Fahrenheit 541 von Ray Bradbury stand schon lange auf meiner Liste. Jetzt hab ich’s endlich gelesen. Allerdings hatte ich vielleicht zu hohe Erwartungen weil ich am Ende enttäuscht war.
Aber zunächst das positive: Bradbury war hier durchaus prophetisch was die technologische Entwicklung der Unterhaltungsmedien anging. TikTok hätte ihn sicher umgehauen. Was er nicht gesehen hat, ist dass das Internet und Social Media uns zu aktiven Teilnehmern macht, die eher überfordert als eingeschläfert werden. Auch finde ich die Sprache, die er verwendet und die vollgepackt ist mit schönen Metaphern und poetischen Beschreibungen toll.
Nun zur Kritik: Bradbury kommt mir in seiner Haltung extrem konservativ vor, ein alter Mann der Angst vor der neuen Technik hat. Er sieht nicht, dass auch Fernsehen oder Audiomedien tiefgründige Botschaften transportieren können. Die Bücher, die er als den Schatz des Wissens hochstilisiert sind allesamt Klassiker von alten Weißen Männern, die zu seiner Zeit weit entfernt von radikal waren. Besonders sein Fokus auf die Bibel als Quelle transformativem Wissens ist für mich befremdlich. Frauen sind hier Zombies die sich den ganzen Tag beschallen lassen oder naiv fragende Kinder. Auch die Darstellung der nicht lesenden Bevölkerung als unmündige Schafe, die am Ende wegen ihrer Blindheit im nuklearen Holocaust untergehen und denen der Protagonist und seine Truppe Harvard Jungs keine Träne nachweinen offenbart eine zutiefst elitäre Sichtweise auf das Thema. Klassenbewusstsein oder eine strukturelle Analyse der Machtverhältnisse und Mechanismen, die Sie versklaven sindnicht gegeben. Stattdessen sind sie mit Schuld an ihrer Ausbeutung, da sie ja selbst nicht mehr lesen wollten. Ihr Tod wird nicht als schreckliches Verbrechen, sondern als Neuanfang gesehen, der ein neues, von den erleuchteten Lesern geprägtes Zeitalter des Wissens einleitet.