Ich führe gerade eine interessante Debatte mit meiner Familie über Aufmerksamkeitsökonomie im Informationszeitalter und die Frage, ab wann das Posten von Nachrichten in Chatgruppen zur Belästigung wird. Dabei ist mir aufgefallen, dass es eine Art Aufmerksamkeitshorizont gibt, eine Toleranzgrenze, die ungefähr da liegt, wo die Anzahl der Nachrichten reziprok zu ihrem Informationsgehalt ist. Überwiegt die Quantität die Qualität der Informationen, entzieht der Empfänger seine Aufmerksamkeit. 1/
Da die Frage nach dem Informationsgehalt von Nachrichten eine subjektive ist, liegt die Toleranzgrenze für jeden individuell anders. Für mich als Autistin (#ActuallyAutistic) ist sie bspw. schnell erreicht, wenn Nachrichten keine referentiellen Informationen mehr enthalten oder die referentiellen Informationen keinen persönlichen Bezug mehr zu mir und meinen Interessen haben. Wenn dann jemand weiter postet, überschreitet er meine persönlichen Grenzen und ich werde sauer und defensiv. 2/
Ich denke, das hängt stark mit dem autistischen Stream of Consciousness und damit zusammen, wie das autistische Gehirn Informationen verarbeitet. Während allistische Gehirne Noise und Rauschen, das für sie keine Relevanz hat, gut ausblenden können, verarbeiten autistische Gehirne jedes Detail, um bewußt zu analysieren und zu ermitteln, was für sie Relevanz hat und was nicht. Das hat den Vorteil, dass man oft Dinge mitkriegt, die anderen entgehen. Aber es kostet auch deutlich mehr Energie. 3/
Deshalb beteilige ich mich selten an "Small Talk" oder radnom Laber-Chats. Die Kosten, die es mir verursacht, den Gesprächen aufmerksam zu folgen, stehen für mich in keinem Verhältnis zum Gewinn an für mich relevanten Informationen, seien es soziale, emotionale oder tatsächlich referentielle. Mein Aufmerksamkeitstoleranzschwelle als Autistin (#ActuallyAutistic) ist geringer als die neurotypischer Menschen, weil meine Informationsverarbeitungskosten höher sind. 4/
Zu einem gewissen Grad dürfte diese Erkenntnis aber auch für neutotypische Menschen relevant sein. Denn wir alle leben im Informationszeitalter und wir alle haben begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen. Deshalb funktionieren in unserer Gesellschaft Angriffsszenarien wie "flood the zone" und Desinformations-Kampagnen. Und deshalb leiden wir zunehmend unter dem Informationsqualitätsverfall, den AI Slop, Doomscrolling und Brainrot mitsich bringen. 5/
Es ist für den Erhalt unserer psych. Gesundheit wichtig, dass wir als Empfänger lernen, Nachrichten zu filtern. Aber für das Funktionieren von Kommunikation im Allgemeinen ist es unabdingbar, dass wir als Sender lernen, unsere Inhalte zu kurieren und zu selektieren. Wir dürfen mit den begrenzten Ressourcen unserer Zuhörer nicht respektlos und verschwenderisch umgehen, sondern müssen Form und Inhalt unserer Rede auf ihre Bedürfnisse anpassen. Sonst verlassen unsere Zuhörer genervt den Chat. 6/

Ha! Und wie ich gerade so über dieses Thema nachgrübel, hat Vox einen interessanten Beitrag dazu: http://youtube.com/post/Ugkxk0T4e0OlrDmHCXZI-9QDnAG4oC00VAZO

Mich beeindruckt vor allem der Begriff "attention souvereignty", Aufmerksamkeits-Souveränität. Oder vielleicht sollte man besser von "attention autonomy", also Aufmerksamkeits-Autonomie sprechen. Mein Punkt in der Debatte mit meiner Familie, war, dass jeder Mensch ein Recht auf Aufmerksamkeits-Autonomie haben sollte und Sender das respektieren sollten, so aus Etikette. 7/

@levampyre

#MessengerApps #FloodTheZoneWithShit #Desinformation

(1/

Ganz genau! --Kann ich als "neurotypisches" Wesen bestätigen:

"... dürfte diese Erkenntnis aber auch für neutotypische Menschen relevant sein. Denn wir alle leben im Informationszeitalter und wir alle haben begrenzte Aufmerksamkeitsressourcen. Deshalb funktionieren in unserer Gesellschaft Angriffsszenarien wie "flood the zone" und Desinformations-Kampagnen."

"...die Toleranzgrenze...

Danke fürs Teilen!

@levampyre

...die Toleranzgrenze für jeden individuell anders. Für mich als Autistin (#ActuallyAutistic) ist sie bspw. schnell erreicht, 👉wenn Nachrichten keine referentiellen Informationen mehr enthalten oder die referentiellen Informationen keinen persönlichen Bezug mehr zu mir und meinen Interessen haben👈.... "

//

Was genau meinst du mit "referentiellen Informationen"?

Auf wen oder was beziehen sie sich denn dann nicht?

@HistoPol Oh, ich verwende den Begriff "referentiell" in seiner zeichentheoretischen, semantischen Bedeutung. Das Zeichen (also bspw. ein Wort) steht für das gegenständliche Ding, das es bezeichnet und erfüllt auch nur den Zweck, das gegenständliche Ding zu bezeichnen. Anders als bspw. Metaphern oder Ironie, wo die Bedeutung des Zeichens eine andere als die das Ding bezeichnende ist. Oder Worte, die geäußert werden, um andere Funktionen zu erfüllen, als die Bezeichnung gegenständlicher Dinge.
@HistoPol Mehr dazu unter https://de.wikipedia.org/wiki/Sprachfunktion. Was ich meine, ist, wenn die Nachrichten die gegenständliche Informationsebene verlassen, also z.B. nur noch der sozialen Funktion von Unterhaltung, Kurzweil, Geselligkeit, Humor, Trost, Zusammenhalt, etc. dienen, aber inhaltlich nicht mehr wirklich neue Erkenntnisse hervorbringen, dann werden für mich die Kosten, weiterhin aufmerksam zuzuhören, zu hoch und ich schalte ab oder entziehe mich bewußt.
Sprachfunktion – Wikipedia

@HistoPol Ich muß nicht meine kostbare Lebenszeit damit verschwenden, mir 100 Varianten von "wir haben uns alle lieb" oder "wir sind heute lustig drauf" oder "herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag" oder "die Welt ist kacke und ich will auf'n Arm" oder "mir ist grad langweilig, ich brauch Ablenkung" anzuhören/durchzulesen. Das ist etwas, das mich persönlich langweilt und nervt, obwohl ich sprachtheoretisch nachvollziehen kann, dass Menschen Sprache zur Erfüllung dieser Bedürfnisse verwenden.

@levampyre
Verstehe. Das klingt faszinierend und irgendwo auch sehr effizient. *

Ist das bei dir gegenüber allen Menschen für dich so, oder nur bei der großen "Masse", die nicht zu deinem engsten Kreis gehört?

*Nicht falsch verstehen, kann man sich das als als "Neurotypischer irgendwie (von außen) ein bisschen wie beim Vulaner Mr. Spock aus Raumschiff Enterprise vorstellen?

Und (sorry🙈), weitere Frage (kein Stress, morgen ist auch noch ein Tag, musstest du das Filtern lernen, trainieren,...

@levampyre

...oder ist das für dich etwas "Natürliches", etwas das "automatisch", idee "von Innen" kommt und dir total leicht fällt?

//

@HistoPol Was ist "FAS" oder "FAS filtern"?

@levampyre

🤣🙈 Weiss ich auch nicht!

Sorry, dein Freund der Spellchecker!

Das hätte "das" (korrigiert) heißen sollen, aber die Fremdsprache der Tastatur (vergessen, wieder DE einzustellen) machte "FAS" daraus.

@HistoPol Achso, hm, also Filtern ist etwas, was ich zwangsweise tun muß, weil ich sonst mit dem Tempo anderer Menschen nicht mithalten kann. In der Zeit, in der andere 1g Informationen verarbeiten, verarbeite ich 1000g (sinnbildlich). Damit das in derselben Zeit überhaupt machbar ist, mußte ich unglaublich gut in Mustererkennung werden, um schnell entscheiden zu können, was Relevanz hat und was nicht. Aber neurotypische Menschen tun das m.W. auch irgendwie, nur halt ohne drüber nachzudenken.
@HistoPol Naja, "faszinierend, effizient" kann ich nicht beurteilen. Ich kenne es nicht anders. Ich habe nur erfahren, dass es oftmals zu Mißverständnissen führt. Leute fühlen sich nicht in der Weise respektiert, getröstet, ernst genommen, verstanden, wie sie das erwarten würden und halten mich für unempathisch, wenn ich die erwarteten Dialog- und Reaktionsmuster nicht bediene. Sie zu erkennen und korrekt zu bedienen, hat mich viel Studienzeit gekostet und ist nach wie vor jedes Mal Arbeit. 1/
@HistoPol Neurotypische Menschen machen das automatisch, ohne drüber nachdenken zu müssen. Für mich ist es Arbeit. Und ja, bei allen Menschen. Aber es ist einerseits so, dass es sich nicht lohnt, mir die Arbeit bei allen Menschen zu machen und andererseits so, dass nicht alle Menschen die gleichen Erwartungen an normtypisches Reagieren haben, bzw. einige nachsichtiger sind, wenn man atypisch reagiert. Bei letzteren fühle ich mich wohler, weil ich nicht ständig auf der Hut sein muß.

@HistoPol @levampyre es ist in manchen Dingen auch total effizient. Ich weis zB immer "alles" wo wir dran vorbeigekommen sind. Das im Schirmständer ein Brecheisen steckt, das vor 100 m eine Ausweiche auf dem Bergpass war und das in der Besteckschublade eine Büroklammer liegt.

Es war lange für mich kaum erklärbar, wie man sowas nicht (be)merken kann. Dafür bemerke ich zB üblicherweise nicht, wenn jemand in mich verknallt ist.

@HistoPol @levampyre Eine Kehrseite ist, dass einem die Welt so ineffizient vor kommt.
Warum erzählen die Leute die Unwahrheit zum Zeitvertreib ("Rumblödeln")? Das macht doch total viel Arbeit, herauszufinden, ob das "ernst gemeint" ist, oder nicht.

Warum redet man erst über das Wetter bevor man die Vertragsverhandlungen beginnt?

Warum spricht man darüber, was in irgendwelchen Königshäusern passiert ?

Warum geht es um Status und nicht um die Sache?

@md Kann ich beides so unterschreiben. Wenn etwas gesucht wird, werd ich als erstes gefragt, weil ich es bestimmt irgendwo wahrgenommen hab. Ich weiß auch, ob meine Kinder die Zähne geputzt haben, weil ich bemerke, wenn die Zahnbürsten bewegt wurden. Auf der anderen Seite kann der große Drang nach Effizienz auch in Perfektionismus oder eine Art Optimierungswahn ausarten, wenn ich bspw. die fast volle Geschirrspülmaschine noch mal ausräume, um sie effizienter wieder einzuräumen. 🤦 @HistoPol

@levampyre

"...wenn ich bspw. die fast volle Geschirrspülmaschine noch mal ausräume, um sie effizienter wieder einzuräumen."

Lol.
Ich mach das auch, aber aus sich nachträglich erhebenden Effizienz-, Energiespar- und Ökologiegründen:

Wenn alles in "3D-chaotischem Manier" einräume, dann bekomme ich in 90% der Fälle noch (manchmal fast) das ganze Abendessensgeschirr auch noch mit hinein.

Eine Frage der Priorisierung: Zeit vs. $$ + Ökologie. 😇

@HistoPol Ja, das denke ich mir auch. Aber n bisschen bekloppt sind wir damit schon, oder!? 😅

@levampyre

@levampyre

😁🙃😅

Ja, vielleicht...oder doch eher: NÖ!

Die anderen sind vllt. die im Durchschnitt effizientereren Normalos, *wir* sind jedochdie ganzheitlich denkenden, umweltbewussten Normalos!--eine emergierende neue Evolutionsstufe (Homo holisticus)! 🤭🤗😉

@levampyre ich kann natürlich nicht für Dich sprechen, aber wenn ich darüber nachdenke kann ich ich schon sagen, das zumindest im nahen Umfeld das für mich anders funktioniert. "Papa ich hab dich lieb" ist keine neue Information aber hat eine positive Energiebilanz.
Smalltalk hingegen nicht.

Zumindest mein näheres Umfeld ist such gänzlich frei von Smalltalk. Sonst würden wir nicht passen. Wortspiele sind hingegen recht beliebt - das ist ja irgendwie auch rumblödeln 🤔

@md Ja, gut, stimmt. Meiner Frau und meinen Kindern sage ich auch ständig, dass ich sie liebe und es hat eine positive Energiebilanz und SmallTalk mache ich in meinem intimen Umfeld auch nicht. Aber selbst als ich meine Frau damals kennenlernte, war sie kein SmallTalk Typ und hat mich nicht komisch angeguckt, wenn ich die Wahrheit über das gesagt habe, was ich denke oder fühle. Ich mußte mich nie für sie verstellen, was der Grund dafür ist, dass ich mich überhaupt verliebt habe.

@levampyre

Verstehe.
Ich vermute zunächst eine systemtheoretisch Bedeutung (Varela/Maturana/Luhmann), danke für die Klarstellung.

Der Begriff wird also in deinem Fachgebiet *nicht* für abstrakte Dinge oder Konzepte verwendet, wie Mut, Hoffnung, das Leben nach dem Tode, Familie, etc.?

@HistoPol Ich kenne mich mit Systemtheorie zu wenig aus, um zu erkennen, ob es da ggf. Überschneidungen im semantischen Feld gibt. 🤷 Ich kenne den Begriff nur aus der Zeichen- und Sprachtheorie.

@levampyre

Habe mich damit auch schon schon sehr lange nicht mehr beschäftigt. 🙈
Dafür kenne ich mich überhaupt nicht mit Semiotik aus. 🤜🤛

Ich kann dir noch sagen, dass die Soziale Systemtheorie eine der komplexesten Theorien, die ich je gesehen habe--abgesehen vllt. von Quantenmechanik oder die der Multiversen.

That said, das erscheint mir eine gute Zusammenfassung zur Luhmann'schen Verwendung von "referent".

https://luhmann.fandom.com/de/wiki/Selbstreferenz

Selbstreferenz

"Selbstreferenz kommt nur in Kombination mit Fremdreferenz vor."[1] "Der Begriff der 'Referenz' soll in einer Weise bestimmt sein, die ihn in die Nähe des Begriffs der Beobachtung rückt. Wir wollen damit eine Operation bezeichnen, die aus dem Element der Unterscheidung und der Bezeichnung (distinction, indication im Sinne von Spencer Brown) besteht. Es handelt sich also um die Bezeichnung von etwas im Kontext einer (ebenfalls operativ eingeführten) Unterscheidung von anderem."[2] "So ist die…

Luhmann Wiki
@levampyre Auch als neurotypische Person sehe ich mich derzeit stark überfordert, wenn mich in Chats mehrfach pro Tag Nachrichtenschnipsel erreichen. Für mich hat es damit zu tun, dass ich mich gegen Chats weniger gut abgrenzen kann, als zB gegen Social Media. Gleichzeitig hinterlassen aber negative Nachrichten in unserem Hirn einen größeren Abdruck als positive und wecken auch mehr urge etwas tun zu müssen. D.h. Während ich mir bewusst ein Zeitfenster nehme für Social Media und dann damit >
@levampyre > rechne, da auch schlechte Nachrichten zu lesen. Überfällt mich Doom im Familienchat während ich was anderes mache und ich kann auch vorher nicht wissen, ob es süße Fotos von kleinen Neffen, ein dringlicher Wunsch nach Rat, die Frage nach einem Rezept oder eine schreckliche Nachricht zu Weltlage ist, der ich nur mit Ohnmacht begegnen kann. Insbesondere wenn ich die schlechten Nachrichten über den Tag dann schon mehrfach gelesen habe, bleibt aber die schlechte Nachricht um so >
@levampyre > stärker hängen und konsumiert Hirnkapazität indem ich mich damit wieder und wieder beschäftigen muss, dass ich gerade daran nichts ändern kann. Während die süßen Neffenbilder direkt wieder weg sind und ich darüber auch 2-5 schöne Begegnungen über den Tag mit American Dumpster Fire überschreibe.
@700Sachen Ja, da sind wir wieder bei Funktion, Erwartung und Bedürfnis. Ich befriedige mein Bedürfnis nach Informationen über die Weltlage auch eher via Social Media, eben weil ich es gezielt dosieren kann. Im Familienchat ist man dagegen quasi auf Dauerempfang geschaltet, weil es ja wichtig/wertvoll sein könnte, was da kommt. Durch den intimeren Raum hält man sich aber auch in einem verletzbareren Zustand und ist dann eben auch verletzt, wenn man grenzüberschreitende Nachrichten empfängt.
@700Sachen Oh, und was die Verzweiflung darüber, dass die Weltlage beschissen ist und man daran nichts ändern kann, betrifft: Darüber bin ich schon fast wieder hinweg, weil mir klar geworden ist, dass es ein Bias ist. Du kannst vielleicht nicht die ganze Welt direkt und auf einmal ändern. Aber was du täglich tust, wie du mit deiner direkten Umgebung umgehst, das hat einen Einfluß. Jeder Mensch kann die Welt/Menschen in seinem direkten Umfeld durch das verändern, was er tut. It's about choice.
@levampyre Ja, das stimmt, aber es ist ein Weg das auch nicht nur zu tun, sondern auch zu verinnerlichen. Und eine Belastung, die sehr viele teilen. Ich habe gestern einen Workshop zu mentaler Resilienz gegeben. Das Problem „Noise durch existenzielle Sorge um die Zukunft unserer Demokratie und unseres Planeten“ taucht unter Stressoren ziemlich weit oben auf. Sich da nicht immer wieder rein ziehen zu lassen bleibt eine ständige Abgrenzungsaufgabe für mich.
@700Sachen Ja, total verständlich und berechtigt. Ich hab es, wie gesagt, auch noch nicht komplett überwunden und muß mich bisweilen aktiv erinnern und meine Verhaltensmuster anpassen. Das ist Arbeit und ein Prozess, der sich m.E. aber auch lohnt. Dauerhafte Angst und Stress machen uns krank und Depressionen, Burnout und ähnliche Überlastungszustände lähmen uns und machen uns handlungsunfähig. Wenn wir nicht die Welt ignorieren, sondern mit der Ohnmacht umgehen lernen, werden wir resilient(er).