ich werde nie wieder mächtige menschen gegen unsubstanziierte anschuldigungen verteidigen, egal wie weit hergeholt sie scheinen.
ich lese diesen alten artikel über qanon aus den epsteinfiles, lese mit welchem abstand und welcher klarheit die anschuldigungen und das generelle narrativ abgetan werden und stelle mir vor, wie epstein den artikel wohl gelesen hat? eine mischung aus angstschauer, dass seine machenschaften jetzt so nackt in der öffentlichkeit stehen und gleichzeitig ein schelmisches machtgefühl, wie sie erzählt werden & welche narrative aufgegleist werden, die ihm am ende beschützen. https://www.justice.gov/epstein/files/DataSet%2010/EFTA01660434.pdf
Age Verification | United States Department of Justice

jeder betrüger nutzt unsere erwartungsstabililität als fulcrum und epstein hatte ein sehr genaues bild unserer erwartungsstabilität. er wusste genau, welche geschichten wir akzeptieren würden, welche wir ablehnen würden. deswegen konnte sein geschäft jahrelang in "plain sight" operieren.

sein sweetspot lag irgendwo in dem blinden fleck zwischen gesellschaftlich akzeptierter misogynie ("er ist halt ein playboy?") und "failure of imagination" ("ach, jetzt hör auf, das kann doch gar nicht sein)

@mspro
Ich frage mich schon länger, ob sein Erfolg nicht auch darauf fußt, daß Sexwork in USA immer noch illegal ist. Ohne das hättte er gewiß nur einen Bruchteil seiner Kunden gehabt, und es wären nicht die "eher harmlosen" kontaminiert worden durch die Nähe zu den wirklichen Pädos etc .
@slowtiger kommt ganz drauf an, wie sexwork dann genau reguliert wäre?

@mspro

Wie wärs mit "legal ohne Abhängigkeiten"? Frag mal beim BsD-ev.

Und noch etwas, dessen Auslassung mich in hiesigen Medienberichten andauernd stört: Age of Consent (bei Sex) ist in verschiedenen Ländern verschieden hoch. In USA irgendwo zwischen 14 und 21, je nach Bundesstaat (und natürlich immer jüngere Ausnahmen bei Heirat).

Berichte betonen immer das Alter, anstatt die Abhängigkeitsverhältnisse zu beleuchten.

@mspro "QAnon belief system looks something like this:
Q is an intelligence or military insider with proof that corrupt world leaders are secretly torturing children all over the world; the malefactors are embedded in the deep state; Donald Trump is working tirelessly to thwart them."

Das ist das Gegenteil eines Truth-Sandwich.

@Kraemer_HB ja, das passt: verschwörungstheorien sind ein umgekehrtes truth sandwitch.

das narrativ ist bullshit, enthält aber einen wahren kern, der aber mit bullshit erklärt wird.

@Kraemer_HB ja, eine ähliche beobachtung, wobei ich den begriff warenförmig ablehnen würde. erstens passt es nicht zum fakt, dass verschwörungstheorien wahrscheinlich so alt sind, wie die menschheit und keine erfindung des kapitalismus und dass das, was er meint, besser mit dem begriff der "handlichkeit" oder "zugänglichkeit" oder noch besser, semantische anschlussfähigkeit beschrieben ist. "waren" sind darauf optimiert, klar, aber eben nicht nur?
@mspro Ich nehme an, dass VT im Kapitalismus ganz anders funktionieren als in anderen Gesellschaften. Insbesondere waren sie früher, als es den Begriff noch nicht gab, allgemein anerkannte Wissensformen. Ihre Nutzer waren fest integriert in Wissensgemeinschaften.
Warenförmigkeit bezeichnet die Konsumierbarkeit - und als solche haben sie doch heute ihre Hochphase, gerade wenn sie als Wissensform von der öffentlichen Meinung völlig delegitimiert sind. Das verwandelt ihre Funktionsweise.

@Kraemer_HB du meinst gerade durch die abspaltung und ausgrenzung zum "illegitimen wissen" werden verschwörungstheorien warenförmig?

interessant. weil in "short supply", entwickelt sich ein nachfragesog. so funktioniert die ökonomie der der verschwörungstheorie ja wirklich: die autor*innen schreiben für eine wachsende nachfrage nach nachrichten, die nur sie liefern können.

@Kraemer_HB du hast mir heute schon zwei neue gedanken beschert. danke!
@mspro Ich lese nach und nach den Atlantic-Artikel und denke: Der Nutzwert der VT - sowohl für Anhänger als auch für ihre Gegner - ist die Herstellung einer Gemeinschaft. Gemeinschaft ist m.E. ein Bedürfnis, für das der Kapitalismus nicht viele alternative Waren hervorgebracht hat. Er hat Gemeinschaft eher aufgelöst, speziell Überzeugungsgemeinschaft wie diese. Religion ist Privatsache - und entpolitisiert. Erst als Überzeugungsgemeinschaft können Rechte politisch handeln. 1/2
@mspro Es ist die Dialektik des Kapitalismus, dass er eine nonkonforme (nämlich verschwörungstheoretische) Gruppierung zu seiner Optimierung kooptiert. So war's ja auch mit dem historischen Faschismus: Viel antikapitalistisches Getöse, Inszenierung von Gemeinschaftsgefühlen, dabei extreme Optimierung der Expropriation. Das droht uns auch, diesmal mit Crypto, KI und Privatisierung intellektuellen Eigentums.
Deine Hypothese, Epstein könnte hinter QAnon stecken, ist nicht nötig zur Erklärung. 2/2

@mspro finde auch, dass man als Teilnehmer am öffentlichen Diskurs eine strukturelle Skepsis gegenüber solchen Machtstrukturen verinnerlichen bzw. mal so langsam aufbauen sollte.

-> In dubio pro victimis