Wie könnte eine robuste #Wirtschaft in der #Klimakrise aussehen?

Hier ein Entwurf. Kurzfassung: an alle Menschen gleiche CO2e-#Rationen als Zweitwährung, welche von Betrieben zur Produktion genutzt werden. Dazwischen: freier Markt, welcher die CO2e-Emission für Produkte minimiert und ihren Preis einstellt. Nur Außenhandel und CO2e-Extraktion/Speicherung unterliegen dabei einer konkreten Kontrolle.

Doch zunächst: welche Bedingungen sollte ein solches Wirtschaftssystem mindestens erfüllen?

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1. Es muss sich *intrinsisch* innerhalb planetarer Grenzen bewegen, d.h. vorgegebene CO2e-Budgets einhalten, und zwar nicht durch äußere, in ihrer Wirkung schwer vorhersagbare Instrumente, sondern automatisch: als eingebaute Randbedingung.

2. Es muss sozial gerecht sein, d.h. ohne dass Reiche Armen ohne deren Zustimmung essentielle Lebensressourcen wegkaufen können: ein erfüllbares Grundrecht auf Ressourcen.

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3. Es muss freien Wettbewerb zur Maximierung von Kosten- und Ressourceneffizienz ermöglichen, dabei staatliches Mikromanagement möglichst vermeiden und keine ausufernde Bürokratie benötigen: Selbstorganisation und Skalierbarkeit.

4. Es muss sich kontinuierlich einführen lassen, d.h. zunächst ohne große Brüche und dann durch die Veränderung von Parametern bis hin zur vollständigen Transformation aus dem Ist-Zustand heraus: Evolution statt Revolution.

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5. Es muss auch in Interaktion und Handel mit traditionell verbleibenden Wirtschaftsräumen funktionieren, ohne diese aber auszubeuten oder das Ressourcenproblem auf sie zu verlagern: Kompatibilität mit der Außenwelt.

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Folgende Komponenten können zusammen meiner Meinung nach diese Bedingungen erfüllen (s. Skizze):

I. Ein digitales, zentrales Zahlungssystem. Jede natürliche Person im Wirtschaftsraum erhält ein kostenloses Konto für zwei Zahlungsmittel: traditionelles Geld auf der einen Seite (z.B. €) und eine einzuführende Emissionswährung andererseits (hier C genannt, z.B. 1C = 1 kg CO2e). Darüber hinaus erhalten weitere Teilnehmer (z.B. Unternehmen) Konten, evtl. mit kleinen Gebühren (in €).

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Ausschließlich Konten natürlicher Personen erhalten eine monatliche Ration an C. Zwischen beliebigen Konten sind kostenlose Überweisungen beliebiger Mengen an (€,C) möglich, mit der Einschränkung, dass C-Guthaben immer positiv sein müssen: es gibt keine negativen Salden. Das dafür nötige Clearing gegen “double spending” ist einfach, schnell (mindestens im Minutentakt) und energieeffizient, da es nur eine einzige zentrale Bank und Datenbank gibt.

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Die Gesamtmenge überwiesener C-Rationen entspricht der politisch-wissenschaftlich festgelegten Monatsemission des Wirtschaftsraumes, minus staatlicher Budgets für essentielle Infrastruktur und Starthilfen für Unternehmen (s.u.).

Privatbanken haben hier nur eingeschränkte Verdienstmöglichkeiten. Es gibt keine Kredite im Sinne von Schaffung von neuem C, denn Kredite müssen zu 100% mit vorhandenem C gedeckt sein - Zinsen sind nur in Form von € möglich, aber nicht in C.

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Unternehmen können Produkte herstellen und Dienstleistungen anbieten und legen die Preise hierfür nicht nur in € frei fest, sondern zusätzlich auch in C. Sie selbst unterliegen aber der Randbedingung, für Vorprodukte und Energieaufwand ebenfalls auch in C zahlen zu müssen. Dieser Umstand zieht sich durch jede Lieferkette, bis definierte Quellen und Senken von CO2e oder Außenhandel angetastet werden, welche gesondert staatlich reguliert werden:

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CO2e-Quelle 1: Extraktion fossiler Energieträger innerhalb des Wirtschaftsraumes, oder andere Aktivitäten, welche zu einer CO2e-Emission führen. Jede solche Extraktion / Aktivität wird monatlich gemeldet und evtl. geprüft. Eine entsprechende Menge an C wird dabei an die kontrollierende Instanz (C-Kontrolle) überwiesen. Der nötige Betrag in C kann logischerweise nur durch Handel (Rohstoff gegen € und C) erworben werden und setzt so C-Minimalpreise für die verkauften Rohstoffe fest.

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CO2e-Quelle 2: Import CO2e-enthaltender (Vor-)Produkte von außerhalb des Wirtschaftsraumes. Hierfür muss der entsprechende Betrag an C an die C-Kontrolle abgegeben werden. Die schwierige Schätzung, wie viel C in einem Produkt steckt, wird erleichtert durch die innerhalb des Systems selbst gebildeten C-Preise. Deren Durchschnitt könnte man als Startpunkt nutzen, oder Korrelationen zwischen Produkt(ions)merkmalen und C-Preisen - oder detailliertere Berechnungen.

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CO2e-Senke 1: Speicherung von CO2e innerhalb des Wirtschaftsraumes. Jede Entfernung von CO2e aus dem System (etwa durch Moore, Wälder, CCS...) wird von der C-Kontrolle mit dem entsprechenden Betrag an C belohnt und kann weiter verkauft werden. Es muss aber sichergestellt werden, dass CO2e dauerhaft gespeichert wurde; jede spätere Freisetzung kostet wieder C.

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CO2e-”Senke” 2: Export CO2e-haltiger Produkte, Rohstoffe, oder entsprechende Aktivitäten. Zum Kauf eines CO2e-haltigen Produktes muss ein Händler ja erst C an den Verkäufer gezahlt haben, um es dann außerhalb des Wirtschaftsraumes wieder zu verkaufen. Dieses kann es z.B. von anderen Teilnehmern durch Handel in € erhalten, aber nicht von Außerhalb. Je nach C-Preis wird Export also teuer. Explizites Eingreifen durch C-Kontrolle ist hier nicht nötig.

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II. Eine staatliche €-C Tauschbörse. Der C-Preis entsteht frei durch Angebot und Nachfrage und ist nicht gedeckelt. Jede Partei kann ohne Gebühren handeln, jedoch gibt es ein Frequenzlimit (z.B. 1-minütiger globaler Takt für den Preis), um unproduktiven Hochfrequenzhandel zu verhindern. Die Infrastrukturkosten trägt der Staat (s.u.). In C sparsame Menschen können Einkommen aus dem Verkauf gewinnen und umgekehrt.

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III. Zentralbank. Diese ermöglicht das Transaktionssystem und regelt die Zirkulation von C. Sie gibt ein monatliches Gesamtbudget an C aus, welches transparent einem politischen Emissions(reduktions-)plan folgt. Ein Teil dieses Budgets fliest in C-Infrastrukturausgaben (“infra”), der Rest als Direktzahlung an die Menschen des Wirtschaftsraumes. Zu infra gehören Ausfall-Kompensationen und Starthilfen für Unternehmen (s.u.), aber auch staatliche C-Ausgaben für Aufträge an Unternehmen.

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Es gibt bei der Transformation ein Henne-Ei-Problem: wie können Unternehmen Produkte produzieren und für Energie und Vorprodukte mit C bezahlen, wenn sie zu Beginn noch kein C durch eigenen Verkauf erworben haben? Hierzu sollten die Budgets zeitversetzt verteilt und eingesammelt werden, etwa ein paar Monate nur Verteilung und erst danach mit der C-Kontrolle beginnen. Außerdem könnte ein neues Unternehmen gefördert oder ein insolventes mit C gerettet werden.

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Generell können tatsächliche Abgaben in C auch fließend eingeführt werden, etwa beginnend mit 10% der tatsächlichen Menge und erst im Anpassungsprozess auf 100% gesteigert. Andererseits wird das staatlich ausgezahlte C-Budget auf nahezu 0 C zusteuern müssen, um planetare Grenzen einzuhalten. Hierfür müssen also mit der Zeit die CO2e-Senken zur einzigen Quelle des C-Budgets werden und die staatlichen Auszahlungen verschwinden (Kreislaufsystem).

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Danke fürs Lesen bis hierher. Bin dankbar für Kommentare, Fragen und Diskussionen!

P.S.: mir sind inzwischen Teile dieser Idee auch von anderen begegnet, etwa von Volker Plass in der Wiener Zeitung. Aber in der Gesamtheit habe ich bisher kein kohärentes Konzept gesehen – ich wäre sehr an ähnlichen Modellen interessiert.

Nachtrag: einige Folgerungen aus obigem System:

- Der Gesamtimport fossiler Energieträger oder CO2e-intensiver Produkte kann maximal dem ausgegebenen C-Gesamtbudget entsprechen. Es gibt keine Auslagerung der Emissionen in andere Länder.

- Exporte CO2e-intensiver Produkte speisen sich ebenfalls aus dem C-Budget. Wer z.B. Autos exportiert, reduziert damit die nutzbare Menge für alle Menschen im Inland.

- Menschen mit geringem Einkommen müssen sich nicht um Konkurrenz um Emissionsrechte sorgen. Im Gegensatz zum derzeitigen Emissionsrechtehandel besitzen sie die Rechte ja schon und können selbst entscheiden, ob sie durch C-Sparsamkeit und Verkauf von C ein €-Einkommen generieren. Aber niemand zwingt sie dazu.