1. Ich habe mal wieder einen Essay geschrieben, über die Klimakrise und die Frage: Was, wenn die besten Jahre vorbei sind. Selbst im besten Fall. Einerseits sollte in 25 000 Zeichen alles gesagt sein. Andererseits ist das hier ein anderer Rahmen, deshalb ein längerer Thread:
2. Hier ist der Text: https://spiegel.de/politik/deutschland/klima-krise-was-wenn-die-besten-jahre-vorbei-sind-a-6dc658c4-906d-4511-9d47-b65872bbe1dc (+) – es geht um etwas, das ich Schubumkehr der Geschichte nenne, ziemlich grundstürzende Fragen, denen wir selbst dann nicht entfliehen können, wenn wir ein Klimaschutzwunder vollbringen und das Paris-Ziel schaffen.
Leben in der Klimakrise: Was, wenn die besten Jahre vorbei sind?

Selbst wenn wir die Klimakrise bestmöglich eindämmen, wird es nun für Jahrzehnte instabiler, chaotischer, lebensfeindlicher. Uns geht ein wichtiges Versprechen verloren: Dass es schon vorwärtsgeht. Und jetzt?

DER SPIEGEL
3. Wenn wir über Klimaschutz sprechen, also darüber, wie wir Emissionen verringern und wo wir die Erhitzung dann stoppen können (Mitigation), schauen wir immer auf einen gewissen Endpunkt: eine Temperatur und ein Jahr. Zum Beispiel: 1,5 Grad mehr in 2100.
4. Oder 2 Grad mehr in 2100. Das ist aus vielen Gründen sinnvoll, aber nicht vollständig. Je nach Emissionsmenge und Erhitzung geht es nach 2100 zum Beispiel noch weiter, eventuell sogar sehr schnell sehr extrem.
5. Wir liegen aktuell mit den globalen Emissionen irgendwo zwischen einem Pfad, der nach IPCC-Modellierung in 2300 gut 3 Grad mehr bringt oder gut 8 Grad (was durchaus das Aussterben des Menschen bedeuten könnte).
6. Es gibt aber auch noch die Zeit vorher. Es gibt die Zeit bis zum Endpunkt der Erhitzung, der erst erreicht sein wird, wenn die menschengemachten Emissionen (und die vom Menschen angestoßenen natürlichen) bei 0 sind. Eine Zwischenzeit, ein Interregnum: unser Leben.
7. In dieser Zeit wird es, selbst wenn wir jetzt global die ökologische Transformation in revolutionärer Geschwindigkeit schaffen, noch ein ganzes Stück heißer. Und heißer heißt nicht überall und immer, aber im Mittel: instabiler, chaotischer, ungewisser, unplanbarer.
8. Ich glaube, wir haben noch überhaupt nicht auf dem Schirm haben, was das bedeutet – obwohl der Prozess natürlich schon ein paar Jahrzehnte läuft. Die Erwärmung ist ja bereits im Gange, aber sie geht weiter und die Folgen werden immer und immer spürbarer.
9. Zu oft verlaufen Auseinandersetzungen irgendwo zwischen düster-dystopisch-zynischer Beschwörung der totalen Apokalypse oder naiv-frohgemuter Hoffnung darauf, dass schon alles gut wird. Doomer vs. "Ok, Doomer". Beides ist unrealistisch, beides hilft nicht.
10. Dazwischen liegt die Wirklichkeit: Erstens eine menschenfeindlichere, aber nicht apokalyptische Welt. Zweitens, und das ist eben das entscheidende, eine sich verändernde. Jede 5-Jahres-Periode wird die heißeste unseres Lebens sein – und die kühlste unseres restlichen Lebens.
11. Wir kämpfen dagegen, dass die Zukunft höllisch wird, aber wir müssen anerkennen, dass die Rahmenbedingungen für Freiheit, Frieden, Wohlstand, Glück sich verschlechtern, und zwar für eine ganze Weile beständig verschlechtern.
12. Das ist nicht der Untergang, es kann auch noch gut werden, sogar besser in mancher Hinsicht. Aber es wird künftig immer schwieriger, den Umständen das gelingende Leben abzuringen, die Sicherheit, das Glück. Oder auch: abzutrotzen. Es zu schaffen: trotzdem.
13. Diese Erkenntnis bedeutet eine völlig neue Verortung in der Zeit. Viele Menschen hatten nie die Erwartung, dass die Zukunft besser sein *wird*. Aber viele konnten hoffen, dass sie weniger beschwerlich, weniger unsicher sein *könnte*. Beschwerlicher wird sie aber gewiss.
14. Diese Einsicht verändert den Blick auf die Zukunft, damit auf die Gegenwart, damit auf die gesamte Lebensgestaltung. Es verändert den Blick auf die Vergangenheit, weil es bisherigen Handeln und Unterlassen in ein neues Licht rückt.
15. Es gab immer unvorhergesehene Schocks, den Eindruck der Katastrophe ins Leben. Es gab auch Situationen, in denen keine Aussicht auf Besserung bestand. Aber es gab selten (wahrscheinlich nie) diese Gewissheit der wachsenden Ungewissheit.
16. Im Blick zurück lässt diese Erkenntnis Schuldgefühle reifen (warum habe ich nicht früher gehandelt?), Scham (wie soll ich denen, die jetzt jung sind, entgegentreten?), Trauer (über das, was verloren geht), Zorn (warum befeuern Menschen immer noch diese Zerstörung?).
17. Im Blick nach vorn stellt sich grundsätzlich die Frage: Wie plant man eigentlich? Investieren, einen Kredit aufnehmen, lernen, eine Ausbildung machen, eine Karriere planen, eine Familie gründen - alles setzt eine gewisse Zukunftszuversicht voraus.
18. Die kann man natürlich immer noch haben, aber wenn sie sich nicht aus Verdrängung speisen soll, hat sie es nun immer schwerer als bislang. Planung setzt Planbarkeit voraus, eine gewisse Stabilität – und nicht wachsende Ungewissheit.
19. Besonders gravierend ist das auch für Politik: Die ist ja auch, wenn sie nicht destruktiv (todeskultig faschistisch) ist, darauf angewiesen, dass man glaubt, das Leben durch aktives Handeln gestalten und letztlich verbessern zu können.
20. Es unterscheidet sie von Religion, dass sie ganz und gar irdisch ist, und von Verwaltung, dass sie einen utopischen Überschuss braucht, dass sie nicht nur verwaltet, sondern immer auch verspricht und anstrebt und formt.
21. Geht natürlich alles weiterhin, aber das Versprechen, so zu gestalten, dass es weniger schlimm wird (verglichen mit einem kontrafaktischen Szenario) oder dass es in Summe (anders) besser wird, auch wenn manches schlechter wird, ist schwer zu vermitteln.
22. Ich glaube, wir sehen diese Zwischenzeit, dieses Interregnum zwischen Heute und dem Ende der Erhitzung, zwischen der Gegenwart und der Netto-Null-Welt, dem Zustand jetzt und dem Zustand dann noch gar nicht richtig.
23. Wir müssen weiter alles tun, um die Erhitzung bestmöglich zu bremsen, um die Transformation schnellstmöglich zu schaffen – aber zugleich müssen wir auch auf die Zeit vorher schauen. Wenn man so will: mentale, lebensplanerische und politisch-ideoligische Adaptation betreiben.
24. Wir sind gerade erst dabei, zu erahnen, wie sehr diese Schubumkehr der Geschichte unser individuelles und kollektiv-politisches Denken, Fühlen und Handeln verändern muss. Ehrlich gesagt: Verändern wird, unweigerlich.
25. Ich glaube, wir müssen versuchen, vorzudenken, vorzufühlen, Szenarien zu entwerfen, uns einzustellen auf die Zumutungen, die selbst im besten Fall kommen, damit wir nicht überwältigt werden. Damit wir einen Weg finden können, den Umständen das gelingende Leben abzutrotzen.
@beimwort Ein Thread, der Gänsehaut macht.

@beimwort: Danke für diese Herleitung.
Gibt es Untersuchungen, welche Auswirkungen die #Warmzeit im #Mittelalter auf die Menschen hatte?

Denn während etwa 500 Jahren (zw. 800 und 1300) war das #Klima in Europa ja wärmer als heute. Im Mittelmeer hat besonders der Osten unter akuten #Dürren gelitten, der Spiegel des Kaspischen Meers ist stark zurückgegangen und in der Schweiz sind die #Gletscher praktisch weggeschmolzen.

Was hat das mit den Menschen gemacht? Können wir daraus lernen?

@avedik @beimwort Wir hatten während der Mini Eiszeit im mittelalter den Hexenwahn.
@beimwort Der Klimakrise geht irgendwie eine andere Krise mit voran; Politik ist das Ausgleich schaffen zwischen Interessen, aber die Gewichtung zwischen den Interessen ist schief - der Unfall und seine langen Folgen sind zu sehen und werden immer klarer, aber gefühlt lenkt ein Autoverkäufer per Fernsteuerung und die Türen sind verriegelt.
@beimwort zum Buch: spannender Titel. Der Thread lässt mich unschlüssig:
Klima & Demokratie bedingen einander - Haken dran. Aber welche Dimensionen behandelt das Buch?
-Gesellschaftsvertrag (wie entscheiden wir, _gemeinsam_ damit umzugehen)
-Einstellung (wie entscheidet das Individuum)
-Wirtschaftssystem (Markt als Regulator von Eigeninteressen)
-(Geo-)Politik (Autokraten vs. Demokraten, Machtstrategiem dieser)
-Migration/Kultur (unbewohnbare Gebiete - Einwanderung in andere Kulturkreise)
- …
?
@beimwort dieser Text klingt, so bedrückend er scheint, noch deutlich optimistischer, als ich die Zukunft einschätzen würde, ohne mich selbst jetzt also Doomer zu bezeichnen.
Querdenker, QAnon und Reichsbürger geben einen Ausblick darauf, wie der Mob auf die Krise reagiert.
Die Adäquate zu Geißlern, Hexenverbrennungen, Kinderkreuzzügen...
Über 40% der Amerikaner wählen eine wahnhaft aufgestellte Partei. Wir beobachten auch in Europa eine asymmetrische Radikalisierung der Konservativen,

@beimwort denen die Option, die Welt zu lassen wie sie ist, zusehens verloren geht und die immer aggressiver und immer verzweifelter gegen Veränderungen ankämpfen.

Wir werden politische Veränderungen erleben, die weitaus massiver sein werden, als die klimatischen.
Auch der russische Imperialismus ist ja eine Verzweiflungstat, eines Imperiums das auf den Verkauf fossiler Rohstoff angewiesen ist. Dessen Bevölkerung schwindet, dessen Permafrostböden sich öffnen werden.
Corona wird nicht die

Die Herausforderungen unserer Zeit sind nicht technischer, sondern sozialer Natur | Zwillingssterns Weltenwald | 1w6

Sa, 12/31/2016 - 22:00 — Draketo Wie entscheiden wir wohin wir gehen? Und warum? PDF Gesprochenvon Tallur Zu Gesundheit und der Energiewende, zur Zukunft der Mobilität oder zu Handys lese ich viel von neuen Technologien. Und für viele Techniker sind rechtliche oder gesell­schaftliche Frage­stel­lungen „Nicht-Probleme“. Aber wenn ich mir die Welt anschaue, d... 1w6

@beimwort Ein beeindruckender und in seiner Plausibilität bedrückender Thread!
@beimwort Es könnte auch sein, dass die "Schubumkehr" dazu führt, dass die Menschen nach dem Motto "jetzt erst recht, es wird ja nur schlimmer" leben und alles mitnehmen, was noch möglich ist - egal wie Klima-schädlich es sein mag.
@humanvoice Ja, die Gefahr besteht absolut.
@beimwort Deshalb pflanze ich einen Food-Forrest und baue meine eigenen Kartoffeln an.
@beimwort 👆Dieser Thread sollte die Grundlage für jede #solarpunk Erzählung sein.

@beimwort Wir können zumindest Hoffnung daraus schöpfen, dass viele Jobs heute ge-missmanagte bullshit-jobs sind.¹ Wenn die 70%, die das Gefühl haben, in ihrem Job nichts sinnvolles zu tun, stattdessen etwas sinnvolles tun könnnten (könnten, weil das jemand bezahlen muss), hätten wir noch sehr viel Puffer, um schlechtere Bedingungen ohne Wohlstandsverluste abzufangen.

¹: https://www.youtube.com/watch?v=ZtTbbeCzVlw

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