Mein dritter und deutlich längster #qualipost widmet sich einem Stück der jüngeren Internetgeschichte, das das Leben vieler Menschen für immer verändert und globale Schlagzeilen geschrieben hat. Das Thema erhielt große mediale Aufmerksamkeit, auch in klassischen Nachrichtenmedien wie TV und Zeitung. Es geht um Milliardenverluste für Hedgefondsmanager und juristischen Folgen für Broker wie Robinhood. Die Rede ist vom Short Squeeze der GameStop-Aktie im Jahr 2021. 1/11
Zuerst: Was ist ein Short Squeeze überhaupt? Dafür muss man zuerst das Konzept des Leerverkaufs verstehen. Ein Leerverkauf, oder “Short”, ist quasi eine Wette, bei der man auf den künftigen Kursverlust des Basiswerts spekuliert, indem man sich z.B. eine Aktie leiht und zu einem gewissen Zeitpunkt zurückgeben muss. Wenn man die Aktie nun verkauft und erst zur ausgemachten Zeit zurückkauft, mache ich Gewinn. Wenn so etwas nun im großen Stil geschieht, kann das jedoch schiefgehen. 2/11
Verbucht die Aktie nun wider Erwarten einen Kursanstieg, müssen die Leerverkäufer rasch ihre Positionen zurückkaufen, um Verluste zu vermeiden. Das treibt aber die Nachfrage so drastisch in die Höhe, dass der Kurs weiter steigt und die Verluste erhöht. Sollten nicht genug Aktien zur Glattstellung aller Leihpositionen im Umlauf sein, wird es gefährlich: Der Kurs steigt solange an, bis Leute ihre Anteile verkaufen oder das Unternehmen neue herausgibt. Der Verlust kann theoretisch endlos sein. 3/11
Auch im Fall GameStop sahen viele schlechte Zeiten auf das Unternehmen zukommen: Die zunehmende Digitalisierung, speziell im Videospielhandel, war einigen Hedgefondsmanagern Grund genug, um auf einen kommenden Kursverlust zu wetten. Währenddessen erlangte der Privatinvestor Keith Gill, auf den Plattformen Reddit und YouTube als u/deepfuckingvalue bzw. “Roaring Kitty” zunehmend Aufmerksamkeit, indem er seine Positionen der Aktie postete. Der erste Post seiner Position erschien bereits 2019. 4/11
Gill besaß nicht nur gewöhnliche Aktien, sondern auch “call options” — ein Vertrag, der das Recht garantiert, einen Vermögenswert bis zu oder an einem Fixdatum zu einem vorher festgelegten Preis zu kaufen. Auf dem Subreddit r/wallstreetbets teilte er seine wachsende Position. Obwohl Gill nie zum Kauf aufrief, stieg das Interesse der Community. Durch die steigende Nachfrage stieg auch der Kurs. Und: Die Reddit-Nutzer wurden allmählich auf die hohe Leerverkaufsquote der Hedgefonds aufmerksam. 5/11
Die Community beschloss, den großen Managern den Kampf anzusagen und kauften weiter ein. Dies geschah bewusst ohne dem Gedanken an direkten Profit, sondern mit der Intention, die eigene Position zu halten, wodurch die Hedgefonds ihre Shorts nicht glattstellen konnten. So schoss der Kurs aufgrund der “Diamond Hands” der Online-Community immer weiter in die Höhe und die Fonds versanken allmählich in Milliardenverlusten. Der Short Squeeze war in vollem Gange. Bis auf einmal alles anders kam. 6/11
Nachdem Elon Musk — damals noch gefeiert im Netz — den Subreddit per Twitter verlinkte, verdoppelte sich die Aktie an nur einem Tag. Die Aktie stieg gefühlt ins Unendliche, oder “to the moon”: Am 28.1. stieg die Aktie von 350$ auf ihr Allzeithoch von 482$. Doch plötzlich konnten viele Anleger keine GameStop-Aktien mehr kaufen. Einige Broker stoppten die Kaufmöglichkeit, ließen nur noch Verkäufe zu. Die Einschränkung führte zu heftigen Verlusten: Der Kurs schloss an diesem Tag bei rund 200$. 7/11
Die Begründung für den Kaufstopp war zuerst der versuchte Schutz der Kunden vor einem Risikoinvestment. Später kamen Spekulationen auf, dass Robinhood von einem Hedgefonds, der Anteile der Firma besaß, zum Kaufstopp gedrängt geworden sei. Robinhood wird unter anderem wegen Marktmanipulation angeklagt — bereits am 2.2. war der Broker mit 34 separaten Sammelklagen konfrontiert. Zu diesem Zeitpunkt war der Kauf der Aktie bereits wieder möglich, doch der Schaden war längst angerichtet. 8/11
Die Aktie schloss am 2.2. zum ersten Mal seit einer Woche wieder unter 100$. Keith Gill verbuchte innerhalb von zwei Tagen einen Kursverlust von 15 Mio. $. Der Kurs stieg nach einigen Wochen wegen einer Personalentscheidung, sank aber im Laufe der kommenden Monate immer weiter — zu Jahresende kostete eine Aktie etwa 37$. Trotz dieses Verlaufs konnten die Redditnutzer ordentlichen Schaden anrichten: Laut Business Insider lag der Verlust der Hedgefonds am 29.1 seit Jahresbeginn bei 19 Mrd. $. 9/11
Auch nach dem Höhepunkt ereignete sich noch einiges. Zahlreiche Ermittlungen und Untersuchungen wurden rund um den Short Squeeze und mögliche Marktmanipulation angestellt. Auch Keith Gill, für viele ein gefeierter Held, musste vor einem Komitee des Repräsentantenhauses aussagen. Das Thema bekam — zu Recht — ein gewaltiges Maß an Aufmerksamkeit. Der Vorfall diente als Vorlage für den Film “Dumb Money” und die Netflix-Serie “Eat the rich”. Letztere kann ich nur empfehlen. 10/11