@clarissawam @chrisstoecker Klimakatastrophe? Du denkst viel zu klein und eindimensional. Wir haben auch noch das 6. Massenaussterben der Erdgeschichte, welches das Zeug hat, sämtliche ökologischen Nischen für große Landwirbeltiere kaputtzumachen, und unser Problem dabei ist, daß wir selbst große Landwirbeltiere sind. Selbst wenn wir keine Klimakatastrophe hätten, wäre der Biodiversitätskollaps immer noch mehr als ausreichend, diese Zivilisation zu beseitigen; dazu muß es gar nicht bis an den Punkt eskalieren, wo wir komplett aussterben, es reicht, wenn die Biosphäre keine hinreichend große Bevölkerung mehr ernährt, welche für eine hochkomplexe Zivilisation wie die unsere notwendig ist.
Nebenbei haben wir alle möglichen Stoffkreisläufe auf diesem Planeten übel gestört, nicht nur die Wasserzyklen durch agrarindustrielle Be- und Entwässerung im gigantischen Maßstab, sondern auch den Stickstoff- und den Phosphor-Kreislauf, beide durch den agrarindustriellen Einsatz von mineralischen und synthetischen Düngemitteln im ebenso gigantischen Maßstab. Wir haben Unmengen von toxischen Chemikalien freigesetzt, einige richtig fiese sind ganz gezielt dazu gebaut, Organismen zu töten: Insektizide, Herbizide, Fungizide, Pestizide, das ganze Programm. Und die töten natürlich nicht nur diejenigen Lebewesen, die sie töten sollen, sondern auch sehr viele andere. Und sie verbreiten sich mit Wind und Wetter in der Landschaft, töten auch seltene Pflanzen und Insekten im Naturschutzgebiet.
Ich sehe absolut keine Möglichkeit, wie das Industriezeitalter noch dem Sog des beginnenden Kollaps entgehen kann, aber das kann sich noch über Jahrhunderte ziehen. Ein möglichst schneller Kollaps des Kapitalismus wäre dagegen wünschenswert, weil es der Normalbetrieb der kapitalistischen Weltwirtschaft ist, welcher uns daran hindert, sinnvolle Notmaßnahmen zu ergreifen, was zuallererst mit dem Herunterfahren aller nicht überlebensnotwendigen Wirtschaftszweige einhergehen muß. Wenn wir es nicht schaffen, die Wirtschaft gezielt herunterzufahren, weil der Kapitalismus diesen eingebauten Wachstumszwang hat (der Kaputtalismus ist ein Wirtschaftskrebs, ein bösartiger metastasierender Tumor, der den Menschen eingeredet hat, Wachstum sei großartig und überhaupt alternativlos), dann muß die Wirtschaft halt kollabieren, geht nicht anders. Wir haben die Grenzen des Wachstums vor Jahrzehnten gerissen und sind seitdem im globalen Overshoot, und irgendwann geht es halt so richtig bergab. Wir stecken in einer multidimensionalen Polykrisis, einem Komplex aus auf vielfältige Art miteinander verbundenen Krisen, und mehrere ihrer Teilkrisen sind auch für sich betrachtet schon existenzbedrohend für die Spezies Homo sapiens, praktisch jede Teilkrise für sich schon genug, um die Zivilisation zu beenden. Der Club of Rome warnt die Welt seit über einem halben Jahrhundert, aber ein Ende des Wachstums war einfach viel zu undenkbar, um die Revolution gegen des Wachstum zu starten, die wir eigentlich in den 1980ern gebraucht hätten, um die Zivilisation zu retten.
@clarissawam @chrisstoecker Oh, und das Raumfahrtzeitalter wird vermutlich auch bald enden. Da sind jetzt schon so viele Satelliten, daß es früher oder später zum Kessler-Syndrom kommen wird, wenn wir da nicht schleunigst die Belegung der Erdorbits drastisch ausdünnen, und Musk und seine Konkurrenten wollen in den nächsten Jahren noch irrsinnige Mengen hinzufügen. Da muß nur einmal bei zwei Satelliten gleichzeitig die Steuerungs-KI versagen, so daß sie kollidieren und sich in eine Wolke von Trümmerteilen verwandeln, de auf allen möglichen Zufallsorbits auseinanderdriften und dann etliche andere Satelliten zertrümmern.
Ach ja, Plastik in der Umwelt, auch noch so eine Sache, deren Folgen wir noch überhaupt nicht absehen können. Wenn wir ernsthaft den Einsatz von Verbrennermaschinen und Petrochemie inclusive Plastik zurückschrauben, dann verwandeln sich die Ölreserven der Welt urplötzlich von Reichtümern in toxischen stinkenden Dreck, deshalb muß das Kapital schon aus Selbstschutz alles tun, um das zu verhindern.
Und die Leute sind vom normalen Alltagsleben innerhalb dieser Zivilisation schon so konditioniert, daß sie überhaupt nicht in Betracht ziehen, daß es möglich ist, radikal anders zu leben, obwohl es zahllose Beispiele von ganzen Kulturen gibt, die Jahrzehntausende radikal anders gelebt haben, als wir es tun. Da tun Leute, als sei "Arbeitslosigkeit" ein Problem, das ist doch völlig absurd. Es ist doch immer genug Arbeit da, es ist immer irgendwas zu tun. Das Problem ist vielmehr, daß die Menschen sich eine Kultur gebaut haben, in der man von Geld abhängig ist; die Überlebensinstinkte der Leute sind umgepolt und auf Geld konditioniert, was für eine absurde Perversion! Unsere Überlebensinstinkte sollten sich Sorgen um die Ökosysteme machen, in welchen wir leben und deren Teil wir sind. Die meisten modernen Menschen versuchen irgendwie, außerhalb der wirklichen Welt zu leben, in einer künstlichen Blase. Aber das wird uns bald so richtig um die Ohren fliegen.
Ich liebe Schadenfreude - wenn nur die ganzen Kollateralschäden nicht wären.
Aber irgendwie wollen Menschen es immer auf die harte Tour lernen.