Fähigkeit von Vätern und Müttern, ihre zukünftigen familialen Beziehungen zu antizipieren und zu konzeptionalisieren - d.h. das Kind als Drittes bereits auf der Ebene der Vorstellungen in die eigene Beziehungswelt zu integrieren -, ohne sich selbst oder den Partner aus der Beziehung zum Kind auszuschließen." Diese Kompetenz bildet einen Teil der seelischen Vorstellungswelt der Eltern in Bezug auf ihr ungeborenes Kind. Diese „Kompetenzen haben ihre Wurzeln in vergangenen Beziehungserfahrung der Eltern (meistens während ihrer eigenen Kindheit), und sie werden durch aktuelle Beziehungserfahrung (meistens in der elterlichen Partnerschaft) immer wieder umgearbeitet". Das Ergebnis der pränatalen Interviews ist folgendes: Je mehr die Eltern bereits auf einer phantasmatischen Ebene das wachsende Kind in ihre innere und äußere Beziehungswelt während der Schwangerschaft integrieren können (ohne Ausschlusstendenzen gegenüber dem Beziehungspartner), desto besser ist die Qualität der Eltern-Säuglings-Interaktionen in einer Spielsituation vier Monate nach der Geburt: Die Säuglinge waren aktiv in den Dreier-Interaktionen und fähig, mit beiden Eltern in einen Beziehungskontakt zu kommen. Je höher die triadische Beziehungskompetenz der Eltern pränatal eingeschätzt worden war, desto liebevoller und konstruktiver zeigten sich die Themen der untersuchten Kinder im Alter von vier Jahren in Erzähltests; und desto weniger an aggressiven Verhaltensproblemen wiesen sie im Vorschulalter auf. […]

Durch die Arbeit in der pränatalen Bindungsförderung besteht die Chance, auf Konfliktmuster der Eltern und auf entstehende Inbilder im Kind einen förderlichen Einfluss zu nehmen, wie am Beispiel von Cora und Kevin illustriert. Der förderliche Einfluss erfolgt dadurch, dass die Einstellungen und die Zusammenarbeit der Eltern in ihrem konkreten Alltagsverhalten in der Bindungsanalyse Beachtung, affektives Miterleben und Sprache finden. Über die Beachtung elterlicher Verhaltensmuster hinaus wird angestrebt, die Potenziale in Mutter, Vater und Kind sowie zwischen ihnen zu fördern, Blockaden zu lösen und ungelöst gebliebene Konflikte der Eltern aus deren Kindheit zu identifizieren. Diese Konflikte kreisen in der Regel um aggressive, sexuelle und narzisstische Themen und um Phantasien, Wünsche, Schutz- und Verteidigungsmechanismen. Durch Arbeit mit Konflikten der Eltern, der eventuellen Empfehlung einer Therapie und durch Förderung von deren Kommunikation mit dem Ungeborenen wird Prävention geleistet gegen seelische Erkrankungen in der neuen Generation.

[…]"

-- Ursula Volz-Boers. In: „Und am Anfang riesige Räume ... und dort erschien das Baby“. Berichte aus dem intrauterinen Raum.

https://www.mattes.de/buecher/praenatale_psychologie/978-3-86809-090-1.html

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