Es gibt ihn noch: Den User, der Telefon und PC per Kabel synchronisiert
Sie sind selten geworden – doch vereinzelt trudeln sie noch ein. Anfragen, in denen ich um Computersupport gebeten werde. Zur Rekapitulation: Ich war zwischen 2000 und 2015 der Computer-Onkel beim «Tagesanzeiger». Die Rubrik «Kummerbox» wurde 2015 eingestellt. Das hielt die Leute nicht davon ab, mir weiterhin ihre Probleme zu unterbreiten: 2023 berichtete ich über weiterhin regen Zulauf.
Seitdem wurde es stiller. Doch Mitte Januar schilderte mir Peter ein Anliegen per Mail – und doppelte drei Wochen später mit einer «Erinnerung» nach: «Wann darf ich eine Antwort von Ihnen erwarten?» Ich verrate kein Geheimnis, dass man mich besonders wohlwollend stimmt, wenn man derart liebenswürdig auf seinem Gratissupport beharrt, den ich – da mein Arbeitgeber vor elf Jahren eine publizistische Neuorientierung vornahm – in meiner Freizeit leiste.
Bei Windows 11 poppt iTunes nicht mehr
Nett (oder dumm), wie ich bin, schrieb ich ihm trotzdem eine Antwort. Denn ich fand sein Anliegen interessant:
Ende letzten Jahres habe ich meinen Laptop auf Windows 11 umstellen lassen. Seither weiss ich nicht, wie ich die Kontakte und den Kalender im Outlook mit meinem iPhone synchronisieren kann. Vorher reichte es, dass ich mein iPhone mit dem Kabel zum Laptop verband. Danach poppte das iTunes-Fenster auf, mit dem ich die Synchronisation der beiden Geräte ausführen konnte. Können Sie mir bitte sagen, wie ich die Synchro zwischen meinem Laptop unter Windows 11 und meinem iPhone via Kabel vornehmen muss?
Ein «Blast from the past», wie der Ami sagt. Ich stieg nach der Einführung der iCloud 2011 zügig auf die drahtlose Synchronisation um. Falls meine Erinnerung nicht trügt, war das in meinem Umfeld genauso. Das letzte Mal über die Synchronisation per Kabel schrieb ich 2014 (in besagter Kummerbox). Zahlen darüber, wie schnell sich die iCloud etablierte, sind spärlich. Hier lässt sich nachlesen, dass die iCloud sechs Monate nach dem Start 85 Millionen Nutzerinnen und Nutzer hatte. Um das in Relation zu setzen: Gemäss Macrumors waren Anfang 2012 ungefähr 316 Millionen iOS-Geräte verkauft worden. Von denen dürften nicht mehr alle in Betrieb gewesen sein. Darum können wir sagen, dass konservativ gerechnet ein gutes Viertel die iCloud verwendete. Zu bedenken wäre, dass nicht alle Synchronisationsmöglichkeiten sogleich per Cloud möglich waren. Für die Musik braucht es bis heute eigentlich iTunes Match.
Seit 2011 hat sich hier nicht allzu viel getan. Apple bietet iTunes Match weiterhin an (oder jemand hat vergessen, die Seite offline zu nehmen).Die Zeit arbeitet gegen Peter
Aus heutiger Sicht wirkt die Methode, das Telefon an den Computer anzustöpseln und per Kabel mit frischen Daten zu versorgen, anachronistisch. Und die Frage steht im Raum, ob sie überhaupt noch praktikabel ist. Denn:
- iTunes wurde auf dem Mac 2019 eingestellt. Unter Windows ist die App im Microsoft Store noch aufzufinden. Die derzeit gültige Version 12 wurde 2014 veröffentlicht. Wir müssen Apple zugutehalten, dass die Software noch Updates erhält. Letztmals neue Features gab es Ende 2022.
- Outlook seinerseits ist nicht mehr auf die lokale Nutzung (ohne Cloud) ausgelegt.
- Selbst die Synchronisation per Cloud ist mehr als mühselig.
Es gibt die Möglichkeit, das Unvermeidliche hinauszuzögern, indem eine alte Outlook-Version in Betrieb gehalten wird. Aber es lässt sich nicht wegdiskutieren, dass der kabelgebundene Datenabgleich nicht nur anachronistisch, sondern de facto tot ist. Ich empfehle Peter, sich der neuen Realität zu stellen.
Peter sollte seine Position überdenken
Dabei sollte er sich die Frage stellen, warum er am Kabel festhält. Aus Gründen des Datenschutzes? Dann ist ein Microsoft-Produkt definitiv die falsche Wahl. Datenschutz durch Cloud-Verweigerung erzielen zu wollen, ist zunehmend schwierig:
- Einerseits wird es knifflig bis unmöglich, der Datenwolke komplett aus dem Weg zu gehen.
- Und andererseits gibt es Cloud-Angebote, die diesbezüglichen Bedenken Rechnung tragen.
Also: Warum nicht die Webmail-Anwendung eines vertrauenswürdigen Mailanbieters nutzen? Wir könnten Proton eine Chance geben oder eine Nextcloud-Installation betreiben. Die progressivste Methode wäre, das Telefon zum Hauptgerät zu machen und die Notwendigkeit der Synchronisierung zu eliminieren.
Hochmodern heisst in diesem Zusammenhang, dass ohne Cloud gar nichts mehr geht.Kein Kabel-Zwang. Aber!
Bleibt abschliessend die Frage: Wären die Tech-Anbieter moralisch verpflichtet, den klassischen Weg der Kabel-Synchronisation aufrechtzuerhalten?
Ich habe viel Verständnis für das Anliegen der autonomen Computernutzung. Doch im vorliegenden Fall tendiere ich zum Nein. Der Aufwand wäre riesig und der Effekt verschwindend. Ich glaube nicht, dass Peter noch viele Gleichgesinnte hat. Und: Der Fortschritt – oder sagen wir: die Veränderung lässt sich nicht aufhalten.
Um die Selbstbestimmung von uns Nutzerinnen und Nutzern zu stärken, gäbe es andere Möglichkeiten. Die wichtigste erwähne ich nicht zum ersten Mal: Das wäre die Entbündelung von Cloud und Betriebssystem, mit der Möglichkeit, dass jeder und jede selbst entscheidet, ob er die iCloud, oder aber ein Konkurrenzprodukt oder einen eigenen Server für Abgleich, Datenablage, Backup und all die anderen Dinge nutzt.
Beitragsbild: Für den Strom ja – aber für die Kontakte und den Kalender nein (Solen Feyissa, Unsplash-Lizenz).
#CiaoZurCloud #Datenschutz #Kummerbox #Retro

