Antarktisches #Meereis, #Klimawandel und das (statistische) Ende der Welt.

In den letzten Monaten gehen ja immer wieder die vom Mathematiker Eliot Jacobsen erstellten Grafiken über den dramatischen Eisschwund auf dem Meer um die #Antarktis rum.

Ein Thread, was die Abbildung tatsächlich aussagt, was wir über die Situation wissen und was nicht.
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Zuerst einmal zeigt die Darstellung NICHT, dass dort derzeit Eis schmilzt. In der Antarktis herrscht tiefster Winter, und jeden Monat wächst die Eisfläche um ca 2 Millionen Quadratkilometer.

Sie wächst aber langsamer als üblich, normal wären rund 3 Millionen Quadratkilometer. Deswegen haben wir etwas über 2 Mio Quadratkilometer, etwa 15 Prozent, weniger als normal.
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Jacobson arbeitet da außerdem mit Standardabweichungen. Das ist ne statistische Maßzahl für die Wahrscheinlichkeit von Messwerten unter bestimmten Annahmen und hängt nur sehr indirekt mit der physischen Entwicklung der Eisfläche selbst zusammen.

Was die Abbildung letztendlich zeigt ist, dass dort etwas sehr ungewöhnliches passiert: unter der Annahme, dass alle Bedingungen konstant sind, ist die Wahrscheinlichkeit für den gemessenen Wert rund 1:13 Milliarden.
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Das ist - vermutlich - kein statistischer Ausreißer, sondern etwas, was ich als Ende der Welt bezeichne: die berechnete Wahrscheinlichkeit ist bedeutungslos, weil die Welt, aus der die bisherige Statistik stammt, nicht mehr existiert. Was wir jetzt um uns herum sehen, ist im Grunde ein fremder Planet. Das fällt vielen noch nicht auf, aber wenn man nachrechnet, zeigt es sich an vielen Punkten der Erde. Aber zeigt es sich auch im antarktischen Meereis?
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@Fischblog Allerdings ist die berechnete Statistik ja nicht so alt, sondern basiert auf Messungen, die es erst seit 1979 gibt. Dh die Welt, die nach deinen Worten "endet", ist noch keine 50 Jahre alt. Wahrscheinlich ist es aber eine Fehlannahme bei einem mutmaßlich sich änderndem System von einer Normalverteilung auszugehen...
@lalonsander Es gibt Zeitreihen, die viel länger sind, bei denen wir das gleiche Phänomen sehen
Du hast natürlich Recht, grundsätzlich lässt sich nicht ausschließen, dass außerhalb unserer historischer Datensätze total wilde Dinge passiert sind, die wir nur nicht mitbekommen haben. Aber es ist jetzt auch nicht so, dass wir darauf Hinweise hätten.
@Fischblog Nee, ich meinte, das die letzten 50 Jahre eine Zeit sind, in der klimatechnisch wilde Dinge passieren und diese sich auch stets verändern. Und eine darauf basierende Statistik sollte vielleicht nicht als normal verteilt angenommen werden.
@lalonsander Ich versteh das jetzt so, dass du im Klimasystem Verteilungen mit nem "fat tail" für möglich hältst und die vermeintlich seltenen Ereignisse/Rekorde da draußen viel näher an der natürlichen Varianz sind?

@Fischblog Ich meine, dass die statistische Welt in diesem Fall bereits endete bevor wir angefangen haben, sie zu beobachten.

Eine solch geringe Meereisfläche wäre in einer klimatechnisch intakten Welt vermutlich noch seltener als die 5 Sigma.

@lalonsander Ah, OK. 🙂

Ich bin da gar nicht sicher, dass die Eisflächen unter "normalen" Bedingungen stabiler sind. Bei Meereis spielt so viel mit rein, Meeresströmungen, Westwinde, die Tiefs um die Antarktis... Ich kann mir schon vorstellen, dass da von Natur aus viel Varianz im System ist

@Fischblog Zumindest für die letzten 50 Jahre scheint mir die Varianz bei der Arktis größer, aber wahrscheinlich liegt das an der größeren Empfindlichkeit gegenüber dem Klimawandel

Links Antarktis, rechts Arktis

@lalonsander Ja, ich denke dass die Spanne in der Arktis derzeit größer ist, liegt tatsächlich am systematischen Eisverlust. Absolut betrachtet ist die Spanne bei beiden ja ungefähr gleich, was natürlich verdeutlicht, wie viel mehr Action grad in der Arktis ist.