Heute vor 85 Jahren wurde meine Urgroßmutter Emilie Rau von den #Nazis in #Hadamar in einer Gaskammer im Rahmen der #AktionT4 ermordet.
#Unforgotten #NSEuthanasie #EmilieRau

Ich nehme dies zum Anlass, um auf einige Kontinuitäten des deutschen #Ableismus hinzuweisen.

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1. Hadamar ist, wie fast alle anderen ehemaligen Tötungszentren, bis heute eine #Psychiatrie.
Es sind makabre Orte. Links zur Ergo, geradeaus zur Physio, rechts zur damaligen Gaskammer. Ich weiß nicht, wie man an einem solchen Ort als Patient*in gesund werden soll.

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2. Die allermeisten TäterInnen wurden nie bestraft, blieben in Rang und Würden und verhinderten aktiv die Auseinandersetzung mit den Medizinverbrechen. Inhaltlich publizierten sie als 'Experten' und 'Gutachter' oft ungebrochen dieselben Positionen wie im NS.

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3. Die Überlebenden der NS-'Euthanasie' konnten sich - mit wenigen Ausnahmen - nicht zu Subjekten ihrer eigenen Geschichte machen. Die postnationalsozialistische Gesellschaft hat ihnen einen Subjektstatus verweigert; viele sind in Einrichtungen gestorben und wir werden nie etwas über ihr Leben erfahren. Das ist in einer Gesellschaft, in der Lernen zum NS maßgeblich über Oral History stattfindet, ein unüberwindbares Problem.

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4. Auch posthum finden die Ermordeten keine Ruhe. Ihre Gräber wurden und werden zerstört, und häufig sind sie unmarkiert.

5. Ehemalige Tötungsorte werden entweder dem Verfall preisgegeben und es gibt vielerorts Schändungen und Vandalismus.
Oder sie werden als 'Event Locations' und 'Entwicklungsstandorte' wie geschnitten Brot verscherbelt oder in hochpreisigen Wohnraum umgewandelt (was sind das für Leute, die IN solchen Orten wohnen?!).

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6. Es gibt bis heute uneingewilligte Sterilisationen an behinderten & an intergeschlechtlichen Menschen.
Die entsprechenden Gesetze, die das verhindern sollen, weisen Schlupflöcher auf.

7. Das 'Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses' wurde 1974 außer Kraft gesetzt (d.h. es kann jederzeit wieder in Kraft gesetzt werden), 2007 geächtet (juristisch bedeutungslos) u. ist bis zum heutigen Tag nicht für nichtig erklärt worden. Es west im deutschen Recht fort, wie so viele andere Nazigesetze.

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8. Die Grundlagen der #Hirnforschung sind ohne die Nazis undenkbar. Es gab unbegrenzt Menschenmaterial/Gehirne, und davon haben NS-MedizinerInnen reichlich Gebrauch gemacht. Darunter fallen auch viele Gehirne von Menschen, die in der NS-'Euthanasie' ermordet wurden.
Umfassende Aufarbeitung dieser Geschichte? Fehlanzeige.
Konsequenzen? LOL

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9. Die sog. Sterbehilfedebatte ist erstaunlich losgelöst von deutscher Geschichte und weist doch so offensichtliche Parallelen auf, nicht zuletzt im Phantasma von der 'Erlösung von Leiden'.
Der Lebenswert von Menschen wird auch in Debatten um Triage, Organtransplantation, Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik mitverhandelt.

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10. Es schmerzt mich, dass Linke kaum Ahnung von all dem haben und der Kampf gegen Ableismus bei den meisten unter ferner liefen läuft. Das Wissen zur NS-'Euthanasie' ist in der deutschen Bevölkerung, freundlich formuliert, gering; auch bei Menschen, die viel Ahnung vom #Nationalsozialismus haben.

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11. #Aufarbeitung made in Germany - eine einzige, fortgesetzte Aggression gegen die Opfer, Überlebenden und ihre Familien. Es ging großen Teilen der deutschen Gesellschaft nie um die Verfolgten, sondern stets in nationaler Selbstbespiegelung um ihr positives Selbstbild. Verschiedene Verfolgtengruppen wurden stets gegeneinander ausgespielt, es wurde auf die biologische Lösung gesetzt und es gab eine Kaskade von Abwehr.

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12. Die Bundesregierung hat sich Ende 2023 bzgl. der Umsetzung der Koalitionsversprechen selbst ein Zeugnis ausgestellt: „Aus erinnerungskultureller Sicht ist die Anerkennung dieser Opfergruppen [NS-'Euthanasie'] umfänglich erreicht worden.“ Es handelt sich hierbei um eine geradezu manische Projektion und eine ganz eigene Form von #Gedächtnistheater.

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13. Nicht zuletzt finden sich die Kontinuitäten in eugenischen Ideologien, besonders prominent im #Transhumanismus. Die Folgen sind nicht zuletzt ableistischer Terror wie in Potsdam 2021, der Lebenshilfe Mönchengladbach 2024, der Beschädigungen von Denkmälern und Stolpersteinen oder auch immer wilder werdenden 'Lebensschützern', die mit Hitlerzitaten ("'Gnadentod?' Nie wieder!") durch Berlins Innenstadt marodieren und jegliche Abtreibung als 'Euthanasie' bezeichnen.

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@andy_candy Danke für diesen Thread. Kannst du Literatur zu dem Thema empfehlen?

@florianbusch @andy_candy die frage richtet sich zwar nicht an mich aber ich kann empfehlen:

"Eugenische phantasmen" von Dagmar Herzog für einen weiten.Überblick sehr empfehlen, sie sagt auch viel zu Nachkriegsdeutschland

"Die belasteten" von götz Aly ist sehr eigenwillig, aber auch mit Erkenntnisgewinn zu lesen.