Welcome back & hello again! Die Zahl und Vielfalt Eurer Fragen zum heutigen Thema deute ich als äußerst positives Zeichen! Daher, wie versprochen, etwas Nachmittagslektüre zum möglichen Einschwingen in (empirische) Entstigmatisierung(sforschung). Gedanken, Impulse, … sind herzlich willkommen! 🤓
Wie und *dass* Menschen über psychische Gesundheit sprechen, kann oftmals bereits helfen, das Thema zu entstigmatisieren. (PS: Ich bin heute Abend wieder für Euch da und freue mich bis dahin auf Eure Resonanzen, bis dahin geht es an ein paar Datensätze und Code-Zeilen.) Ein (langer) Thread 🧵⬇️
(01/15) „Stigma“ (altgriechisch): eingebrannte Zeichen, die Menschen als abweichend markierten. Psychologisch meint es heute auch soziale Abwertung – schnelle Zuschreibungen negativer Eigenschaften aufgrund einer Information, z.B. dass Menschen eine psych. Diagnose haben. (doi.org/10.1177/1359...)
(02/15) Diese Annahmen können zu Diskriminierung und Ausgrenzung führen, tun sie auch oft. Forschung unterscheidet verschiedene Formen (im Folgenden verkürzte Arbeitsdefinitionen). (a) Öffentliches/interpersonelles Stigma: Vorurteile und Diskriminierung durch andere. (b) Selbst-Stigma ... ⬇️
(03/15) ... Wenn Betroffene diese Bilder verinnerlichen und auf sich selbst anwenden. (c) Professionelles Stigma: Barrieren in der Versorgung durch Gesundheitsprovidende. (d) Strukturelles Stigma: Institutionelle, gesetzliche und normativ verankerte Hindernisse. Mit sehr realen Auswirkungen.
(04/15) #Behandlungslücke: Stigma ist ein wesentlicher personen- und strukturenbezogener Hinderungsfaktor für Hilfesuche – Zahlen schwanken, grob: Die Diskrepanz zwischen der Zahl Personen, die formal Diagnosekriterien erfüllen versus eine Behandlung erhalten, ist hoch (z.B. doi.org/10.1016/S014....
(05/15) #Outcomes: Physische und psychische Gesundheit, Behandlungseinstellungen, Selbstwirksamkeit und weitere, gesellschaftlich relevante Variablen wie Gruppenidentifikation und Gerechtigkeitsempfinden erfahren durch Mental Health Stigma mess- und spürbare Barrieren.
(06/15) Was kann helfen? Durchaus: Persönlicher #Kontakt. Eine Meta-Analyse von 72 Studien (38.000 Personen, 14 Länder) fand: Wer offen über eigene Erfahrungen spricht, kann Einstellungen und Vorbehalte im direkten Kontakt im Mittel positiv verändern, psych. Stigma abbauen. (doi.org/10.1176/appi...)
(07/15) Gleichzeitig: Edukationsbasierte Programme (z.B. #Workshops und #Trainings als hoch skalierbare Interventionen) können auch Einstellungen verändern, Wissen stärken. Aktuell existiert mehr Evidenz für kurz- und mittelfristige denn für langfristige Wirksamkeit. (doi.org/10.1016/j.jp...)
(08/15) #Schulen haben hier großes Potenzial: Ein systematisches Review z.B. konstatiert: Interventionen in Schule können Mental-Health-Wissen verbessern & Stigma bei SuS reduzieren. Einmalige Projekttage reichen dabei vermutlich nicht aus — Kontinuität zählt. (doi.org/10.1111/camh...)
(09/15) Auch #Betroffene selbst sind als "key change agents" wichtig. Erfahrungen zu teilen, kann ggf. Krankheitsgeschichten in Genesungsgeschichten verwandeln — und Gesprächsräume öffnen. Das kann Einstellungen verändern, wo Broschüren abstrakt bleiben. (doi.org/10.1016/S014...
(10/15) Ein mögliches Caveat zur aktuellen Forschungslage: Kurzfristige Einstellungs- ≠ stabile Verhaltensänderung. Die Evidenz für langfristige Effekte von Anti-Stigma-Programmen ist derzeit noch ausbaufähig. Spoiler: Unter anderem hier knüpft mein Promotionsprojekt an, dazu morgen mehr. 🔬🔖
(11/15) Gleichzeitig: Entstigmatisierung darf nicht nur beim Individuum ansetzen. Strukturelles Stigma – Diskriminierung durch Institutionen, Gesetze, Arbeitsstellen – braucht strukturelle Antworten. (doi.org/10.1016/S014...
(12/15) Stärkung betrieblichen Gesundheitsmanagements und entsprechender juristischer Grundlagen, breite Aufklärung und Prävention, aber auch Ausbau der Finanzierung psychosozialer Angebote (Bezahlung sei hier mit genannt) sind nur einige der Ansatzpunkte, die Strukturen günstig verändern können.
(13/15) Dass z.B. Psychotherapiehonorare gekürzt werden, erscheint vor diesem Hintergrund und aufgrund weiterer Faktoren weder sinnvoll noch wissenschaftlich oder vesorgungsbezogen begründbar. Hier eine Stellungnahme der @[email protected]. www.dgps.de/schwerpunkte...

dgps.de/schwerpunkte/s...
(14/15) Ihr merkt vielleicht, das Thema aktiviert mich und ich schwiff etwas ab. Zu einigen Fragen von heute Morgen (z.B. Versorgungslage und Psychotherapie versus Coaching; Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung), die daran anknüpfen könnten, nachher weitere Gedanken.
(15/15) Nun aber: Offene Frage – Was sind Eure Einfälle dazu? Oder auch: Wie ließen sich mehr Offenheiten für's Sprechen über psych. Belastungen stärken? Disclaimer: Das Thema wird auch nach dieser Woche noch lange nicht auserzählt sein. Ich lese mit und freue mich auf Euren Gedankenschatz. 🤓💭