Vielleicht geht es nur mir so, aber ich beobachte zunehmend irritiert eine Tendenz, dass die Titel bzw. Teaser von Artikeln auch in den seriösen Tageszeitungen ein verzerrtes, rechts offenes Bild von den Inhalten der jeweiligen Beiträge vermitteln. Jüngstes Beispiel ist das Zitat in der Überschrift zum „Tagesspiegel“-Interview mit #Armin_Nassehi vom 5.11: „Viele Demonstrationen für Migration sind weißer als jeder AfD-Parteitag“ (Paywall). /1

https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/soziologe-armin-nassehi-viele-demonstrationen-fur-migration-sind-weisser-als-jeder-afd-parteitag-14746919.html

Soziologe Armin Nassehi im Interview: „Viele Demonstrationen für Migration sind weißer als jeder AfD-Parteitag“

Der Münchner Soziologe Armin Nassehi hat erforscht, wie Integration im Alltag passiert. Friedrich Merz’ Stadtbild-Aussage hält er für naiv – und viele Linke für unrealistisch.

Der Tagesspiegel
Klar, das Zitat fällt im Gespräch. Es spiegelt aber isoliert keineswegs die vergleichsweise differenzierten Beobachtungen Nassehis (ich bin trotzdem kein Fan) hinsichtlich der #StadtbildDebatte wider. Im Gegenteil handelt es sich um eine geradezu beiläufige Bemerkung Nassehis, dem es um die Diskrepanz zwischen der faktischen Integrationsfähigkeit der deutschen Gesellschaft und der politischen Sprache geht – und der deutlich mehr zu Friedrich Merz als zu dessen Kritikern sagt. /2
Eben diese landen aber dann im Titel, der ohne Kontext einmal mehr das Klischee der abgehoben-naiven linksliberalen „Gutmenschen“ in den Vordergrund rückt, die gerade die AfD nur zu gerne verächtlich macht. Wollte man Nassehis Folgerungen mit einem Zitat auf den Punkt bringen, dann hätte es passendere Sätze aus dem Interview gegeben, z.B.: „Man sieht gerade an Migrantischem mehr, als es da eigentlich zu sehen gibt“. /3
Mir ist bewusst, dass aufmerksamkeitsweckende, vielleicht auch provokante Titel in Zeiten des Online-Journalismus unumgänglich sind. Und natürlich, als Leser ist man selbst in der Verantwortung, nicht nur die Schlagzeilen zu lesen. Dennoch scheint manchen Leuten in den Newsrooms nicht klar oder, schlimmer noch, egal zu sein, dass es gerade die Schlagzeilen sind, die zitiert werden – mit denen sie also selbst Politik machen, ob sie wollen oder nicht. /4
Und verantwortlich Politik zu machen heißt für mich Differenzieren, also gerade nicht beizutragen zur Steigerung der „Polarisierung“/Erregung, die sich ja auch im „Tagesspiegel“ in den Leserkommentaren bemerkbar macht. /End