Als nonbinärer Mensch, der als Junge/Mann erzogen wurde (AMAB), lese ich die Aufforderungen, dass Männer einander stärker auf inakzeptables Verhalten ansprechen müssen, mit Zustimmung, aber leider auch mit Skepsis.

Ich habe mich aus "Männerrunden" so früh und so oft wie möglich verabschiedet, weil ich mich dort immer zutiefst unwohl gefühlt habe. Ein Grund ist, dass dort vielfach eine Gesprächskultur herrscht, die von Bräsigkeit und Selbstzufriedenheit, aber auch von Sexismus und Spott gegenüber allem, was anders ist, durchzogen ist. Es gibt nicht immer die eine unmögliche Bemerkung oder den einen unangemessenen Witz, auf die man jemanden ansprechen könnte. Man müsste bei jedem Satz unterbrechen und sagen: Wie reden wir hier eigentlich miteinander?! So habe ich es zumindest empfunden. Da ist teilweise ein kompletter Kulturwechsel nötig und nicht nur eine leichte Kurskorrektur.

Außerdem glaube ich, dass viele Männer die Wahrheit sprechen, wenn sie sagen, dass ihnen bestimmte Arten von Äußerungen nicht oder kaum begegnen. So, wie wir alle wissen, mit welchen Kolleg*innen man einen Witz über die Chefetage teilen kann und bei wem man lieber den Mund hält, wissen Männer auch, wer "empfindlich" ist (oder sich sogar schon mal kritisch geäußert hat) und mit wem man "Spaß haben" kann, und passen ihre Bemerkungen und Witze auf die Runde der Anwesenden an. Ich habe sexistische Sprüche gehört, aber ich habe sie noch viel häufiger mitgehört aus Runden, zu denen ich nicht gehörte (und in denen ich vermutlich nicht willkommen wäre).

Dazu kommt, dass für viele Männer ihr "harmloses" eigenes Verhalten von Fällen wie Pelicot, Epstein usw. so weit entfernt ist wie zwei Bäume an unterschiedlichen Enden eines Waldes voneinander entfernt sind. Aber in Wahrheit hängen die zwei Phänomene so eng zusammen, wie die zwei Bäume durch ein unterirdisches Pilzgeflecht verbunden sind. Sogenannte "Extremfälle" entstehen immer auf einer Basis von patriarchaler Frauen- (und oft auch Queer-)Verachtung. Ein sexistischer Witz schafft diese Basis nicht, ein permanenter Strom von Millionen von Bemerkungen und Witzen schon.

Und als Letztes fällt mir ein, dass für viele Männer überhaupt kein Anreiz besteht, sich in dieser Hinsicht zu engagieren oder etwas zu ändern (unter anderem wegen den vorherigen Punkten, dass sie es nicht immer mitbekommen oder den Zusammenhang nicht sehen wollen). Frauen haben für Veränderung gekämpft, weil sie sich damit (teilweise) aus der untergeordneten, misslichen Lage, in die sie das Patriarchat drängen will, befreien konnten. Viele Männer sind mit ihrer Lage einigermaßen zufrieden und denken sich: Don't rock the boat, spar dir den Aufstand.

#Sexismus #Ulmen #Ally

@SaySimonSay im Kontext von Rassismus hat mal eine sehr kluge Schwarze Frau gesagt, dass es der Job von weißen Menschen ist, in rassistische Räume zu gehen und daran zu arbeiten, dass sie weniger rassistisch sind.

Ich finde das ist bei Sexismus analog. Natürlich macht es keiner Person (die Gleichberechtigung ernst nimmt) Spaß, sich in so patriarchalen Runden positionieren zu müssen. Aber wenn es cis-Männer nicht tun, bleibt es an all denen hängen, die es sowieso schon abkriegen.

@klossartig @SaySimonSay Die Frau hat natürlich recht, dass Veränderungen eher von denen ausgehen können, die in einer privilegierten Position sind. Ist aber in der Praxis schwierig. Ich mache mir keine Illusionen darüber, dass meine Einwände gegenüber Menschen, die sich im Gespräch sexistisch, rassistisch oder sonstwie abwertend oder spaltend geäußert haben, eine Veränderung in deren Verhalten bewirkt hat, auch wenn die Reaktionen meistens sehr einsichtsvoll erschienen.
@semit0ne @SaySimonSay so hoffnungslos bin ich da nicht. Veränderung passiert ja meist nicht plötzlich. Ich hab über Monate immer wieder mit jemand übers Gendern diskutiert, der mir dann ein paar Jahre später erzählt hat, dass er sich jetzt an seinem Arbeitsplatz dafür einsetzt. Und auch andere Männer haben mir mal zurückgemeldet: "hey, ich seh heute Sachen anders als damals, danke für deine Impulse." Das war natürlich nicht allein mein Einfluss, aber eben viele kleine Menschen an vielen ...