Terra X, @tagesschau und bald #kolleg24. Freie Lizenzen sind im öffentlich-rechtlichen Rundfunk angekommen, um zu bleiben (https://netzpolitik.org/2023/neues-aus-dem-fernsehrat-93-durchbruch-fuer-freie-lizenzen-in-der-ard/). Bis dahin hat es aber über 15 Jahre gedauert.

Ein chronologischer Reflexions-Thread, auch damit es beim #Fediverse schneller geht, bis ARD, ZDF & Co dort ankommen.

Neues aus dem Fernsehrat (93): Durchbruch für freie Lizenzen in der ARD

Erklärvideos der Tagesschau, das neue Bildungsportal des Bayrischen Rundfunks: freie, Wikipedia-kompatible Lizenzen sind 2023 auch in der ARD angekommen. Was allerdings immer noch fehlt, sind die tarifvertraglichen Voraussetzungen für frei-lizenzierte Eigenproduktionen.

netzpolitik.org
2007: Eine Pionierin im Kampf für Creative Commons (CC) im öffentlich-rechtlichen Rundfunk war @meikerichter damals für den NDR tätig. Der Sender startete auch als erster in der ARD ein Pilotprojekt mit CC-Lizenzen, das bis heute Videos liefert: https://www.ndr.de/nachrichten/netzwelt/Creative-Commons-Kopieren-erwuenscht,creativecommonsindex2.html
(Ich selbst habe enorm von Meikes Wissen und ihrem Einsatz für offene Lizenzen im NDR profitiert, u.a. auch beim Verfassen des 2013 veröffentlichten @D64eV White Papers “Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk: Probleme und Potentiale” (http://www.dobusch.net/pub/pol/Dobusch(2014)White-Paper-CCimOR-D64.pdf) - mein Einstieg in die Debatte.)

2010 kündigte @sixtus dann an, seinen elektrischen Reporter (https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrischer_Reporter) unter Creative-Commons-Lizenz beim ZDF fortzuführen.

Diese ersten Experimente und Pilotprojekte mit CC-Lizenzen im öffentlich-rechtlichen Kontext nutzten jedoch restriktive Lizenzversionen, die kommerzielle Nutzung oder gar jede Bearbeitung ausschließen. Dadurch sind sie jedoch inkompatibel mit der frei lizenzierten Wikipedia und durften dort nicht eingebunden werden.

Elektrischer Reporter – Wikipedia

Leider konnte sich auch eine ARD-interne Arbeitsgruppe zu Creative Commons in einem 2014 geleakten Positionspapier (https://irights.info/artikel/endlich-creative-commons-im-oeffentlich-rechtlichen-rundfunk/24015) nicht zu einer Empfehlung für Wikipedia-kompatible Lizenzen durchringen. Grund: Minimierung von “rechtlichen Risiken.”
Endlich Creative Commons im öffentlich-rechtlichen Rundfunk? – iRights.info

Seit langem kursiert innerhalb der ARD ein vertrauliches Positionspapier, in dem dargelegt wird, ob und wie öffentlich-rechtliche Sender ihre Inhalte unter Creative-Commons-Lizenzen stellen sollten. iRights.info veröffentlicht nun diesen Bericht, den Leonhard Dobusch für uns analysiert. Die ARD bietet laut ihrem gesetzlichen Auftrag ein Programm rund um Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung. Ihr Ziel ist es, […]

iRights.info

Damals machte Oliver Passek CC-Lizenzen zum Thema im Telemedienausschuss des ZDF-Fernsehrats. Als ich 2016 selbst dort Mitglied wurde, war mein erster Beitrag eine Antwort auf die ablehnende ZDF-interne Stellungnahme, die Oliver erwirkt hatte: https://netzpolitik.org/2016/neues-aus-dem-fernsehrat-2-mehr-creative-commons-im-zdf/

Ganz allgemein war die Stimmung in ARD & ZDF nach den ersten CC-Erfahrungen ernüchtert: viel Aufwand, wenig klar messbare Vorteile. CC wurde eher als nischiges Anliegen von Nerds abgetan. Credo: wir haben Wichtigeres zu tun.

Neues aus dem Fernsehrat (2): Mehr Creative Commons im ZDF?

Im Ausschuss Telemedien des ZDF Fernsehrats war Creative Commons ein Thema, soviel ist öffentlich dokumentiert. Was sich dazu unter Wahrung der Vertraulichkeitsverpflichtung von einem Mitglied dieses Ausschusses noch öffentlich sagen lässt, darum geht es in der zweiten Folge der Serie

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Wichtiger waren ab 2016, v.a. auch mit dem Start des Jugendangebots #funk, sogenannte “Drittplattformen”: Facebook, YouTube, Instagram. Aber egal wie lang die Aufzählung relevanter Drittplattformen in Strategiedokumenten von ARD & ZDF auch war, eine Drittplattform fehlte immer: Wikipedia.

Und das, obwohl Wikipedia und öffentlich-rechtliche Medien ein Traumpaar sind (https://netzpolitik.org/2017/neues-aus-dem-fernsehrat-9-auf-der-republica-2017/). Auch wenn die Liebe zunächst einseitig von der Wikipedia Community ausging.

Neues aus dem Fernsehrat (9) auf der re:publica 2017

Die re:publica bot Gelegenheit, über das erste Jahr im ZDF-Fernsehrat zu reflektieren. Dabei ging es auch um die Frage, warum eigentlich öffentlich-rechtliche Inhalte vermehrt auf kommerziellen Plattformen wie YouTube und Facebook, nicht aber auf gemeinnützigen Plattformen wie Wikipedia präsent sind.

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2017 veröffentlichte Kurt Janssen, Wikipedianer und Gründungsvorsitzender von @wikimediaDE, eine Wunschliste an öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter (https://netzpolitik.org/2017/neues-aus-dem-fernsehrat-10-wunschliste-der-wikipedia-an-oeffentlich-rechtliche-rundfunkanbieter/), 2018 starteten Wikipedianer:innen die Initiative “Wiki Loves Broadcast”: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wiki_Loves_Broadcast
Neues aus dem Fernsehrat (10): Wunschliste der Wikipedia an öffentlich-rechtliche Rundfunkanbieter

Öffentlich-rechtliche Inhalte müssen auch auf gemeinnützigen Plattformen wie Wikipedia verfügbar sein. Die deutschsprachige Wikipedia-Community hat eine Liste mit Aufnahmen und Sendungen erstellt, die sie gerne aufnehmen würde. Die Enzyklopädie sollte nicht hinter kommerziellen Plattformen zurückstehen.

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Parallel dazu begann @wikimediaDE (ft. @cybernd & @lilliiliev) damit, jährliche Runde Tische mit beteiligten Stakeholdern zu organisieren: Redaktionen, Führungsebene der Sender, Gewerkschaft, Bildungseinrichtungen, Medienpolitik und Freiwillige in der Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Wikipedia:Wiki_Loves_Broadcast/Dokumentation

Mit dabei am runden Tisch waren öffentlich-rechtliche CC-Veteranen wie @sixtus aber auch Verantwortliche der ZDF-Doku-Reihe Terra X.

Wikipedia:Wiki Loves Broadcast/Dokumentation – Wikipedia

Bei ZDF Terra X konnte man sich 2019 zu einem weiteren Pilotprojekt mit 5 kurzen, frei lizenzierten Videos zum Thema Klimakrise durchringen: https://netzpolitik.org/2019/zdf-veroeffentlicht-terra-x-clips-unter-freier-lizenz/ bzw. https://netzpolitik.org/2019/terra-x-redaktion-zu-freien-lizenzen-oeffentlich-rechtlicher-bildungsauftrag/

Die verglichen mit früheren Pilotprojekten freiere Lizenz erlaubte der Wikipedia-Community, die Terra-X-Clips in mehreren Wikipedia-Artikeln einzubinden - die so ein neues, größeres Publikum fanden.

Neues aus dem Fernsehrat (46): ZDF veröffentlicht Terra-X-Clips unter freier Lizenz

Die ZDF-Dokureihe Terra X veröffentlicht erstmals Videos unter einer freien, Wikipedia-kompatiblen Lizenz. Die Clips liefern kurze Erklärungen zur Klimakrise - und belegen den öffentlich-rechtlichen Mehrwert von freien Lizenzen.

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Belohnt mit Reichweite baute Terra X 2020 das frei lizenzierte Angebot aus, veröffentlicht seither regelmäßig neue Videos: https://netzpolitik.org/2020/zdf-terra-x-baut-angebot-frei-lizenzierter-erklaervideos-aus/

In der ARD hingegen konnte man sich im selben Jahr 2020 beim neuen CC-Portal der Tagesschau zunächst immer noch nicht zu Wikipedia-kompatiblen Lizenzen überwinden (https://netzpolitik.org/2020/open-tagesschau-zu-restriktiv-fuer-grosse-reichweite/). Die Folge davon war das alte Lied: viel Aufwand Rechte zu klären, aber kaum Nutzung. Die Inhalte werden einfach zu wenig entdeckt.

Neues aus dem Fernsehrat (62): ZDF Terra X baut Angebot frei lizenzierter Erklärvideos aus

Terra X veröffentlicht 50 neue Erklärvideos unter freien Lizenzen, jede Woche sollen sich drei weitere dazugesellen. Freies Wissen kommt damit endlich im Regelbetrieb öffentlich-rechtlicher Medien an.

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Die frei lizenzierten ZDF Terra-X-Clips entwickelten sich währenddessen zur Erfolgsgeschichte mit inzwischen über 2 Millionen Zugriffen/Monat allein via Wikipedia. Folgerichtig wurde die Kooperation 2021 mit dem Wikipedia-Community-Preis “Wiki Eule” ausgezeichnet: https://twitter.com/leonidobusch/status/1444384214829387776
Leonhard Dobusch on Twitter

“Hochverdient. Einmal im Jahr würdigt die deutsche Wikipedia-Community mit der #WikiEule Menschen & Projekte für besondere Verdienste rund um die freie Enzyklopädie. Die "ProjektEule" 2021 ging an "Wiki Loves Broadcast" ft. @ZDF Terra X & @DeutscheWelle. Ein Jubel-Thread. 1/8”

Twitter
Die Gründe gegen freiere Lizenzen blieben über die Jahren dieselben: (1) Manipulationsängste, (2) wettbewerbsrechtliche Bedenken und (3) inkompatible Vergütungsreglen (vgl. dazu ein kompakter Buchbeitrag, warum 1+2 unbegründet und 3 lösbar ist: http://www.dobusch.net/pub/uni/Dobusch(2021)FreieLizenzen-OERR-PrePrint.pdf).
Noch sind freie Lizenzen in den öffentlich-rechtlichen Vergütungsregeln nicht vorgesehen, was dazu führt, dass beispielsweise das frei lizenzierte Bildungsangebot des BR #kolleg24 nicht hausintern, sondern über externe Dienstleister erstellt werden muss: https://netzpolitik.org/2023/neues-aus-dem-fernsehrat-93-durchbruch-fuer-freie-lizenzen-in-der-ard/
Neues aus dem Fernsehrat (93): Durchbruch für freie Lizenzen in der ARD

Erklärvideos der Tagesschau, das neue Bildungsportal des Bayrischen Rundfunks: freie, Wikipedia-kompatible Lizenzen sind 2023 auch in der ARD angekommen. Was allerdings immer noch fehlt, sind die tarifvertraglichen Voraussetzungen für frei-lizenzierte Eigenproduktionen.

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Fazit: Was lässt sich von der Geschichte freier Lizenzen bei ARD & ZDF für digitale Öffnung und Demokratisierung öffentlich-rechtlicher Angebote lernen, allen voran deren Engagement im #Fediverse?

5 Ableitungen >>

#1 “Ausdauer wird unterschätzt” (© @saschalobo) ist aber nicht genug. Zehn Jahre nach ersten öffentlich-rechtlichen Gehversuchen mit Creative Commons gab es kaum noch Bewegung in diese Richtung. Erst mehrere Anläufe mit unterschiedlichen Ansätzen von verschiedenen Stakeholdern führten zum Durchbruch.

#2 Dass etwas richtig ist, macht es noch nicht wichtig.

Dass Creative Commons und öffentlich-rechtliche Informations- und Bildungsinhalte gut zusammenpassen, war nicht genug. Erst das Eigeninteresse an Reichweite und Erschließung neuer Zielgruppen machten freie Lizenzen prioritär genug.

Für die Forderung nach öffentlich-rechtlichem Engagement im #Fediverse bedeutet das, dass abwarten allein nicht reichen wird. Auch wenn dezentrale Social-Media-Infrastruktur wie die Faust aufs öffentlich-rechtliche Auge passt, es muss klar herausgearbeitet werden, welches Problem die Anstalten damit gelöst bekommen.

#3 Es braucht Unterstützung von Innen:

Freie Lizenzen bei Terra X im ZDF sowie Tageschau & #kolleg24 in der ARD waren nur möglich, weil sich sowohl die Redaktionen selbst als auch Personen auf Leitungsebene dafür starkgemacht haben. Das #Fediverse wird auch Verbündete innerhalb von ARD & ZDF benötigen.

#4 Es braucht Unterstützung von Außen:

Nichts hilft den digitalen Pionier:innen in ARD&ZDF mehr, als Support von Dritten. Im Fall freier Lizenzen waren das z.B. verbesserte Tools zur Reichweitenmessung in der Wikipedia. Und natürlich auch öffentlicher, konstruktiv-kritischer Druck.

#5 Ein klar dokumentiertes Erfolgsbeispiel ändert alles.

Spätestens mit dem Ausbau des frei lizenzierten Terra-X-Angebots Mitte 2020 war klar: frei lizenzierte Inhalte sind möglich und werden genutzt - und jeglicher Fundamental-Opposition (“Das geht nicht.”) war so der Boden entzogen.

Ein solches Erfolgsbeispiel für öffentlich-rechtliche #Fediverse-Angebote fehlt bislang noch. @janboehm und sein det.social ist ein Pilotprojekt, aber wie die Anfänge von CC noch in der Nerd-Nische. Worum es gehen wird: direkt an die Mediatheken anzudocken und so Leute zu erreichen, die noch nie vom #Fediverse gehört haben.

Danke an alle, die bis hierher mitgelesen haben. Und ein besonders großes Danke an alle jene, die mitgeholfen haben, freie Lizenzen bei ARD & ZDF anzuschieben. <3

/end

@leonido
Was passiert eigentlich, wenn in einer Produktion, die für eine CC-Lizenz und damit für eine Bereitstellung auf einer entsprechenden Plattform, etwa Wikimedia, in Frage käme, Gema-lizensierte Musik vorkommt?
Das ist m.E. ja relativ oft der Fall und in diesem Moment m.W. ein Killerkriterium. GEMA und CC gehen nicht zusammen (oder?). Nun gibt es seit einiger Zeit C3S (@c3s), aber dieser Kraftakt ist noch längst nicht gestemmt.
Wie wird derzeit damit umgegangen?

GEMA und CC gehen inzwischen schon zusammen, allerdings nicht GEMA und freie Lizenzen.

Das bedeutet natürlich, dass entweder vorab mit GEMA-freier Musik gearbeitet, oder Musik nachträglich entfern werden muss.
@Herr_Irrtum @c3s

@leonido
@c3s
Ich selbst bin nicht bei der Gema, Musik von mir ist dennoch im ÖR gelaufen.
Ich gehe davon aus, dass die Verdachtsregelung gegriffen hat, sprich ARD+RBB (in meinem Fall) haben an die Gema gezahlt für das Spielen meiner Musik. Ich betrachte das als Diebstahl der Gema und bin entsprechend extrem Anti-Gema.

Das vorweg, wenn ich frage: Begünstigt das nicht eine gewisse Unfairness gegenüber MusikerInnen? Ideen für eine faire Vergütung dieser NonGema-MusikerInnen?

@leonido
Herzlichen Dank - sehr interessant! Und sehr relevant.