Die aktuelle Debatte hat mir nochmal klargemacht, wie schwer es mir eigentlich noch immer fällt, mich zu feministischen Themen zu äußern. Ich wünsche mir sehr eine Gesellschaft ohne Patriarchat, ohne Gewalt, ohne rigide Geschlechterrollen und zugehörige Erwartungen, ohne Dominanzgesten und Mackergehabe. Das ist mir aber erst in den letzten Jahren so langsam bewusst geworden und ich habe nach wie vor das Gefühl, in dieser Frage noch ganz am Anfang zu stehen. 🧵 1/10
Mit Anfang 20 hatte ich mich nämlich noch in einem Umfeld bewegt, das man wohl am ehesten als toxische Männerrunde bezeichnen kann. In dem rechtslibertäre und antifeministische Ansichten die Norm waren. In dem ein Typ, der doppelt so alt war wie der Rest, den Ton angegeben hatte (und in dem ich als Waise wohl auch eine Art Ersatzvater gesehen habe). Ich hielt diese Runde damals sogar für subversiv und antiautoritär und habe mich mitreißen lassen, wofür ich mich heute sehr schäme. 2/10
Erst die Lockdowns haben mich aus diesem Umfeld herausgeholt. Ich hatte auf einmal die nötige Zeit und Distanz, mich kritisch damit auseinanderzusetzen und mit falschen Freunden zu brechen. Umgekehrt habe ich mich gegenüber feministischen und queeren Perspektiven und Positionen geöffnet. Ich habe angefangen, zuzuhören und Sexismus wahr- und ernstzunehmen. Das hat mir die Augen geöffnet. Allen, die sich jetzt ebenso auf dem Holzweg befinden kann ich nur dasselbe wünschen. 3/10
Eine politische Konstante in meinem Leben ist, dass ich mich immer als antiautoritär gesehen habe. Dass aber auch libertäre Politik im Ergebnis autoritär sein kann, weil sie Macht- und Verteilungsaspekte nicht berücksichtigt, und dass autoritäre Kräfte antiautoritäre Rhetorik taktisch einsetzen, ist mir erst viel zu spät klar geworden. Diese Unkenntnis hatte bei mir damals politische Positionen hervorgebracht, bei denen ich heute nur noch mit dem Kopf schütteln kann. 4/10
Diese Erfahrung - also ohne es zu merken so dermaßen falsch gelegen zu haben - hat mich gelinde gesagt verunsichert. Ursprünglich wollte ich mich deshalb sogar aus dem Thema Politik insgesamt raushalten. Das ist aber nicht möglich. Zum einen weil eben alles politisch ist, ob man will oder nicht, und zum anderen weil die Gesellschaft immer weiter nach rechts rückt. Wenn man will, dass sich etwas zum Positiven ändert, muss man eben auch den Mund aufmachen. 5/10
Je mehr ich mich mit dem Thema Geschlechterrollen und -politik auseinandersetze, desto klarer wird mir aber auch, dass das ein Thema ist, das mir intuitiv nur schwer zugänglich ist. Das erzeugt sehr viel Unsicherheit, vor allem bei einem so kontrovers diskutierten Thema. Hier spielt wohl auch meine Neurodivergenz eine Rolle: Geschlechterrollen sind auch ungeschriebene soziale Regeln. Ich muss mir das Wissen dazu, das andere oft schon mitbringen erst kognitiv erarbeiten. 6/10
Zum Beispiel Geschlechterrollen: Damit konnte ich noch nie viel anfangen. Warum "müssen" Männer sich dominant verhalten? Fußball mögen? Den Harten spielen? Sich über Job und Status definieren? Obwohl ich mich männlich präsentiere und zu einen großen Teil diese Geschlechterrolle über die Jahre auch verinnerlicht habe, lehne ich z.B. Dominanz- und Statusgehabe ab. Dieses ist aber scheinbar fest mit der cis-männlichen Geschlechterrolle verbunden. 7/10