Dieses Wochenende schreibe ich hier meine persönliche Geschichte zu Muff Potter. Das ist German Emocore aus der Zeit, bevor Emo von Bands wie My Chemical Romance gekapert wurde.

Seit vielen Jahren begleiten mich die Alben. Ich war 2009 beim Anschiedskonzert in Münster und hab mir ein paar Tränchen verdrückt.

Seither suchte man das Glück in Berlin und ich konnte mich mit dem Ende der Band gut arrangieren.
- Alles war schön und nichts tat weh!

Aber erstmal zurück zum Anfang.

#muffpotter

2003 haben wir Muff Potter gefeiert. In Münster hatte die Band Fans und Neider. Für die „Bordsteinkantengeschichten“ gab es Anerkennung in der Szene. Man warf ihnen außerdem vor, Mädchenmusik zu machen.

20 Jahre später kann ich sagen: Dafür liebten wir Dennis, Nagel, Brami und Shredder.

Beim legendären Visions-Festival 2003 in Dortmund sind wir für die Jungs zu einer dem Punk unwürdigen Zeit aufgestanden. Also, auf jeden Fall vor 9 Uhr.

Wir bahnten uns den staubigen Weg über das Gelände, standen schließlich in einer Gruppe vor einem Zaun und es ging nicht weiter.

Wenn Fans nervös werden, kann das für Ordner fies werden. Als die Band den ersten Song spielte, ließ man uns endlich vor und wir rannten los.

- Take a run at the sun

(Bordsteinkantengeschichten)

#muffpotter

Das war am 27.07.2003 und der Moment fühlte sich an wie der Beginn der besten Zeit des Lebens.

Das war einem Line Up aus dem Alternative-Himmel geschuldet, und der Sonne, die mit Kaiserwetter aufwartete.

Das stille Wasser neben mir trank lieber Bier. Sie glaubte nicht an den Himmel auf Erden.

Wenn Du mit 18 einen Autounfall verursachst, bei dem einer stirbt, ist die Schuld dein ständiger Begleiter. Schwer zu ertragen.

- Das Ernte 23 Dankfest

(Heute wird gewonnen, bitte!)

#muffpotter

Sabrina, das stille Wasser, studierte Pädagogik in Endlosschleife auf elterliche Kosten, ich war ein naiver Ersti mit Klassenbewusstsein.

Mein größtes Problem, dachte ich, sei neben dem Schock über 09/11 und ein hoffnungslos verstaubtes Studium, die Sehnsucht nach meiner 3jährigen Schwester.

Ich wollte die letzte Magistra werden, mein Weltbild hing schief und für uns es gab keinen Plan B.

- Das Ende vom Lied

(Schrei wenn Du brennst)

#MuffPotter

Was mir an der Band vom ersten Ton an gefiel, war Nagels betont schiefer Gesang, sein intellektueller Tiefgang und Dennis‘ dreiste Präsenz. Ich bin heute überrascht, wie gut die Gitarre auf „Heute wird gewonnen, bitte!“ klingt. Typen mit zu viel Talent, gibt es das?

Wahrscheinlich fragten sich alle, warum Dennis nur einzelne Songs singt. Für Back Ups eine Verschwendung.

Im Laufe der Jahre habe ich begriffen, dass es nur einen Frontmann gibt und Muff Potter Nagels Kind ist.

#MuffPotter

An Nagel konnte ich mich wunderbar reiben. Mehr Stoff für Auseinandersetzung mit mir selbst, als es mir recht ist.

Nagel und seine hohen Ideale bei MTV als Promo für Von Wegen (Aus Gründen). Nagel zwischen der Realsatire Musikgeschäft und linkem Lesezirkel.

Mir war lange nicht klar, dass ich einmal sagen werde, dass er der erste Feminist ist, dem ich das Streben nach Emanzipation abnehme. Liegt daran, dass er schreibt.

- Schwester in Rock (Heute wird gewonnen, bitte!)

#MuffPotter

Es ist immer noch Sommer. Ich kehre von einem recht erfolglosen Promojob zurück und überzeuge das stille Wasser von einem letzten Open Air, das in Ochtrup stattfindet.
Der Inbegriff des provinziellen Münsterlands. Dorfjugend united, fast wie zuhause.

Wir sitzen trinkend auf der grünen Wiese, beobachten das Treiben und warten auf Muff Potter und Kettcar.

#muffpotter

Wir beobachten Marcus Wiebusch, der zum Imbisswagen geht. Nackensteak statt Veggiefrikadelle. Daran mache ich den Generationenunterschied aus.

Schon damals ist Marcus ist für uns alle (Nagel und Dennis, das stille Wasser und mich) eine Vaterfigur. Vielleicht, weil er den eigenen nicht kennt.

Das stille Wasser kommentiert: „Schade, dass die nichts mit Fans zu tun haben wollen!“ Ich sag: „Du suchst nur eine Ausrede.“ Derweil kickt der Kettcar-Frontmann ein paar Bälle mir den Fans.

#muffpotter

Wie die Konzerte an diesem Abend gelaufen sind, weiß ich nicht mehr. Müsste man Nagel fragen, der schreibt akribisch Tagebuch und führt eine Liste mit allen Shows, die #MuffPotter je gespielt haben.

Ich weiß noch, dass Dennis am Ende des Sets rief: „Vielleicht sieht man sich mal am Hafen!“, was nie passierte.

Es war August 2003, ein paar Wochen vor dem Erscheinen des Albums und ich hatte noch ein paar Stunden.

Ich erinnere mich daran, dass Shredder versuchte, mich anzusprechen, als wir losmussten, um den letzten Zug zu erwischen.

Ich erinnere mich an meine Unzufriedenheit, weiß aber nicht, womit.

Ich erinnere mich, dass ich stolperte, aber nicht fiel. Nicht in dieser Nacht.

Ich erinnere mich an meine schmutzigen Beine und an die Sanftheit des stillen Wassers.

Ich ahnte den Abgrund und sah ihn nicht. Das stille Wasser und ich mussten einander verlieren.

#muffpotter