Lernreflexion als pädagogische Herausforderung: ein Workshop-Konzept zum Weiternutzen
Mit den Kolleg*innen der Lernwelt Sachsen-Anhalt habe ich gestern einen Workshop gestaltet, in dem wir gemeinsam überlegt haben, wie wir Lernreflexion als grundlegende Herausforderung einer guten Bildung in den Angeboten des Projekts berücksichtigen. Da diese Herausforderung sicherlich nicht nur ein Thema für die Lernwelt Sachsen-Anhalt ist, sondern Lerngestaltung übergreifend betrifft, fasse ich in diesem Blogbeitrag unser methodisches Vorgehen zusammen. Es lässt sich aus meiner Sicht gut auch in andere Kontexte übertragen.
Wir haben den Workshop grundsätzlich nach dem Golden Circle von Simon Sinek aufgebaut. Den Ausgangspunkt des „Warum?“ haben wir hier insbesondere im Sinne eines „Wofür?“ definiert. Damit ergeben sich für solch einen Workshop drei aufeinander aufbauende Phasen. Wir hatten ca. vier Stunden Zeit.
Unsere Workshop-Struktur als Bodenpräsentation1. Warum und wofür ist Lernreflexion entscheidend?
Ich finde es sehr wichtig, sich zu Beginn eines solchen Workshops über die grundsätzliche Bedeutung von Lernreflexion bewusster zu werden, bevor es dann an die Fragen der konkreten Ausgestaltung geht.
Als Mini-Impuls habe ich hierzu drei Begriffe mitgebracht:
- Selbstentwicklung
- Ermächtigung
- Handlungsfähigkeit
Mit diesen Begriffen wird bereits deutlich, dass Lernreflexion nicht nur ein „nettes Add-On“ ist, sondern grundlegend für gute Lerngestaltung und eine wichtige pädagogische Herausforderung. Wenn Lernende zu einem reflektierten Lernen befähigt werden, dann ist das ein wichtiger Teil von Selbstentwicklung, was dann wiederum weniger Fremdbestimmung bedeutet, sondern Ermächtigung zu eigenem Gestalten, was in konkreter Handlungsfähigkeit resultiert.
Diese Schritte sind zuerst mal natürlich auf Ebene des Lernens gedacht: Lernende entwickeln Kompetenzen, um zukünftig selbstbestimmt ihr Lernen gestalten zu können. Zugleich gibt es aber auch eine darüber hinausgehende Dimension mit Blick auf die Gesamtgesellschaft. Denn solch ein reflektiertes Lernen ermöglicht natürlich auch außerhalb von Schulen, dass Verantwortung für das eigene Leben übernommen werden kann und Lernende gestaltend für gute Zukünfte aktiv werden können.
Diesen Mini-Impuls haben wir anschließend in einem kollaborativen Silent-Writing verankert. Alle erhielten dazu eine Karte, auf der sie notieren konnten, was ihr Warum und Wofür von Lernreflexion ist. Diese Karten wurden dann jeweils in der Kreismitte abgelegt und eine neue Karte von einer anderen Person gezogen. Man las dann, was die andere Person geschrieben hat und konnte das schreibend kommentieren und ergänzen. Auf diese Weise entstanden „schreibende Gespräche“, die aus meiner Sicht eine sehr schöne Form von Austausch in einer Gruppe sind.
Kollaboratives Silent Writing: ‚Gespräche‘ auf Karten2. Wie lässt sich Lernreflexion gestalten?
Als konzeptionelles Modell für Lernreflexion habe ich den Reflexionszyklus von Graham Gibbs mitgebracht, den ich ausführlich und zum Weiternutzen in diesem Blogbeitrag beschrieben habe.
Zur Aneignung sind wir folgendermaßen vorgegangen:
- Ich habe die 6 Schritte kurz im Plenum vorgestellt und alle haben einen Aspekt des Zyklus auf einer Karte erhalten.
- Es wurden Kleingruppen mit allen Schritten gebildet.
- Gemeinsam ging jede Gruppe dann einen Zyklus durch und hielt jeweils fest, was die jeweiligen Fragen wären, die man sich in der Lernreflexion stellen könnte. (Ich habe die 6 Schritte von Gibbs hier auf vier Schritte geclustert: 1. Beschreibung und Gefühle, 2. Bewertung, 3. Analyse, 4. Schlussfolgerung und Handlungsplan)
Zur vertiefteren Aneignung der einzelnen Schritte sind wir dann in einen Mini-Open-Space gegangen. Es gab hier Tische zu jeder der vier Phasen und dreimal je 15 Minuten Zeit:
- In der ersten Runde haben wir überlegt, was am dümmsten in der Phase gemacht werden könnte.
- In der zweiten Runde haben wir überlegt, was sinnvoll wäre.
- Und in der dritten Runde haben wir noch weitere Ergänzungen und Feedback eingesammelt.
Diese vielfältigen Diskussionen haben wir anschließend in einer „Denkenden Runde“ zusammengeführt:
- Es kamen Kleingruppen mit ca. 4 Personen zusammen.
- Wir nahmen uns 15 Minuten Zeit. Die Zeit sollte gleichmäßig zum Sprechen in der Gruppe aufgeteilt werden.
- Gesprochen wurde nacheinander (d.h. jeweils für knapp 4 Minuten). Die anderen hörten nur zu. Stille war okay.
Solch eine Denkende Runde ist zurzeit eine meiner Lieblingsmethoden. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, wie viel tiefer und zielführender die dann anschließenden Diskussionen werden und wie gut dieses Zuhören hilft, dass neue Gedanken entwickelt werden können und sich alle einbringen können.
3. Was machen wir konkret?
Nach einer Mittagspause ging es dann in die Umsetzung. Wir starteten hier mit der sehr schnellen und fokussierten „Zwei-Spalten-Methode“: In Kleingruppen sammelten die Beteiligten zunächst möglichst viele Aspekte zur Frage, wie sie Lernreflexion befördern oder behindern könnten. Aus dieser Liste wählten sie dann die für sie drei wichtigsten Aspekte aus.
Sammlung mit der 2-Spalten-MethodeVon diesen Aspekten lassen sich dann relativ gut „Wie können wir …?“-Fragen entwickeln, die anschließend in einer Art Mini-Barcamp oder Open Space bearbeitet werden können. Zur Strukturierung der Diskussion habe ich dazu meine Elevator-Pitch-Vorlage verteilt.
Vorlage Elevator PitchHerunterladenÜbergreifende Aspekte
Ich habe den Workshop als sehr gewinnbringend und weiterführend erlebt. Übergreifend finde ich drei Aspekte wichtig:
Bei einer Weiternutzung sollte erstens klar sein, dass solch ein doch relativ kurzer Workshop nicht in fertigen und abschließenden Ergebnissen mündet. Was realistisch erreicht werden kann (und bei uns meines Eindrucks nach auch sehr gut wurde), ist, dass alle Beteiligten Klarheit über die Herausforderung der Lernreflexion haben und dass systematisch zur Weiterarbeit entwickelt wird, wo und wie man weiter zu dem Thema arbeiten will.
Im konkreten Fall haben sich bei uns hier 5 Handlungsbereiche herauskristallisiert.
In einem anderen Rahmen können das natürlich auch andere Handlungsbereiche sein.
Ganz entscheidend habe ich zweitens die Besinnung auf ein „Growth Mindset“ gerade beim Thema Lernreflexion erlebt. Man ist sonst sehr schnell dabei festzustellen, dass ‚Schüler*in NN‘ solch eine Reflexion ganz bestimmt nicht hinbekommt bzw. damit völlig überfordert und auch nicht dazu bereit wäre. Genau daraus ergibt sich dann aber die pädagogische Herausforderung, genau zu solch einer Lernreflexion durch eine entsprechende Lerngestaltung Schritt für Schritt zu ermächtigen.
Der dritte Aspekt ist eher eine Nebenbei-Beobachtung: Ich habe in diesem Workshop bei Aufgaben in Gruppen- und Einzelarbeiten durchgängig Antworten (= meine Perspektive darauf) angeboten. Meine Einladung war dann immer:
Eignet Euch das jetzt selbst an!
Gerade weil es vor diesem Hintergrund möglich gewesen wäre, einfach auch meine Impulse ‚abzuschreiben‘, wurde denke ich der Impuls unterdrückt, schnell mal bei ChatGPT oder einen anderen Sprachmodell nach einer Lösung zu fragen. Denn eine mögliche Lösung lag ja schon vor. Ich werde dieses Prinzip in andere Lernangebote mitnehmen, um so Aneignungsprozesse gezielt zu ermöglichen.
Freudvolle Weiterarbeit und gutes Weiternutzen!
Den Kolleginnen und Kollegen der Lernwelt wünsche ich viel Erfolg bei der Weiterarbeit und freue mich auf weitere Zusammenarbeit.
Allen anderen, die das Thema in dieser oder ähnlicher Form aufgreifen möchten, wünsche ich viel Erfolg und Freude bei der gemeinsamen Entwicklung. Für Anfragen zum Thema bin ich sehr offen. Ich halte Lernreflexion für ein sehr relevantes Thema.
Und ich freue mich immer, über weitere Einschätzungen zu diesem Thema zu lesen.
#Lernkulturveränderung #MethodenLernformate