Auf der Suche nach Anknüpfungspunkten, eine individuell durchhaltbare Strategie gegen #Hyperindividualisierung zu finden und das Wie der #Gruppenbildung zu verstehen, vermute ich, dass es sich lohnt, die von #Kaufmann2005 referierte Wechselwirkung von Identität, Gruppen und Institutionen mit der #Bindungstypologie der Psychologie in Verbindung zu bringen. Siehe dazu bspw. https://www.therapie.de/psyche/info/index/diagnose/bindung/bindungstypen/
Sichere und unsichere Bindungstypen | therapie.de

Es gibt einen sicheren und drei unsichere Bindungstypen. Der grundlegende Bindungstyp wird in der Kindheit geprägt und beeinflusst das konkrete Bindungsverhalten bis ins Erwachsenenalter.

Im Wintersemester 2003 hatte ich das Vergnügen, in Newcastle upon Tyne ein Seminar bei Hugh Berrington zu Psychology of Politics zu belegen. In Berringtons Literaturapparat fanden sich Texte, die den Zusammenhang zwischen der psychologischen Konstitution des Individuums und seinem Verhalten in der Politik und auch als Politiker herzustellen versuchen. Ich bin nicht sicher, aber auch Auszüge aus "The authotarian personality" sind mir dort begegnet, siehe https://en.m.wikipedia.org/wiki/The_Authoritarian_Personality 2/n
The Authoritarian Personality - Wikipedia

Ich höre durch Zufall, dass die Psychologie Bindungstypen unterscheidet und muss an die erodierende Schwäche der Bindung an Gruppen denken: Sportvereine, Kirche, Parteien.Allesamt quantitativ rückläufig. Zugleich wird #Einsamkeit als politisches Thema erkannt. Bowling Alone in America von #Putnam kommt in den Sinn. Aber sind Medien vielleicht nicht der einzige Faktor? 3/n
Spielt hier womöglich auch eine statistisch signifikante Verbreitung bestimmter kindlicher Prägungen in den heute dominierenden Alterkohorten eine Rolle? Was, wenn der Typ B (sichere Bindung) durch 40 Jahre neoliberalen Umbau der Gesellschaft auf den Schultern des in den 1960er Jahren auf Kiel gelegten Hedonismus so sehr ins Hintertreffen geraten ist, dass der Typ A (unsicher-vermeidender Bindungstyp) gesellschaftlich quantitativ relevant wird? 4/n
Die Verbreitung einer geschwächten Bindungsfähigkeit stünde in einem interessanten Gegensatz zu der von #Kaufmann2005 vermuteten vermehrten Bindung an Institutionen als Strategie der Stabilisierung von Identität (siehe https://plinubius.de/biedermaenner-brandstifter-und-karrieristen-notizen-zu-jean-claude-kaufmanns-theorie-der-identitaet-lieferung-2/#4 , Nr.4). Allerdings glaube ich, dass sich das nicht widerspräche. Es erklärte die Stärke der Bindung an eine berufliche Rolle oder ein Amt und gleichzeitig die schwache Bindung an Gruppen 5/n
Biedermänner, Brandstifter und Karrieristen. Notizen zu Jean-Claude Kaufmanns Theorie der Identität. (Lieferung 2) | Plinubius

Gleichzeitig würde eine Konservatismus-Neigung erklärlich. Das erschöpfte Selbst (#AlainEhrenberg) klammert sich an vorgefundene Institutionen, ist aber mangels Bindungsfähigkeit (also mangels eines Rückhalts in einer starken Gruppe jedweder Art) zu schwach, Institutionen zu formen, sondern noch dazu in seiner psychischen Stabilität von diesen abhängig und also konservativ im Sinne des Erhalts des als fragil erlebten Status Quo. 6/n
Ich greife noch weiter aus. Gibt es eine Entfremdung gesellschaftlicher Eliten von Teilen einer Bevölkerung, die quer zu allen Milieus aus ganz unterschiedlichen Beweggründen hadert? Das wäre an sich nicht neu. Aber steht so eine Entfremdung mit der Ungleichheit der Identitätschancen (#Kaufmann) einerseits und den Bindungstypen andererseits in Verbindung? Hat Bindungstyp B die Oberhand, oder Bindungstyp A? Ist das in jeweils unterschiedlichen Teilen des Gesellschaftssystems unterschiedlich?