#Psychotherapie – Honorarkürzungen: Worum soll es hier eigentlich gehen?

Man kann sich darüber nur aufregen. Aber die Debatte greift mir zu kurz, wenn noch immer so getan wird, als müsse man der Politik nur besser erklären, was hier auf dem Spiel steht. Solche Entscheidungen sind längst nicht mehr plausibel mit Unkenntnis zu erklären.

Sie wirken vielmehr wie Ausdruck eines größeren Kurses, in dem Austerität, autoritäre Verschiebung und technokratische Verengung ineinandergreifen.

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Einmal weitergedacht: Stellen wir uns vor, es ist 2029. Psychotherapie ist nicht mehr das eigentliche Thema – so falsch ich diese Kürzung medizinisch, ethisch und gesundheitsökonomisch finde.

Dieser Eingriff ist einer von vielen an den Stellen, an denen sich gerade zeigt, wie soziale Sicherung, Versorgung und demokratische Bindungskraft systematisch geschwächt werden und bekannte Missstände trotz aller Bekenntnisse fortgeschrieben werden.

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Nur: Der Widerstand bleibt bei allem Engagement, Petitionen und Demonstrationen dagegen, oft auf der Interaktionsebene bei jeweils Betroffenen hängen.

Das erzeugt zusätzliche Spannungen zwischen Fachdisziplinen, sowie zwischen Patient*innen und Behandelnden – weil alle um Sichtbarkeit und Schutz ringen, während sich die politische Verantwortung auf der Makroebene entzieht.

Das ist kein Einzelereignis. Es ist Teil eines wiederkehrenden politischen Musters.

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Die AfD ist nicht das größte Problem. Sie ist eine immer sichtbarere Zuspitzung einer Entwicklung, die längst breiter trägt, sich erst über narrative Übernahmen, Verschiebungen des Sagbaren und viel Schweigen normalisiert.

Solange jede Gruppe ihre eigene Kürzung, ihre eigene Entwertung und ihre eigene Entrechtung getrennt verhandelt, bleibt der politische Zusammenhang im öffentlichen Raum schwer angreifbar. Und die Schlagkraft professioneller und zivilgesellschaftlicher Gegenwehr verpufft.

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Etwas Anderes wird sich nur bewegen, wenn wir die Verbindungslinien zwischen einzelnen Anliegen wieder deutlicher sehen, uns vernetzen, Beziehungen reaktivieren und gemeinsam handlungsfähige Formen finden: vor Ort, im Beruf, in Initiativen, in Verbänden, in digitalen Räumen.

Wir müssen dort ansetzen, wo Sprachlosigkeit herrscht und Menschen vereinzelt werden. Wo Räume fehlen, in denen sich aus Sorge, Ohnmacht und Vereinzelung überhaupt wieder gemeinsames Denken und Handeln entwickeln kann.

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Denn genau dort beginnt politische Erosion oft: nicht erst im offenen Angriff, sondern schon in der Isolation.

Das ist schwer auszuhalten – und für viele psychisch belastete oder erkrankte Menschen erst recht. Aber die kommenden Krisen werden umso schwerer, wenn wir uns weiter auseinanderdividieren lassen.

Doch es geschieht nicht einfach so.
Diese Entwicklungen sind gemacht.
Und deshalb sind sie auch veränderbar.

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Darum müssen wir uns jetzt kümmern, solidarisch, wachsam, organisiert und reflexiv.
Für Schutz, Würde und demokratische Verbindlichkeit.

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#SozialeArbeit #Teilhabe #Demokratie
#EpistemischeUngerechtigkeit #Stigma
#SystemischeGesundheitsbildung