Überlegungen zur Möglichkeit und Unmöglichkeit des Gebrauchs von #Klarnamen in der politischen Öffentlichkeit des #Fediverse.

Bei Jean-Claude Kaufmann lernt man, dass #Identität keine definitive Wahrheit besitzt, keine absolute Substanz. Man lernt aber auch, dass das gut so ist und dass jede andere Vorstellung eher ein durch Bürokratie begünstigter Irrtum ist. 1/17

Das ist für viele sehr gewöhnungsbedürftig, weil wir unser ganzes Leben trainiert werden, identisch mit uns selbst zu sein. Als Lebenslauf, als Erwerbsbiographie, als Erzählung von Beziehungen und Hobbies. Es ist vor allem für jene schwer, die sich über ihre Jämmerlichkeit mit nichts anderem mehr trösten können, als mit Herkunft, Abstammung, Erbrecht oder Sprachgemeinschaft, etymologisch zuletzt auch verwandelt in das "Nationale". 2/x
Die Individualisierung, verbunden mit den permanenten sozialen Brüchen, bringt dem Individuum noch dazu große Unsicherheit. Zumal dann, wenn die eigene Existenzmöglichkeit, die eigene Existenzberechtigung ungewiß scheint. Das meritokratische, leistungs- und insofern defizitorientierte Bildungs- und Erwerbssystem ist womöglich weniger dafür gut, gelassene und großzügige Menschen zu machen, sondern eher ängstliche und neidische Biedermaier. 3/x
Von Unabhängigkeits- und Emanzipationsstreben kann unter den aktuellen Bedingungen selten die Rede sein. Der Mensch klammert sich noch an jede Institution als eine Stütze seiner wackeligen Selbsterzählung, wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz. Nichts ist kränkender, wird persönlich mehr als Angriff empfunden, als jemandem die Eignung für die Rolle abzusprechen, in der er sich zu erzählen versucht. 4/x
Inmitten all dem mögen wir nun doch bitte alle mal Klarnamen annehmen, wenn wir uns in öffentlichen Diskussionen begegnen, noch dazu im Moment womöglich assymetrischer Machtverhältnisse und persönlich sehr realer Angriffsflächen. Irgendwie erscheint mir das unwahrscheinlich. Im Gegenteil finde ich es erstaunlich und es macht mich neugierig, was das für Menschen sind, denen es gelingt, sich unter Klarnamen zu exponieren und sich zum Beispiel in ein Parlament wählen zu lassen. 5/x
Ich stelle mir zum Beispiel die Frage, wer da wem hilft: Ist jemand Funktions- und Amtsträger oder gar Kandidat, weil ihn dieser Rahmen als Persönlichkeit stabilisiert? Oder ist er die Persönlichkeit, die einen Verein zusammenhält und trägt? Ich habe da vielfach einen ungünstigen Eindruck, und zwar, je nichtssagender und floskelhafter, je beliebiger und vorhersehbarer, je langweiliger und vorsichtiger jemand daherkommt. 6/x
Personalisierende Wahlkämpfe können meines Erachtens nichts anderes sein, als eine Überforderung. Und ich denke, es bleibt den Normalsterblichen, die der Schoß unserer meritokratischen Gesellschaft so hervorbringt, wenig anderes übrig, als als weiße Leinwand für egal welche werbliche Projektion herhalten zu können. Oder aber - ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich's völlig ungeniert - den verückten Versuch der Echtheit zu unternehmen. Mit dem Nachhall der Verrücktheit, wie beobachtbar 7/x
In der öffentlichen Diskussion bspw. im Fediverse (oder überhaupt in sozialen Medien) Klarnamen zu verwenden, ist gefährlich, weil der Klarname alle Facetten der realen Person miteinander koppelt. Die Abwertung eines Autors - Folge der von Kaufmann beschriebenen strukturellen Knappheit von Anerkennung - ist dann nicht mehr auf eine Position begrenzt, sondern wirkt auf die ganze Biographie. Siehe https://plinubius.de/das-kreative-ich-auf-der-suche-nach-anerkennung-notizen-zu-jean-claude-kaufmanns-theorie-der-identitaet-lieferung-1/#5 8/x
Das kreative Ich auf der Suche nach Anerkennung. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 1) | Plinubius

Im Kontext politischer Arbeit in politischen Vereinen (Parteien) passiert strukturell dasselbe: Wo Personen unter Klarnamen Träger ganzer Themenfelder werden, kippt Kritik an Inhalten in Kritik an Personen, weil Rollen (Funktionen, Mandat, Arbeitskreiszugehörigkeit, Parteizugehörigkeit usw.) mit der Identität der Person verschmelzen 9/x
Die Folge ist die strukturelle Schwäche politischer Vereine und ihrer Informationsverarbeitungskapazität. Die ehedem geringe Arbeitskapazität dieser Vereine wird nochmals erheblich geschwächt, weil auf die Identität der Personen bezogene Konflikte die Bereitschaft zur Mitarbeit senken oder Zeitressourcen durch Konfliktbearbeitung binden. Vgl. https://plinubius.de/essay-zu-einem-modell-fuer-gelingende-politische-arbeit-mit-den-zur-verfuegung-stehenden-mitteln-eines-kreisverbands/#sdfootnote5sym 10/x
Die Verwendung von #Klarnamen, ganz gleich ob im #Fediverse oder in der #Parteiarbeit, zeitigt ein sehr ähnliches Ergebnis: Abwertung trifft nicht Beiträge, sondern Menschen. Mit der Folge von Rückzug, Schweigen und Erschöpfung; seltener und wenig durchhaltbar auch Eskalation. Ich denke, dass ist es, womit unter anderem @BlumeEvolution es zu tun hat. Der Klarname ist das Gegenteil der Popperschen Trennung zwischen Person und Idee mittels Sprache. 11/x
Meine bisherigen Überlegungen zu politischer Arbeit sind insofern schon immer entpersonalisierend: Themen vor Personen, Material vor Meinung, Prozess vor Prestige. Die Überlegung, einen Arbeitsprozess zu entwerfen und mit ihm Rollen, die einer beliebig großen Zahl an Menschen zu ihrem Nutzen und ihrem Vergnügen produktives Mitwirken ermöglicht, ohne persönlich in Gefahr zu geraten, ist eine Anerkennungspolitik, die im Grunde ohne Personalisierung und Klarnamen auskommt 12/x
Die Verwendung von Pseudonymen und das Postulat, den Prozess politischer Arbeit entlang der Wertkette politischer Informationsverarbeitung in den Vordergrund zu rücken, sind beides Techniken zur Senkung sozialer Reibung. 13/x
Mein Parteiarbeits-Modell ist auf Organisationsebene insofern das, was das Pseudonym auf Subjektebene ist: Eine Antwort auf die von Kaufmann beschriebene strukturelle Anerkennungsknappheit und zerstörerische Dynamik personalisierter Abwertung, die gleichzeitig konstruktiv Gebrauch macht von Kaufmanns Hinweis, die Identitätskonstruktion der Vielen zu stabilisieren, indem man Institutionen in Form von annehmbaren und produktiven Rollen im Prozess entwirft und anbietet. 14/x
Die Institution eines Informationsbeschaffungs- und Verarbeitungsprozesses in politischen Vereinen, der Rollen zeitigt, die man übernehmen kann, ist also genau das, was ich eingangs etwas despektierlich beschrieben habe: Treibholz, besser: Schwimmhilfen, die wir in rauen Mengen all den Ertrinkenden unserer individualisierten Empörungsgesellschaft zuwerfen können, um uns gemeinsam über Wasser zu halten. 15/x
Damit lassen sich viel mehr Menschen integrieren, als die üblichen 4-8 Personen pro Ortsverein oder Unterbezirk einer klassisch subsidiär strukturierten Parteiorganisation. 16/x
Bleibt die Frage: Was mache ich konstruktiver Weise mit meiner Klarnamen-Identität im politischen Raum? Gibt es überhaupt einen Moment, die sinnvoll zum Einsatz zu bringen? Oder liegt die Zukunft der Politik vielleicht eher darin, sich ausschließlich unter Pseudonym zu begegnen, weil dem die Höflichkeit inne wohnt, ungestört vom Ansehen der Person über die reinen Ideen ins Gespräch zu kommen? Möglich, dass am Ende nichts peinlicher ist, als Klarnamen. 17/17
Plinubius 🇪🇺 (@[email protected])

Die Fortsetzung meiner Überlegung von gestern zum Thema der #Klarnamen und #Pseudonyme (siehe https://chaos.social/@plinubius/116025316319858296) ergibt sich logisch aus dem Namen der Instanz als Zeichen einer Institution - mit allen Implikationen: "at"pseudonym"at"instanz.social ... mal gucken "at"pseudonym"at"nerds.social ... aha "at"pseudonym"at"kirche.social ... was ist das für einer? "at"klarname"at"kirche.social ... Pfarrer "at"klarname"at"partei.social ... volle Deckung 1/x

chaos.social

Hi @plinubius,
ich empfinde persönlich den Kontextwechsel von (meinen) Pseudonymen lästig und die Verengung des Wahrnehmungspektrums auf Segmente eines Gegenübers schade. Drum präferiere ich für mich und schätze das Primärpseudonym. (Und konventionelle Namen sind aus Sicht der Mustererkennung einfach.) Habe aber auch keine Spezialanforderung (denke ich, lol).
Die reine Idee ist eine Fiktion. Ich habe mit Al Jarreau darüber gesprochen, er ist ganz meiner Meinung.
Vielleicht weil ich Individuen interessanter finde als Themen.

Mag aber jedes machen wie's mag.

@mro Sehr interessanter Gedanke, dass der "Klarname" ein Primärpseudonym ist.