1/ Ich überarbeite gerade ein Lehrbuch. Ihr dürft mitmachen. Ich habe eine Frage: Wie lang ist der längste deutsche Satz?
30 Wörter
4%
347 Wörter
32%
1077 Wörter
20%
Kann ich nicht sagen.
44%
Poll ended at .

2/ Das habt Ihr ganz toll gemacht! Zum ersten Mal im Leben konnte man und musste man „Kann ich nicht sagen“ ankreuzen.

Ich wollte den Punkt, den ich schon im Buch hatte, noch deutlicher machen und die Thomas-Mann-Sätze raussuchen. Oder zumindest irgendeinen von seinen Schachtelsätzen.

Dabei bin ich auf den Artikel gestoßen, den auch @anlomedad gefunden hat:

https://www.journal21.ch/artikel/ein-satz-mit-1077-woertern

Der Witz ist nun, dass ich einfach einen längeren Satz bilden könnte, indem ich schreibe:

Der Schriftsteller Hermann Broch schrieb in seinem Roman „Der Tod des Vergils“ den Satz ….

Ihr würdet mir dann nicht mehr zuhören, aber hey …

Die Frage ist grundsätzlicher Natur. Die Regeln, die Syntaktiker*innen formulieren, erlauben beliebig komplexe Verschachtelungen. Zu sagen: Das darfst Du aber höchstens drei Mal machen, wäre willkürlich. Deswegen sind die beschriebenen Sprachen prinzipiell unendliche Mengen. Unsere Gehirnkapazität und sonstige Beschränkungen (Wir sterben alle irgendwann.) sorgen dann aber dafür, dass der größte Teil dieser Mengen nie geäußert wird. Ein unendlich großer Teil.

Dass wir was prinzipiell können, unser Wissen, wird Kompetenz genannt, und die Benutzung des Wissens und alle Fehler und Unzulänglichkeiten (Alkoholeinfluss reduziert kognitive Fähigkeiten) fällt unter Performanz.

Die Sache mit den Satzlängen (347 und 1077) habe ich jetzt noch in die neue Auflage des HPSG-Buches reingebaut. Kommt hoffentlich spätestens im März raus.

3/ Für Mathematiker*innen. Das ist ein indirekter Beweis. Man nimmt an, es gäbe einen längsten Satz und führt das dann zum Widerspruch, indem man zeigt, wie man aus dem angenommenen längsten Satz einen noch längeren machen könnte. Leider hat das aber einen Haken, denn Sätze mit mehr als – sagen wir mal – 100.000 Wörtern können wir beim besten Willen nicht als Einheit verstehen. Wenn es nur endlich viele Wörter gibt (aus demselben Grund: maximale Wortlänge), dann kann es auch nur endlich viele Sätze geben.

Mich hat das alles gleich geärgert, als ich es zum ersten Mal gehört habe.

Diese Unendlichkeitsgeschichte geht im Prinzip auf #Humboldt zurück, spielt aber bei #Chomsky eine große Rolle.

Wer möchte, kann mal Abschnitt 13.1.8 lesen:

https://langsci-press.org/catalog/book/380

Grammatical theory: From transformational grammar to constraint-based approaches | Language Science Press

@stefanmuelller puh.
Ich mein', der offensichtliche Aspekt dass ab einer Länge die vermutlich individuell und je nach Bedingungen -- auch des Satzes, nicht nur der Leserin -- unterschiedlich sein wird, ein Satz einfach schwer zu verstehen wird weil man am Ende nicht mehr weiss, worum es eigentlich ging, was ja genau das ist, was Mark Twain sehr pointiert beschrieben hat und was ich nie in der Extremform alle Verben am Ende des Satzes aufzureihen hinbekommen werde ist ja das eine, aber wie das in der von dir geschriebenen Einführung in die Theorie von Grammatik(en) dargestellt wird ist ja doch noch ein etwas anderes Thema, das mich vermutlich noch ein paar Tage beschäftigen wird, da ich mal beschlossen habe, das Kapitel 13 quasi vom Anfang zu erarbeiten, was schwer ist, da mir doch...
@stefanmuelller ... erhebliche Grundlagen fehlen, was mich zwar überhaupt nicht wundert, aber natürlich Zeit braucht und ohne nenneswerten "Mut zur Lücke" natürlich den von dir explizit genannten Abschnitt unerreichbar machen würde, und doch find' ich es schon nach den ersten Absätzen spannend zu sehen, wie sehr auch die Sprachwissenschaft mit den Herausforderungen anderer Human- oder Sozialwissenschaften zu kämpfen hat, nämlich insofern dass es schon kein tatsächlich akzeptiertes Fundament von unbestrittenen Fakten und überschaubar wenigen Axiomen zu geben scheint, was mir durchaus sympatisch ist, aber eine Auseinandersetzung mit Theorien, Fachleuten und Kritiken natürlich zu einem Minenfeld macht.

@stefanmuelller also, was ich eigentlich meinte -- schon spannend wie all die gute Theorie (der|und) Grammatik am Ende an der Nutzbarkeit im Alltagsgebrauch scheitert 🙂

Also, vielleicht. Ich hab' ja grade mal 13.1.2 erreicht und komm' schon in's Schwitzen.