„X spaltet die Gesellschaft“ – mit dieser Metapher wird in Politik und Feuilleton seit einiger Zeit jede tatsächliche oder herbeigeredete Meinungsverschiedenheit beschrieben – egal, ob es um das Gendern, Migration, Corona-Maßnahmen, Wärmepumpen, die Proteste der Letzten Generation, Waffenlieferungen an die Ukraine, Künstliche Intelligenz, Rassismus, Antirassismus, den Ballermann-Hit „Layla“ oder die Erbschaftssteuer geht. 1/
Bei Metaphern lohnt es sich immer, genauer hinzusehen. Hinter der Metapher von der „Spaltung“ steckt zunächst die Idee, dass die Gesellschaft im Urzustand eine monolithische Einheit bildet – man kann einen Baum spalten. Tatsächlich ist das aber nicht der Fall – „Gesellschaft“ ist nur eine Gruppe von Individuen, die an einem Ort mit einem gemeinsamen politisch-wirtschaftlich-rechtlichen System leben. Eher ein Wald als ein Baum. 2/
Hinter der Metapher steckt außerdem die Idee, dass diese imaginierte Einheit etwas Gutes sei. „Spalten“ bedeutet, dass etwas Ganzes kaputt gemacht wird. Das trifft aber auf eine Gesellschaft wie die unseren nicht zu. In den o.g. Fällen bedeutet „spalten“ ja nur, dass ein Thema zu unterschiedlichen Meinungen führt – das ist keine (Zer)Störung, sondern konstitutives Merkmal einer pluralistischen Gesellschaft. „Nicht-Einig-Sein“ ist kein Bug, es ist ein Feature. 3/
Indem die Meinungsvielfalt als das Zerbrochen-Sein eines idealerweise heilen Ganzen dargestellt wird, lenkt die Metapher den Diskurs automatisch auf eine „Wiederherstellung“ der Einheitlichkeit. Also auf die Idee, dass wir alle dieselbe Meinung haben müssen, damit unsere Gesellschaft funktioniert. Und diese Einheitlichkeit ist immer der imaginierte Zustand *vor* der Spaltung, also der Status Quo. Um etwas Gespaltenes zu reparieren, muss man es an der Bruchstelle zusammenkleben. 4/

Man darf es also z.B. nicht in noch kleinere Stücke schlagen und die dann anders neu zusammensetzen. Damit stellt die Metapher nicht nur den Kollektivismus als Idealzustand dar, sondern einen Kollektivismus nach den Regeln der Vergangenheit. Veränderung an sich ist nach dieser Metapher „spalterisch“.

Und schließlich stellt diese Metapher es so dar, als müssten wir alle einer Meinung sein, bevor wir in einem dieser Bereiche irgendetwas unternehmen können. Aber das ist natürlich falsch. 5/

Wir müssen kein Volk von Wärmepumpenfans sein, um eine technisch und geopolitisch veraltete Heizungstechnologie durch eine zeitgemäßere zu ersetzen. Es ist ok, wenn es Menschen gibt, die ihrer Gasheizung hinterher trauern. Wir müssen nicht zu einer Antwort auf die Frage kommen, ob man sich an der Straße festkleben sollte – wir können einfach die Maßnahmen ergreifen, die nötig sind, um die vertraglich verpflichtenden Klimaziele zu erreichen. 6/
Es ist ok, wenn sich Menschen darüber ärgern, dass dadurch Parkplätze wegfallen. Wir müssen keine Gesellschaft von Fahrradweg-Liebhaber*innen sein, um die Straßen so zu gestalten, dass dort möglichst wenig Menschen sterben. Es ist ok, wenn Leute das Gendersternchen hässlich, sinnlos oder übereifrig finden. Das bedeutet nicht, dass Schulen, Behörden, Firmen oder Privatpersonen aufhören müssen, es zu verwenden, bis uns eine bessere Lösung für eine genderinklusive Sprache einfällt. 7/
Und so weiter. Meinungsvielfalt ist nicht das Problem. Die Idee, dass diese Meinungsvielfalt eine „Spaltung“ darstellt und dass diese „Spaltung“ überwunden werden muss, bevor wir den Planeten retten, menschliche Diversität akzeptieren, ein Zufluchtsort für verzweifelte Menschen sein oder einem Nachbarland gegen einen Aggressor zur Seite stehen können, *das* ist das Problem. 8/
Natürlich ist die Metapher von der „Spaltung“ rhetorisch attraktiv: „Gendern spaltet die Gesellschaft“ klingt nach einer emotional aufrührenden und zugleich staatsmännisch einenden politischen Einsicht, und die Lösung ist auch klar: Das Gendern muss abgeschafft werden! „Es gibt unterschiedliche Meinungen zum Gendern“ ist dagegen eine triviale Null-Aussage, auf die nur ein Schulterzucken folgen kann. Mein Ratschlag: Mehr Schulterzucken und weniger kollektivistisch-konservative Metaphorik. 9/9
PS. Die „Gesellschaft-als-Wald“-Metapher hat eine Reihe von Vorteilen: Sie erklärt, warum eine Gesellschaft nicht nur aus einer Art von Menschen bestehen darf, warum ältere Menschen den jüngeren nicht alles Licht nehmen dürfen, warum wir ohne Wasser nicht leben können, warum wir keine Eichenprozessionsspinner in den Haaren kleben haben wollen und warum wir alle gern ein Eichhörnchen hätten, das auf uns lebt.
@astefanowitsch Danke für den Text. Muss jetzt überlegen, ob das oft bemühte Klischee vom „Wirbel um…“ in der Berichterstattung irgendwie auch zur Gesellschaft-als-Wald-Metapher passt…