RE: https://podcasts.social/@lnp/116341819342895550

In der aktuellen #LogbuchNetzpolik Episode (#LNP550) https://logbuch-netzpolitik.de/lnp550-wes-brot-ich-ess-des-lied-ich-sing

geht @linuzifer ab 00:33:00 ausführlich auf das Thema (kaputte) Diskussionskultur ein. 👍

Weil ich dieses Meta-Thema für äußerst wichtig für das Fortbestehen der freiheitlich demokratischen Grundordnung halte, möchte ich seine Gedanken mit einer aus meiner Sicht etwas tiefer gehenden Analyse ergänzen und darauf aufbauend zarte Lösungsansätze zur Diskussion stellen:

Das Einstiegszitat aus der Episode:

> [...] häufig, wenn solche Themen diskutiert werden, beobachtet man leider, leider, leider, so ein Derailing der Diskussion. Da gibt es also irgendwie toxische Mechanismen, die es verhindern, dass eine nüchterne, zielgerichtete Debatte den Konflikt würdigt.

Soweit gehe ich absolut mit. Allerdings ...

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[Allerdings] bleibt die Analyse dann bei der Feststellung stehen, dass Akteure wie #FriedrichMerz daran Schuld und eine Fehlbesetzung sind. Das kann man so sehen, verkennt aber die tieferen systematischen Ursachen. Auch wenn er morgen wundersam aus der Öffentlichkeit verschwände, wäre die Debattenkultur nicht besser. Dass ein:e Politiker:in versucht, aktuelle Ereignisse für eigene Zwecke zu instrumentalisieren, ist kein Bug sondern ein Feature dieses Berufs. Ziel ist es nicht, Probleme zu lösen, sondern die eigene Macht zu vergrößern oder mindestens zu erhalten. Wer das nicht macht, kommt gar nicht erst in relevante Positionen oder wird schnell wieder abgesägt.

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Das Gute an der Demokratie sind grundsätzliche Anreizstrukturen, die "Machterhalt" und "Probleme-lösen" einigermaßen auf eine Linie bringen, z.B. durch eine wahrnehmbare Opposition, kritische Medien und relevanten öffentlichen Druck.

Durch die Fragmentierung des Mediensystems, Filterblasen etc. funktionieren diese Mechanismen aber immer schlechter.

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Politische Akteur:innen können ihr eigennütziges Framing immer besser direkt und ohne kritische Einordnung an ihre Zielgruppe ausspielen. Auf Kritik muss nicht mehr eingegangen werden, sie wird stattdessen ignoriert, oder wenn es sein muss im eigenen Framing delegitimiert. Und dieser Modus der Unerreichbarkeit für inhaltliche Kritik erlaubt natürlich auch wildere Ursprungs-Takes, die ganz auf die eigene Zielgruppe zugeschnitten sind.

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Um nicht missverstanden zu werden: Moralisch ist die Kritik an den Akteur:innen IMHO absolut gerechtfertigt, aber damit alleine lösen wir das Problem nicht und wenn wir es dabei belassen, verschleiern wir zudem die eigentlichen Ursachen.

Wie also lösen wir das Diskussionskultur-Problem?

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Wie also lösen wir das Diskussionskultur-Problem?

1. Indem wir es als systematisches und strukturelles Problem verstehen. Das erfordert von konkreten Inhalten und Akteuren zu abstrahieren. Linus sagt dazu:

> ich will gerade gar nicht über die Inhalte selber reden, sondern einfach nur um, dass eine derartige Diskussionskultur, die kann nicht zu einem guten Ergebnis führen.

Volle Zustimmung, aber leider passiert das zumindest an dieser Stelle nicht. Es geht dann doch hauptsächlich um die Akteure, was sie gesagt haben, wie doof das ist und dass @anneroth die Person ist, der man besser zuhören sollte.

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Ich bin mir übrigens nicht sicher, ob meine obige Analyse ("Politik = Machterhalt") in die richtige Richtung geht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass wir eine fundierte Analyse des Diskussionskultur-Problems brauchen, und die muss tragfähig sein, unabhängig von konkreten Inhalten und von politischen Präferenzen (innerhalb des demokratischen Spektrums).

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2. Indem wir die fundamentale Bedeutung des Diskussionskultur-Problems anerkennen.

Zitat Linus:

> das gesamte Spaltungspotenzial, was in dieser Gesellschaft die ganze Zeit zunimmt und zu einer Gefahr, längst eine der großen Gefahren wirklich für die Stabilität der Demokratie und der Zivilisation geworden ist

Unsere Gesellschaft steht vor massiven objektiven Herausforderungen: Geopolitik, Klima, KI-Disruption, Demographie, Verteilungsgerechtigkeit, Ressourcenknappheit, Migration, ... Um diese zu bewältigen, müssen unvermeidlich viele kontroverse Detailprobleme gelöst werden, für die es keine triviale Lösung gibt (Bsp.: CO2-Besteuerung ist gut fürs Klima aber belastet Haushalte).

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Solche Lösungen zu finden ist schon unter Idealbedingungen nicht einfach, es wird aber immer schwerer, wenn kein vernünftiger Austausch von inhaltlichen Argumenten möglich ist, sondern alle Beteiligten versuchen, ihr subjektives Framing auf die Debatte zu pressen.

Umgekehrt gilt: Wenn es gelänge, die Diskussionskultur zur fixen, würde das automatisch zu wesentlichen besseren Lösungen in allen gesellschaftlichen Bereichen führen, weil dann eben der zwanglose Zwang der besseren Argumente zur Geltung kommen würde, anstelle von Falschinformationen, Schein-Argumenten und Lobby-Kampagnen.

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3. Indem wir aktiv werden! 💪

Es gibt wichtigen zivilgesellschaftlichen Aktivismus für alle möglichen Detailthemen: Chatkontrolle, Klimaschutz, Wehrpflicht, Fahrradwege etc. Es gibt aber bisher keinen nennenswerten Aktivismus für eine gute Diskussionskultur. Dabei sollten zwei Einsichten ziemlich offensichtlich sein: a) Verbesserungen der Diskussionskultur, sodass sachliche Argumente mehr Einfluss auf die Entscheidungsfindung haben, vereinfachen massiv die eigentliche inhaltliche Arbeit der Zivilgesellschaft (siehe Punkt 2) und b) solche Verbesserungen werden sich nicht von alleine einstellen, sondern müssen mit Kreativität und Mühe, erdacht, erprobt, verbessert und ggf. erstritten werden.

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Der erste Schritt ist in jedem Fall: Das Problemfeld "Diskussionskultur" braucht deutlich mehr Aufmerksamkeit – und das ist die Herausforderung dabei – als eigenes Thema, unabhängig von inhaltlichen Aufhängern.

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Gedanken wie diese mache ich mir schon eine ganze Weile. 2023 habe ich dann einfach mal die Initiative für "Konstruktive Digitale Diskussionskultur" @kddk gegründet. Daraus sind ein Positionspapier, prototypische Software und eine Reihe von Vorträgen entstanden [1], aber für den großen Wurf fehlen die Ressourcen. Auch hier: Man kann die KDDK-Aktivitäten sicher als dilettantisches Amateurwerk einstufen. Aber das eigentliche Problem ist, dass es die Zivilgesellschaft nicht auf die Kette kriegt, das Problem professionell anzugehen.

[1] https://kddk.eu/

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Projekt: Selbstverpflichtung zur konstruktiven Diskussion

Was nun?

Wenn dieser Thread bei dir Zustimmung auslöst, wäre es konsequent, wenn du dazu beiträgst, dem Themenkomplex "Diskussionskultur" zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen, z.B. indem du Linus entsprechendes Feedback zur lnp550 Episode gibts, oder das Thema bei anderen Creator:innen vorschlägst.

Bei KDDK gibt es zwei konkrete Projekte ("Selbstverpflichtung" und "Git-basierte sachliche Online-Diskussionen"), die Feedback und Testpersonen gebrauchen könnten. Und ganz allgemein könnte die Gruppe als Vernetzungshub für Leute dienen, die sich für das Thema interessieren – zumindest bis es was besseres gibt.

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@cark Ein Stückelpost mit 13 (dreizehn) Teilen ist einfach falsch gewählt. Lange Texte gehören im Fediverse als einen einzigen lange Texte gepostet und weil das Mastodon mit einer Zeichenbeschränkung von 500 Zeichen nicht bietet, dann nimmt man eine andere Anwendung.
Warum ist das so schwierig?
@hiker @cark
Warum das so schwierig ist? Weil nichts daran einfach ist.
@tusk
Was ist denn genau dein Problem? @cark
@hiker @cark Gib mir doch mal einen Hyperlink, wo das jemand gelöst hat.
@tusk
Im Fediverse gibts ganz viele Lösungen, wenn man denn bereit ist, über den Tellerrand von Mastdon hinaus zu schauen.
https://fediversum.info/@[email protected]
@hiker @cark
Das hier scheint doch sowas wie Twitter zu sein, nur mit einem höheren Zeichenlimit, oder? Nun könnte ich mir zum fünften Mal einen Text über das Fediverse durchlesen, was ich hier sehe, sind jedoch Fortsetzungstexte und Texte in Pixelgrafik. Wenn es nach mir ginge, dann wäre der ganze Bums hier eine Mailingliste ohne jede Einschränkung. Vom Datenvolumen her haben wir das "damals" auch gestemmt. Grafik ist eh total überbewertet.

@cark schöner Beitrag. Gerne noch irgendwo als Blog posten. Zum Inhalt: Ich habe den Eindruck, dass viel in der Anwendung über Kommunikation gesprochen wird. Also den verschiedenen Themen, die du auch aufgeführt hast. Dort werden ab und an neue Methoden gesucht und angewendet. Aber man würde wohl sehr von mehr Unterbau profitieren.

Ein anderes Thema ist Kommunikation in und zwischen Gruppen. Oft scheitert es schon am Zuhören.

@cark und nein, dieser Thread löst bei mir keinerlei Zustimmung aus. Es ist formalistischer Quark, nur auf einer höheren Ebene als das Problem mit den Stückelpostings. Kommunikation im Internet ist nun mal doch nicht gleichwertig mit echter Kommunikation.
@cark
Gute Analyse der Lage! Leider (unbewusst?) bestätigt von einigen der hier zu lesenden Kommentare!
Gegen Musk und Zuckerberg: Prominente Hamburger gründen Social-Media-Plattform

In einer Allianz gegen die Tech-Oligarchen Elon Musk (X, Tesla) und Mark Zuckerberg (Facebook, Instagram): Unternehmer-Legende Michael Otto aus Hamburg ist mit anderen Stiftungen gemeinsam Teil einer neuen Social-Media-Initiative auf Mastodon.

Hamburger Abendblatt

@ulrikesparr @cark

Der Artikel ist leider hinter einer paywall. Das erfährt man aber natürlich erst nachdem man die Cookies erlaubt hat.
Ärgerlich.

@xXASDFGXx

> leider hinter einer paywall

Professioneller Journalismus kostet Geld und das muss entweder über Werbung, über freiwillige Zahlungen oder eben über ein paywall-Modell reinkommen.

Klar könnte man im Post auf die Paywall hinweisen, aber andererseits verschiebt das die Normalitätsvorstellungen noch weiter hin zu "Journalistische Produkte kosten im Normalfall nix und wenn es anders ist, muss es dazugesagt werden."

Zu den Cookies: Wenn ein Banner keinen offensichtlichen "Nur-notwendige-Cookies-akzeptieren"-Button hat öffne ich die URL meist in einem privaten Fenster. Dann kann ich auch alle akzeptieren, weil sie eh nach dem Schließen eh gleich wieder gelöscht werden.

@ulrikesparr

@cark @ulrikesparr
Ich beanstande nicht die paywall sondern die Tatsache daß ich erst mir unbekannte Tracking- und Werbecookies akzeptieren muss um dann zu erfahren daß ich den Artikel sowie nicht lesen kann.
Das hat nichts mit seriösem Journalismus zu tun.