Die Artenvielfalt aufdringlicher Gedanken
2.1 Unmoralische Gedanken
Die erste Art belastender aufdringlicher Gedanken dreht sich um Inhalte, die als moralisch verwerflich gelten, wie zum Beispiel: anderen oder sich selbst zu schaden, Sex, religiöse Tabus sowie alles, was das hygienische oder ästhetische Empfinden stört und Ekel hervorruft. […]
2.2 Gedanken über „die wichtigen Fragen des Lebens“
Das Problem bei dieser Kategorie von Gedanken ist, dass man unaufhörlich nach Antworten auf Fragen sucht, für die es letztendlich keine gibt. Meistens drehen sie sich um den Sinn des Lebens, darum, dass es für nichts eine Garantie gibt, keine Gewissheit. Oder sie beschäftigen sich mit der Frage, was eigentlich Wirklichkeit ist und woher man weiß, ob der eigene Glaube oder die Gefühle echt sind. Es sind vielschichtige Fragen, die einem am Herz liegen und auf die es keine definitiven Antworten gibt. […]
2.3 Absurde Gedanken
Die dritte Art aufdringlicher Gedanken sind die anscheinend absurden. Ständig wird man von Zweifeln geplagt und muss gedanklich alles immer wieder durchgehen und einer strengen Kontrolle unterziehen. […]
2.4 Übertriebene Gewissenhaftigkeit
Hier kreisen die Gedanken – auf religiöser oder nichtreligiöser Ebene – um rechte und unrechte Verhaltensweisen, Intentionen oder Charaktereigenschaften. Man verlangt ein hohes Maß an Korrektheit, Gerechtigkeit, Tugendhaftigkeit, Güte oder Großzügigkeit und geht mit sich selbst und anderen streng ins Gericht. […]
2.5 Sexuelle Orientierung und Identität
Hierbei kreisen die aufdringlichen Gedanken um die Befürchtung, dass man womöglich ein Leben führt, das nicht der wahren sexuellen Identität oder Orientierung entspricht. […]
2.6 Aufdringliche bildhafte Vorstellungen
Man kann mit Worten denken, also eine Art inneres Selbstgespräch führen. Man kann aber auch in Bildern oder Vorstellungen denken. Viele aufdringliche Gedanken werden als störende „Selbstgespräche“ erlebt, doch es gibt auch solche, die beinahe ausschließlich aus bildhaften Vorstellungen (Brewin et al. 2010) bestehen. Vielleicht haben Sie das schon bei sich selbst festgestellt.
Aufdringliche bildhafte Vorstellungen können aus statischen „Fotos“, aber auch aus „Kurzfilmen“ bestehen. Manche sind an Erinnerungen an tatsächliche Erlebnisse geknüpft, andere ein Produkt der Fantasie.“ […]
2.7 Besorgnis
Jeder Mensch kennt dieses beklemmende Gefühl namens Besorgnis, von der es zwei Arten gibt: die produktive und die giftige (Leahy 2005). Letztere zählen wir zu den belastenden aufdringlichen Gedanken.
Die produktive Art, sich Sorgen zu machen, beginnt mit einem Problem, trifft auf eine Lösung und endet in einem Plan, der dann ausgeführt wird. Außerdem – und dies ist wichtig – hört die Sorge an diesem Punkt auf. Nehmen wir als ganz einfaches Beispiel folgende Situation. Stellen Sie sich vor, Sie fahren Auto, Ihr Blick fällt auf die Benzinuhr, und Sie stellen fest, dass der Tank fast leer ist. Besorgt fragen Sie sich, ob es reichen wird. Ihre Lösung: Tanken. Ihr Plan: Sofort zur nächsten Tankstelle fahren. Sie tanken und sind die Sorge los.
Giftig wird es, wenn Sie sich über Themen mit ungewissem oder unklarem Ausgang den Kopf zerbrechen, zu keiner Lösung finden und nicht planen können. Dann kehrt die Sorge zurück, und der ganze Prozess beginnt von vorn. Er endet in der Sackgasse. Giftige Besorgnis beginnt mit der Frage „Und wenn nun ...?“ und mündet in eine Endlosschleife unbefriedigender „Lösungen“. Alle Versuche, sich mithilfe von Problemlösungen zu beruhigen, scheitern.
2.8 Gedanken, die nicht ausschließlich belastend und aufdringlich sind
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Rache
Trauer
Liebeskummer
Feindseligkeit
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2.9 Persönlicher Verlust, Versagen oder Fehler
Auch frühere oder zukünftige Fehler können Thema belastender aufdringlicher Gedanken sein. Diese werden zwar als „irrational“ und übertrieben wahrgenommen, aber trotzdem ist da dieses ungute Gefühl, einen schrecklichen und niemals wiedergutzumachenden Fehler begangen zu haben, das an den Nerven zehrt. Es ist völlig egal, ob es sich um die vage Ahnung, etwas Wichtiges übersehen oder vergessen zu haben, oder um eine echte Erinnerung handelt. […]
2.10 Somatosensorische Intrusionen
Bei manchen Menschen äußern sich Intrusionen nicht auf der gedanklichen oder bildlichen Ebene, sondern auf der körperlichen, d.h. in Form von Empfindungen. […]
-- gekürzte Auszüge aus: Sally M. Winston & Martin N. Seif: Tyrannen in meinem Kopf. Zwangsgedanken überwinden - ein Selbsthilfeprogramm
https://www.junfermann.de/titel/tyrannen-in-meinem-kopf/1148