Diese Woche laß ich bei einem Follower, dass er sich über die "leeren Ränge" im Plenum aufregt. Tenor etwa: "was machen die denn den ganzen Tag, wohl nicht ihre Arbeit; die werden ihrem "Amt" nicht gerecht." Der Rest dessen, was ich dort lese, scheint demokratisch stabil, also interpretiere ich es nicht als Trollen.

Laßt mich dazu bitte mal was sagen: #FragAwet #Muppets

Ich weiß, es gibt da draußen eine Fangemeinde für besonders schmissige Debatten. Das ist dann so ein: Schau, jetzt hat der aber ordentlich einen mitgekriegt!-Moment und man grölt den Bildschirm an und donnert "Jawoll!".

Manchmal denke ich, Leute halten MdBs für eine hochbezahlte Version der Opas aus der Muppet Show ('Waldorf und Statler'): Im Plenarsaal lümmeln, sich über alles Mögliche aufregen und gehässig von der Seite kommentieren. Der Bundestag ist nicht die Muppet-Show!

Let me explain:

Vorweg ein paar (ehrliche) Wahrheiten über die Plenarsitzung(en): es ist oft geradezu erholsam, dort zu sitzen; eine Oase der Ruhe quasi: niemand kommt auf die Plenar-Ebene (außer MdBs), vor allem kein Telefon; keine Presse; kein Notebooks.

Jetzt schummeln sich natürlich viele mit - vom Notebook funktional nicht mehr zu unterscheidenden - iPad rein (ich auch!), aber ich bekenne: ich habe es mehr als einmal genossen, dort kurz mal meine Ruhe zu haben. Reinsetzen und berieseln lassen; wie früher: <zapp!> King of Queens, nur mit MdBs (ich sage nicht, wer in meinem Kopf Arthur Spooner ist).

Also, was ist (wirklich) mein Job?

Der Alltag als MdB ist komplett vollgeplant. Zunächst ist einfach viel Wegstrecke dabei. Ich laufe an einem Sitzungstag Locker 7, gelegentlich auch 10 Kilometer. Je nachdem, wo dein Büro ist, gehst Du durch laaaaaange Tunnel.

Daneben hängt viel Zeit davon ab, welche Ausschüsse man bekommt, denn die Ausschüsse haben meist feste Wochentage/Turni.

Ich bin zum Beispiel in 3 festen Ausschüssen (Recht und Verbraucherschutz und Kultur und Medien (KuM), Schriftführung) und Stellvertreterin in 3 weiteren. In KuM bin ich zudem Obfrau.

Dazu kommen "Freundeskreise" und "Internationale Organisationen" in denen ich Deutschland vertrete; bei mir: Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung", "Parlamentarische Versammlung des Europarates" und "Parlamentariergruppe Südliches Afrika", wo ich Vorsitzende bin.

So, Bundestag sure keeps you busy!

@AwetTesfaiesus Das ist so wichtig, dass mitzuteilen. Danke für die Transparenz 🙏.

Sich aus Beobachtungen oder besser Blitzlichtern eine Meinung zu bilden und das für eine Wahrheit zu halten nur weil ICH diese Erkenntnis hatte ist eine verführerische Stolperfalle.

@AwetTesfaiesus Ganz kurz: Dankeschön!
@AwetTesfaiesus Vielen Dank für deine Ausführung! Das ist interessant zu wissen und gibt uns nun einen Einblick! Was ish eine Obfrau in einem Ausschuss?
Deutscher Bundestag - Obleute

Obleute sind Abgeordnete, die in den Ausschüssen Hauptansprechpartner ihrer Fraktionsführung sind. In jedem Ausschuss gibt es je Fraktion einen Obmann oder eine Obfrau. Bei den Ausschussbera...

Deutscher Bundestag

@Pixelschubser @AwetTesfaiesus

Auch von mir vielen Dank 🤩 für die ausführlichen Infos über die Arbeit einer MdB 👏

@AwetTesfaiesus

"in 3 festen Ausschüssen (Recht und Verbraucherschutz und Kultur und Medien (KuM), Schriftführung)" 🤔

Heißt das, ein Ausschuss ist "Recht und Verbraucherschutz", einer heißt "Kultur und Medien" und der dritte "Schriftführung"? Was macht der denn? Oder Du bist in diesen Ausschüssen für die Schriftführung zuständig? Aber was ist dann der dritte? Oder "Recht" und "Verbraucherschutz" sind zwei verschiedene? Was macht denn dann der Rechts-Ausschuss?

Sorry, das sollte ich wohl eigentlich auch selber googeln können...

@AwetTesfaiesus Ist das mit dem Laufen cool? Oder gibt es Leute, die Rollschuhe, Skates oder so was verwenden?
@torsten wie oft bist du in hohen Schuhen gelaufen?
@AwetTesfaiesus @torsten mehrere Kilometer in hohen Schuhen? Das ist krass. Mich killen schon 3 cm Blockabsatz, wenn ich vom Parkhaus zur Veranstaltung laufen. Da wäre ein Rucksack mit Turnschuhen ( oder Rollschuhen)echt ein Ding.
Vielen Dank für die ausführliche Information, Mensch hat ja keine Ahnung...
@MyP @torsten Manche (auch ich, wenn ich dran denke) haben Sneaker an und Pumps 👠 im Täschchen dabei

@torsten

Fahrrad! Die früheren Klappräder waren für so etwas ideal - klein aber fein.

@AwetTesfaiesus

@Mons1serrata @torsten hab jetzt eins besorgt. PR-Desaster, wenn es davon Bilder gibt

@AwetTesfaiesus

Sehr gut! Ausufernde Bewältigung von Wegen am Arbeitsplatz ist nicht nur vergeudete Arbeits-, sondern auch vergeudete Lebenszeit 🤓.

@torsten

@Mons1serrata @torsten hält aber fit. Anfangs dachte ich noch: wo kann man da denn mal workout machen. Nach zwei Wochen stellte sich die Frage nicht mehr in derselben Vehemenz

@AwetTesfaiesus

Dann ist das Fahrrad ein guter Kompromiss: trainiert ebenfalls und spart gleichzeitig Zeit 🤓.

@torsten

@AwetTesfaiesus wäre es da nicht sinnvoll, wenn man die solche Gebäude in die Höhe oder Tiefe baut, um dann Fahrstühle zu verwenden, da alles näher aneinander ist?
@C3nC3 total! Hat dann aber so Imperial Senat-Vibes
@AwetTesfaiesus findest du? Das muss ja gar nicht sooo riesig sein. Ein typisches Frankfurt skyline Gebäude halt. Oder zwei davon. Das wäre - laut deinen Ausführungen - so viel effizienter. Aber sowas darf man ja nicht einfach so bauen in dtl

Darf man in den Liegenschaften des BT E-Scooter, Tretroller, Segways oder ähnliche Gefährte nutzen? Ich glaube, das wäre eigentlich ein Anwendungsfall dafür.

Andererseits: Es würde nicht so ganz zum hohen Haus passen und wenn man viel zu Fuß geht, dann bleibt man fit.

@AwetTesfaiesus

@hallunke23 @AwetTesfaiesus
Würde mich auch interessieren. Oder zumindest Inliner.
@RonRevog @hallunke23 @AwetTesfaiesus Ich bin eimal mit Inlinern durch die Bundestagsliegenschaften gefahren. Ich wurde nicht direkt angesprochen … aber danach habe ich's dann doch lieber gelassen und bin zu Fuß gegangen.
@padeluun @hallunke23 @AwetTesfaiesus
Verstehe. Revolution ist hartes Brot ohne Anhänger. 😉
Außerdem sind da die Reden: wenn Du eine Rede halten sollst/darfst erfährst Du das in der Regel weniger als 48 Stunden vor der Rede. Ab dann bist Du komplett unter Strom! Wenn Du Glück hast, kennst Du dich wenigstens im Thema irgendwie aus, wenn Du Pech hast, hältst Du eine Vertretungs-Rede zu einem Thema, mit dem Du dich noch nie (!) beschäftigt hast (Reform des Insolvenzrechts? Du bist doch Anwältin, das passt doch!). All das in weniger als zwei Tagen vorbereitung.

Wenn Du übrigens richtig Pech hast, hältst Du die Rede noch am selben Tag.

Deshalb hören deine anderen Verpflichtungen nicht auf. Du hast immernoch Ausschusssitzungen, Fraktionssitzungen, Treffen mit Bürger:innen, Besuchergruppen, Interviews.

Also schreibst Du nachts.

Diese Arbeit ist nicht unsichtbar: die allermeisten Ausschuss-Sitzungen werden gestream und sind öffentlich. Auch da gibt es Redebeiträge. Aber geschaut wird auf die Reden im Plenum; da ist großes Kino. Da ist tagesschau. Persönlich sehe ich das mittlerweile auch kritisch, weil es leicht zu Theaterberichterstattung (hier: "Die schönsten Tore aus dem Bundestag")

Das ist das "Grundrauschen der Arbeit"

Weiter:

Ihr macht Euch wahrscheinlich keine Vorstellung, was für einen Quatsch man auf den Schreibtisch bekommt: Special Interests rechts und links. Es herrscht wahrlich kein Mangel an Grüppchen, die gern eine Extrawurst von der Politik hätten. Meist: gut organisiert und mit schicken Büros in Toplage (Moltkebrücke!).

Viel weniger gut organisiert sind die Kreativen (ausgenommen: Verwerter): Ein Teil meiner Arbeit, den ich vor den Übergriffen meines Kalenders schütze, ist daher der direkte Austausch mit ihnen und ihren Vertretungen und Organisationen (zu einem kleineren Teil auch mit der Anwaltschaft). Dazu gehören unter Anderem z.B. die Programmkinos (die Verdienen Eure Solidarität und jeden Euro, den ihr erübrigen könnt) und die freie Kunstszene. Ich suche, diesen Austausch so oft es geht!

Und "suchen" ist dabei durchaus wörtlich gemeint, denn man findet sie gar nicht so leicht. Kreative sind nämlich ein - man meint es kaum - ein eher scheuer Menschenschlag: Oft extrovertiert und (zugleich) scheu und oft geradezu ängstlich.

Diese Kernbereich meiner Arbeit findet nicht im Plenum statt; nichtmal in den Liegenschaften des Bundes, sondern in Atelliers und Ausstellungsräumen.

Fast Geschafft!

Was man also im Plenum nicht machen kann (es sei denn man steht gerade selbst am Pult) ist: seine Arbeit erledigen. Ich weiß, das klingt widersinnig und deshalb versuche ich es plastisch zu erklären:

Nehmen wir an: es ist ein beliebiger Donnerstag und der Vormittag gehört dem Themenbereich "Gesundheit"; sagen wir "Krankenkassenrecht"; später geht es z.B. um "Finanzierung von bestimmten Gesundheitsleistungen in der PKV".

Das ist ein Fachthema für Fachpolitiker. Das ist aber nicht /mein/ Thema. Ich habe davon keinen Schimmer. Ich bin gesetzlich versichert.

Jetzt kann ich da natürlich sitzen, aber der 'Mehrwert' für meine inhaltiche Arbeit ist gleich Null. Tatsächlich würde ich mich quasi vor der Arbeit drücken, säße ich während einer Fachdebatte dort.

Säße ich da (um den Saal voll aussehen zu lassen) würde ich in dieser Zeit nicht mit Leuten von den Programmkinos reden; nicht mit den Museen; nicht mit der Kulturszene. Nicht mit Kreativen über KI sprechen.

Ich würde - maW - nicht das machen, was ich als MdB tun sollte: mich informieren, Gespräche führen, Stellungnahmen durcharbeiten, ein Gespür für meine Szene bekommen. Dieser Donnerstag wäre für mich ein absolut verlorener Tag.

Zu recht würden meine Kulturleute sagen: "Awet, das ist nicht Dein Thema; Du hältst zu diesem Thema keine Rede. Was zum Teufel machst Du da eigentlich den halben Tag im Plenum? Vielleicht machst Du mal lieber deinen f-ing Job!"

Witzig eigentlich: das sagt ja auch der Follower, der sich über den "leeren" Plenarsaal beschwert, aber meine Kulturys haben (im Gegensatz dazu) halt recht.

Ich wäre dann wirklich eine Oma aus der Muppet-Show; ein verschrobener Charakter, der miesepetrig von der Seitenlinie mault. Würde man uns ernstlich für so ein Theater jede zweite Woche aus ganz Deutschland (bei mancher MdB sogar: aus dem Ausland, könnt ihr googlen) auf Steuerzahlerkosten einfliegen, ich könnte den Verdruß verstehen.
TLDR: wenn ihr Bundestag seht, und da sind nur ~20 Leute im Saal, dann heißt das:
1. Ihr seht eine Debatte zum Fachthema.
2. Die ihr da seht, sind die Fachpolitiker:innen (die gleich dazu sprechen werden oder gerade gesprochen haben) oder da sind um Support zu geben.
3. Die ihr nicht seht haben gerade - das meine ich genau so - wirklich besseres zu tun.
@AwetTesfaiesus
Ob sie besseres zu tun haben ist die Frage, zumindest für sie besseres zu tun, denn die Lukratieven Nebenverdienste von den Formen für die sie Gesetze verabschieden, bekommen sie ja nicht ganz ohne weitere Gegenleistung, sonst könnte man die Bestechung ja nicht als Nebenjob verkaufen.
@Willy_Wuff hab keinen Nebenjob; bin in Beiräten (und gucke, das mit Euren Steuergeldern passiert)
@Willy_Wuff vielleicht muss ich da mal einen Thread 🧵 zu machen.
@AwetTesfaiesus
Klingt gut
Könnte nen Mittel gegen Politikverdrossenheit sein, denn in der Regel bekommt die Bevölkerung nur das mit was von den Medien gefiltert wird oder Populismus unserer führenden Politiker, und das kann man wirklich langsam nicht mehr ertragen.
@AwetTesfaiesus
Da ich mit "ein ganz normaler Tag in ner ganz normalen Klinik" regelmäßig schreibe wie mein Arbeitstag so ist, einfach zu dem Zweck das Leute die nix mit Krankenhaus zu tun haben, mitbekommen wie es so ist.....
Ein ganz normaler Tag im Bundestag dürfte auch ganz interessant sein 🙂
Auch wenns nen Langweiliger Tag ist an dem nicht wirklich was passiert ist.
Nur .... für Dich dürfte es etwas schwieriger sein so zu schreiben das man nix gegen Dich verwenden kann, als für mich.

@AwetTesfaiesus das heißt Du verschleißt einen der teuren Sitze im Bundestag ? 😉

Sagt ja keiner das es nicht auch Menschen gibt die ihren Job machen nur wenn man sich die vielen unbenutzten Sitze immer wieder anschaut scheinen es zumindest dort nicht so viele zu sein.
Zumindest entsteht der Eindruck.
Was hinter dem Saal passiert bekommt man ja eher selten mit.

@Willy_Wuff und das ist leider ärgerlich
@AwetTesfaiesus und dann gibts noch Leute die meinen sie können im Bundestag ihr Mandat ausüben und gleichzeitig Bundesvorstand einer Partei sein, ich versteh es einfach nicht. :)
@willi dann hast du mehr Mitarbeitende (die zuarbeiten) und bist idR keine Fachpolitiker:in mehr

@AwetTesfaiesus

Allein schon, daß du Zeit findest um die Bürger (hier jetzt uns) zu informieren - und das noch sehr ausführlich(!): Das ist ein ganz dickes "Danke" wert. 🙏 🙏

Und dass, wenn du meine Themen als Bürger mal auf "den Tisch bekommen" solltest und dann zu dem richtigen Fachpolitiker weiterschiebst, das ist dann auch richtig.

@Hans wird jetzt aber erstmal weniger werden
@AwetTesfaiesus danke für die ausführliche Erklärung! Interessant das mal aus erster Hand zu hören. Klingt, als hättet ihr ähnliche Probleme, wie in großen Firmen: wenn man nicht aktiv seine Arbeit aussucht, macht man viel sinnlosen Kram. Ok, ich mach auch viel sinnlosen Kram, auch wenn ich meine Arbeit mit Bedacht wähle, aber geschenkt  . Plus absurde "Dringlichkeiten"
@AwetTesfaiesus Aber über die Vorlagen stimmen dann alle ab – auch diejenigen, die von Tuten und Blasen keine Ahnung haben? Hab ich das richtig verstanden?
@mavori das Thema ist einen eigenen Thread wert. Nur soviel: oft stimmt „die Fraktion“ ab. Dann kann man vorher „dissent“ ankündigen und das wird vermerkt.

@AwetTesfaiesus Naja. Ich stelle mir wohl etwas naiv vor, dass man von MdB eigentlich erwarten kann, dass sie sich in alle Belange, die zur Abstimmung kommen, einarbeiten. Wie kann man sonst mit gutem Gewissen ja oder nein zu einer Vorlage sagen? Einfach, «weil die Fraktion so bestimmt?». Für mich eine ethische Grundfrage.

Ich meine eigentlich, das Gehalt sei hoch genug, dass man diese Einarbeitung in die Materie von MdBs erwarten kann.

@mavori @AwetTesfaiesus indem man innerhalb der Fraktion auf die eigenen Fachpolitiker*innen vertraut, die sich mit dem Thema im betreffenden Ausschuss befasst haben und die einen Beschlussvorschlag geben. Sich in alle Themen einzuarbeiten ist unmöglich, schon auf kommunaler Ebene — kann ich als Stadtverordneter bestätigen.