Macron als Präsident, der seine Bevölkerung längst verloren hat - und genau davor auf große internationale Konferenzen flüchtet.

Daraus aber "Ratschläge für Friedrich Merz" abzuleiten, ist die übliche Journalisten-Hybris, die immer davon ausgehen muss, es gäbe ganz einfache Rezepte es besser zu machen, wenn sie nur irgendein Kanzler oder irgendeine Kanzlerin endlich mal befolgen würde.

Der Journalismus ist sich seiner eigenen Rolle im Geschehen offenbar kaum bewusst.

https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-06/aussenpolitik-emmanuel-macron-vertrauen-friedrich-merz-wladimir-putin-5vor8

Außenpolitik: Wer gegen Putin bestehen will, braucht Rückhalt aus Wanne-Eickel

Ohne Vertrauen zu Hause ist ein Bestehen in der Welt kaum möglich. Emmanuel Macron zeigt, was ansonsten droht. Friedrich Merz sollte genau hinschauen – und daraus lernen.

ZEIT ONLINE

...Ganz gleich was Merz und sein Kabinett tun oder nicht tun - auch sie werden ziemlich genau da landen, wo Frankreich bereits heute ist:

"Frankreich ist seitdem de facto unregierbar geworden. Das Parlament ist blockiert, ein erster Premierminister wurde schnell gestürzt. Der Neue taumelt. Kaum ein Gesetz wurde in den vergangenen Monaten verabschiedet; schon gar keine nennenswerte Reform. Infolgedessen hat sich ein großes, grundsätzliches Misstrauen über das Land und seine Politik gelegt."

...Die Idee der "Volksnähe" ist letztlich eine Idee, die rein metaphorisch nur die AfD bespielen kann.

Die politische Klasse kann nicht verhindern, dass sie fern von allen anderen agiert und daher kein stabiles Vertrauen in sich generieren kann.

Aber NUR die AfD kann darüber ein völkisches Mäntelchen legen, das genau das kaschiert.

Alle, die nicht das Gleiche tun wollen, was die AfD besser kann, müssen mit dem offenen Widerspruch der "Volksferne" leben...

...Mensch kann sich das u.a. auch am Beispiel Obamas klar machen:

War Barack Obama "volksnah"? Er war witzig, sicher. Rhetorisch nah am Bereich des Genialen. Er war emotionalisierend. Aber "volksnah"? Eher nicht.

Zugleich zeigen sich am Beispiel dieses "Charismatikers von Links" die Grenzen, was so etwas bewirken kann:

Barack Obama hat so gut wie nichts bewirkt. Ist man böser (und ungerechter) könnte man sogar sagen: "Er hat zu Trump geführt".

Es gibt keine gute Lösungen in diesem System.

...Aber Journalisten MÜSSEN (durch ihre eigene Situation) so schreiben, als gäbe es diese "einfachen guten Lösungen", die komischerweise in der Realität dann aber nie irgendein Politiker ergreift (Und wenn, dann erleiden sie eine böse Bruchlandung).

Viele journalistischen Kolumnisten sehen es offenbar als ihre Aufgabe, gewählten Politikern gute Ratschläge von außen zu geben.

Damit nähren sie beständig das Bild, "es sei doch im Grunde alles ganz einfach".

Rechtspopulisten hilft das sehr.

...Würden Journalisten aber "realistisch" schreiben: Im Grund haben Menschen wie Macron oder Merz gar keine guten Alternativen, weil es in ihrer Situation gar keine guten Alternativen gibt, sondern nur unterschiedliche Wege des Scheiterns, würden sie kein bleibendes Interesse an ihrem eigenen Geschreibs erzeugen.

"Das will doch auf die Dauer keiner lesen".

Insofern ist die Situation des Journalisten, der auf Erzeugung hoher Auflage und Klickzahlen angewiesen ist, selbst ein Teil des Problems.

...Also nein: Es gibt in einem Parteienwahlsystem KEINE Möglichkeit für Berufspolitiker, stabiles Vertrauen in sich und ihre Maßnahmen zu generieren.

Und Parteien wie die AfD und andere Rechtspopulisten überdecken das mit Empörung (vor ihrer eigenen Machtergreifung) und mit gewaltsamer Unterdrückung (nach ihrer Machtergreifung).

"Volksnah" ist in Wirklichkeit natürlich auch die AfD nicht. Sie ist exakt genauso abgehoben wie alle Parteien, kann das aber viel besser kaschieren.

...Die AfD als Partei spielt sozusagen das Spiel:

"Wir sind eigentlich gar keine Partei, wir sind selber das Volk"

Was sich sofort drastisch ändert, sobald sie an den Schalthebeln der Macht sitzen. Sie wechseln dann schlagartig aus der dauerpöbelnden Kind-Rolle in die paternalistische Erwachsenen-Rolle. Innerhalb des Autoritarismus ist das völlig stimmig und naheliegend, weil es in ihm tatsächlich nur diese zwei Positionen gibt...

...Mit EINEM Unterschied:

Sind Autoritäre an der Macht, unterdrücken sie die "pöbelnde Kind-Rolle", die sie selber eben noch offen bespielt haben und erzwingen als autoritäre, paternalistische Machthaber die "angepasste Kind-Rolle" bei allen anderen.

Aus ihrer Sicht ist das ein Fortschritt: Wenn niemand mehr pöbelt (wie sie es eben noch selbst getan haben), ist allgemeine Ruhe und das nehmen sie dann als Indiz, sie hätten jetzt "Recht und Ordnung" hergestellt.

...Dieses Muster kann aber keine andere Partei kopieren. Die Stelle im System ist sozuagen bereits besetzt.

Für alle anderen wäre das ein drastischer Selbstwiderspruch, der ihnen auch vorgehalten und übel genommen würde.

Nicht so bei der AfD. Das ist sozusagen ihr "USP im System": Dass sie offen selbstwidersprüchlich agieren kann, ohne dass ihr das auf die Füße fallen könnte.

Dagegen haben alle anderen Parteien keinerlei Mittel: Egal, wie sie dagegen spielen - die AfD gewinnt.

...Und natürlich wollen alle anderen Parteien das bis zuletzt nicht wahrhaben. Das heißt: Bis kurz vor der Machtergreifung der AfD werden sie noch leugnen, dass sich die Dinge so verhalten.

Sie werden bis kurz davor behaupten:

"Es gibt gute Strategien im System. Man muss nur das und das tun (zur Zeit: "in die Infrastruktur investieren und auf 'Leistung muss sich wieder lohnen' setzen") - und dann werden sich die Stimmanteile für die AfD schon reduzieren."

...Parteien als Parteien sind offenbar zu einer realistischen Einschätzung "der Gesamtsituation" nicht in der Lage.

Die Zukunft sind Aristokraten, die sich "volksnah" geben. Und das kann nur rechtspopulistisch bespielt werden. Über Dauer-Empörung gegen seine Mit-Aristokraten, in der man als Aristokrat spielt, man sei die Verkörperung des "Volkszorns" und damit "die wahre Volksstimme".

Alle Rechtspopulisten in allen Ländern gehen so vor. Weil es funktioniert.

...Das Argument, an "die Wähler" adressiert:

"Ihr werdet von denen nur benutzt. Ihr werdet von der AfD verarscht"

hat u.a. deswegen keinerlei Wirkung, weil die unmittelbare Antwort darauf auf der Hand liegt. Die Leute sagen:

"Wir werden von ALLEN Politikern verarscht und benutzt. Die von der AfD teilen aber wenigstens unsere Gefühle und verleihen ihnen Ausdruck!"

Mit Rationalität ist da nichts zu gewinnen. Und mit eigener Emotionalisierung ebenfalls nichts.

...Es gibt sozusagen eine eingebaute Asymmetrie im System, die langfristig dafür sorgt, dass das Rechtsreaktionäre gewinnt.

Die Fantasien auf Seiten der LINKEN oder des BSW, man könne das von links irgendwie genauso gut ("Populismus") sind eben das: unaufgeklärte Fantasien.

Der Artikel, seit dem man das spätestens wissen könnte, ist der immergleiche, nämlich dieser hier:

https://www.republik.ch/2018/01/15/demokratie-unter-irrationalen

Viele Toots, kurzer Sinn: Wir haben "schon immer" ein Systemproblem.

Demokratie unter Irrationalen

Warum wir den Mainstream nicht bekämpfen, sondern herstellen sollten. Warum Sie keine Ahnung über Ihr Unwissen haben. Und warum es Sie und die SRG braucht.

Republik

...Oder systematischer:

Es gibt keine Möglichkeit für gewählte Berufspolitiker, sich stabiles Vertrauen der Bevölkerung zu erarbeiten - auch wenn professionelle Kolumnisten beständig das Gegenteil nahelegen.

Auch die AfD kann das übrigens nicht. Muss sie auch gar nicht, um an die Macht zu kommen. Für sie reicht es völlig aus, das vorhandene Misstrauen "in das Establishment" offensiv zu bedienen. So offensiv, wie das sonst keiner außer der AfD kann.

https://wyriwif.wordpress.com/2019/03/20/zur-loesbarkeit-unserer-politischen-vertrauenskrise/

Zur Lösbarkeit unserer politischen Vertrauenskrise

Die politische Krise unserer Gesellschaft ist vor allem auch eine Vertrauenskrise: Gewählte Politiker misstrauen ihren Bürgern. Bürger misstrauen ihren gewählten Politikern. Und die Bürger misstrau…

What you read is what I've felt

...Leider wird unserer heutigen Aristokratie ihre eigene Wehrlosigkeit gegen Phänomene wie Trump oder die AfD viel zu langsam bewusst.

Die Illusion, "es muss doch irgendein wirksames Mittel zu finden sein" hält sich bei ihr hartnäckig.

Möglicherweise auch deswegen, weil in diesen Kreisen sehr viel "positiver Spirit" oder mit anderen Worten "Machbarkeitswahn" selbstverständlich ist und zum guten Ton gehört.

Mit Situationen, in denen mensch nichts machen kann, hat mensch dort wenig Erfahrung.

...Wie immer: "Tragisches Bewusstsein" ist weitaus besser als sein Ruf und ein entscheidender Helfer bei gesellschaftlichen Fortschritten.

Während das Fehlen von "Tragischem Bewusstsein" die Möglichkeit von gesellschaftlichen Fortschritten wirksam blockiert. 🤷🏽

"Ausweglose Lagen" (Aporien) sind ein produktiver Teil des Prozesses. 😉 😁

...Um es nochmal paradox zu machen:

Das Gesellschaftssystem, mit dem wir derzeit gemeinsam unterwegs sind, landet u.a. auch genau deswegen in so "tragischen Lagen", weil es in einer systemischen, offensiven Verleugnung der Existenz von Tragik besteht:

Es muss "immer eine Lösung geben". Situationen, in denen es keine erträgliche Lösung gibt, müssen als solche offensiv verleugnet werden.

So wird dann die Problemverleugnung systemisch. Und die Problemprokrastination auch.

...Politiker, die (realistischerweise) antreten würden mit: "Wir haben auch keine Lösung, aber wenigstens stehen wir dazu, und erzählen Euch nicht wie all die anderen, dass wir Lösungen hätten" würden nicht gewählt werden.

Politiker müssen so auftreten, als ob sie Lösungen hätten, auch wenn sie keine haben.

Das System, das wir derzeit haben, zwingt sie dazu.

...Politiker, die dann NOCH einfacher Lösungen verkaufen, die NOCH weniger funktionieren, können das dann ausnutzen, indem sie vehement auf die Selbstwidersprüche hinweisen, die das unvermeidlich erzeugt:

Nicht eingehaltene Wahlversprechen, Stillstand, marode Infrastruktur, Verlust von Wirtschaftskraft und internationaler Geltung und Strahlkraft, etc.

Das System erzeugt seine Gegner aus sich heraus und macht sie erfolgreich.

Und: Es kann das gar nicht vermeiden. Es ist autodestruktiv. 🤷🏽