Dieser 🧵 ist für all jene die meinen: Klimabewegung ja, aber doch nicht so... der lästige Protest in Museen, auf Straßen, inmitten der Gesellschaft schadet der Sache usw. Ich habe da tolle Evidenz für Euch, damit ihr das anders sehen könnt! 1/
Am überzeugendsten finde ich einen geschichtlichen Vergleich mit der US-Bürgerrechtsbewegung (BRB). So kann man am besten „das große Ganze“ erkennen, das man heute kaum sieht, wenn man mittendrin ist. 2/
Besonders spannend: Wie der Staat und die weiße Mehrheit der Amerikaner damals die Bürgerrechtsbewegung sah – und was sie dennoch erreicht hat. Die Parallelen sind teils unglaublich, aber alles andere als überraschend. 3/
Anliegen: Beide Protestbewegungen richten sich gegen legale aber moralisch verwerfliche Praktiken: damals Diskriminierung nach Hautfarbe, heute Gefährdung der Zukunft durch unseren fossilen Lebensstil und dessen Emissionen. 4/
Letzteres ist legal aber moralisch längst verwerflich. Wir diskriminieren dabei den Globalen Süden, Junge & zukünftige Generationen. Irgendwann werden das die meisten als ein Verbrechen an der Menschheit erkennen. Noch nicht. 5/
https://kurier.at/politik/inland/klimakrise-verbrechen-an-der-menschheit-das-wir-noch-bitter-bereuen-werden/402117756
"Ein Verbrechen an der Menschheit, das wir noch bitter bereuen werden"

Reinhard Steurer, Professor für Klimapolitik an der BOKU, sieht den ineffektiven Klimaschutz als „Verbrechen an der Menschheit“ und nennt Österreichs Ambitionen „Scheinklimaschutz“

kurier.at
Bis dahin halten wir krampfhaft an unserem fossilen Status Quo fest und finden alles störend, was diesen in Frage stellt. So wie ein Feueralarm störend ist, wenn man gerade im Kino sitzt. Wir sitzen täglich im Kino fossiler Illusionen. 6/
https://twitter.com/ReiSteurer/status/1596787463850102784
Reinhard @[email protected] on Twitter

“Man kann zu konkreten Aktionen der Letzten Generation stehen wie man will, aber eines ist sicher: Sie sind der Feueralarm für eine schlafwandelnde Gesellschaft in einer brennenden Welt - und Wissenschafter bekräftigen: das ist kein Fehl- und kein Probealarm. Das ist ernst. 7/”

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Aktionsmix: Beide Bewegungen haben ĂĽber viele Jahre alles ausgeschöpft: Klagen, Demonstrationen, ziviler Widerstand – bei Klima bis 2022 v.a. abseits des Alltags der Menschen (d.h. in Kohlegruben, bei StraĂźenbaustellen und Kraftwerken), dank @[email protected] uva. 7/
Ähnlich wie bei den Anfängen der Bürgerrechtsbewegung war all das zu wenig: Die Gesellschaft ist noch nicht zu jenen Verhaltensänderungen bereit, die für rasche Emissionsminderungen nötig sind. 8/
"Direct Action": Haben Bürgerrechtskämpfer „die Richtigen“, also „die Mächtigen“ gestört? Nein, Rosa Parks hat nicht vor oder im Kapitol die Regeln verletzt. Sie ist einfach im Bus sitzen geblieben – und hat damit viele PendlerInnen gestört. 9/
Der Bus fuhr nicht mehr weiter, bis die Polizei kam und sie mitgenommen hat. Andere machten es ihr nach – und es war lästig. Und natĂĽrlich wurde sie eingesperrt weil Gesetzesbruch. (Dank an @[email protected] fĂĽr dieses Detail). 10/
Hätte sie mehr bewirkt, wenn sie im Kapitol protestiert hätte? Nein, weil ziviler Widerstand dort am meisten wirkt, wo er unangenehm ist: mitten in jener Gesellschaft, die moralisch auf einem Irrweg ist. Und ja: wir sind moralisch längst auf einem Irrweg. 11/
Wie die Bürgerrechtskämpfer hat nun auch die Klimabewegung angefangen, den Alltag der Menschen zu stören, z.B. durch Straßenblockaden. Was wir bei Ersteren längst als legitim akzeptieren, sehen heute viele heute als störend, rücksichtslos, gefährlich 12/
https://twitter.com/ToBeThatGuy_/status/1601575077094469633?s=20&t=oKp7MGaVYliybNDBOwY_HQ
Kyle Topfer on Twitter

“@zeevrosenberg @AufstandLastGen "Purer Egoismus und Narzissmus!"”

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Und jetzt kommts: bei der Bürgerrechtsbewegung war das genauso. GANZ GENAU SO. Sie war für eine rassistische Gesellschaft ungefähr so lästig, wie eine echte Klimabewegung es für eine Gesellschaft sein muss, die zu 70 und mehr Prozent von Fossilenergie abhängig ist. 13/
Akzeptanz: Bürgerrechtler waren lästig, störten den Alltag im Bus & Restaurant. Somit waren sie sehr unbeliebt & eine Mehrheit der Weißen war der Meinung, dass die Schwarzen damit der Sache schaden. Aus heutiger Sicht kaum zu glauben aber wahr. Und was für eine Parallele! 14/
Das blieb lange so, obwohl längst Erfolge sichtbar wurden. Es fällt eben nicht leicht, seine vorgefertigte Meinung zu ändern und zuzugeben, dass man das viele Jahre falsch eingeschätzt hat. Heute wissen wir: ohne zivilen Widerstand hätte die Rassentrennung länger gedauert. 15/
Reaktionen: Auf die Proteste der Klimabewegung reagieren Betroffene heute ähnlich wie weiße Amerikaner damals: ablehnend bis wütend. Was wir mit Abstand sehen können: sie lagen damals sehr falsch. Und heute ...? Photo: Fred Blackwell 16/ https://youtu.be/N29fnsI-GSU?t=320
Jackson Woolworth's Sit-In

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Protagonisten: Kann es sein, dass die Helden von heute "die Kriminellen" von gestern sind? Ja, genau so. King war damals gehasst & vom FBI verfolgt.
Kann es sein, dass die Kriminalisierten von heute die Helden von morgen sein werden? 17/
https://twitter.com/Americas_Crimes/status/981627054201458689
American Values on Twitter

“In the 1960s, the FBI subjected Dr. Martin Luther King Jr. to a massive surveillance/harassment campaign. The FBI labeled him a “National Security Threat”, attempted to prove his “communist ties”, tapped his phone & sent him a letter urging him to kill himself. #MLK50”

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Ja, hoffentlich. Jedenfalls, wenn sie ein Umdenken bewirken können. Wenn das nicht gelingt, wird man sie für das Versagen der Gesellschaft mitverantwortlich machen. "Wir hätten ja ..., aber die haben so polarisiert und dem Klimaschutz geschadet..." 18/
Völliger Unsinn, aber was sagt & glaubt man nicht alles, um eigene Schuld zu minimieren und sie dafür anderen zu geben. Wenn das so kommen sollte, dann erinnert das daran, dass an der Flut im Ahrtal auch die Umweltschützer Schuld sind. Seht selbst. 19/ https://twitter.com/ReiSteurer/status/1442976667740348417
Reinhard @[email protected] on Twitter

“Totholz für die Überflutungen verantwortlich zu machen, was für eine kreative Verleugnung von Klimakrisen-Folgen. So kann nochmal alles bleiben wie es ist - bis nichts mehr so ist wie es einmal wahr. Sehenswert, ab 4.20 via @ThomKlei https://t.co/VSUDZRbGlE”

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Kriminalisierung: Damals wurde nicht nur King sondern die gesamte Bewegung kriminalisiert. Und heute...? Gut ist, dass die Letzte Generation Sprecher- & Führungsrollen auf mehrere Personen verteilt. So ist es schwerer, sie empfindlich zu schwächen. 20/
https://affinitymagazine.us/2018/04/05/half-century-legacy-investigating-the-fbis-criminalization-of-mlk/
Half-Century Legacy: Investigating The FBI’s Criminalization Of MLK – Affinity Magazine

Polarisierung: Der Klimabewegung wird vorgeworfen, sie polarisiere die Gesellschaft. Ja, auch das hatten wir schon. Der arme KKK, der durch die aufmüpfigen Schwarzen provoziert wurde. Bitte nicht schon wieder Opfer-Täter-Umkehr. Danke. 21/ https://www.youtube.com/watch?v=J8WnT6v_W3o&t=206s
The Heinous 1961 KKK Attack on the Freedom Riders

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Als im Dez 21 Feuer im #Lobaubleibt Protestcamp in Wien gelegt wurde, meinte der Bürgermeister von Wien, der Vorfall sei „auf jeden Fall ein Zeichen, dass ein rechtsfreier Raum in einer Stadt nicht von Vorteil ist“. https://orf.at/stories/3242105/ 22/
Lobau-Protestcamp: Regierung verspricht nach Brand Aufklärung

Im Camp der Aktivistinnen und Aktivisten in der Wiener Lobau ist in der Nacht eine Holzhütte abgebrannt. Verletzt wurde niemand. Im Raum steht aber der Verdacht der Brandstiftung – weshalb auch der Verfassungsschutz ermittelt. Auch aus der Bundesregierung meldeten sich erste Stimmen – und versprachen rasche Aufklärung.

ORF.at
Ein Rassist aus Alabama hätte das 1961 nach dem KKK-Brandanschlag auf einen Bus der "freedom riders" genau so sagen können. Gratulation zu dieser verbalen Entgleisung, für die sich der Bürgermeister bis heute nicht entschuldigt hat. 23/
Moral: Die Rassentrennung war nicht ohne moralische Revolution zu überwinden und bei der Klimakrise ist es ebenso. Wir können sie nicht mit Technik allein lösen, sondern wir brauchen Akzeptanz für Verhaltensänderungen, ob bei Mobilität oder Ernährung. 24/
Genau da setzt ziviler Widerstand an. Bei der Letzten Generation geht es nicht primär darum, ob sie das geforderte Tempolimit durchsetzen können. Es geht darum, über mediale Diskussionen einen gesellschaftlichen Lernprozess in Gang zu setzen. 25/
Dieser Diskurs ist die Voraussetzung für Tempolimits und viele andere Regulierungen. Ohne „Moralisieren“ keine angemessenen Lösungen. Ohne zivilen Widerstand kein angemessenes „Moralisieren“. 26/
Insofern hat die Bewegung genau das richtige Ziel gesetzt: eines, in dem es nicht um Technik, sondern um Moral und Verantwortung geht. Als Gesellschaft können wir jetzt beweisen, ob wir es ernst meinen, mit der Zukunft dieser Zivilisation. 27/
An der "Letzten Generation" stimmt nicht nur der Name (inspiriert von Obama, falls woanders ohne Quellenangabe gesehen). Es stimmen auch die Forderungen, die Protestformen & die Botschaften der Sprecherinnen. Kurzum: Danke fĂĽr Euren Einsatz! 28/ https://twitter.com/BarackObama/status/514461859542351872
Barack Obama on Twitter

“"We are the first generation to feel the effect of climate change and the last generation who can do something about it." —President Obama”

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Der Thread zu zivilem Widerstand fĂĽr BĂĽrgerrechte damals & Klimaschutz heute im ThreadReader https://threadreaderapp.com/thread/1604513472779554817.html
Thread by @ReiSteurer on Thread Reader App

@ReiSteurer: Dieser 🧵 ist für all jene die meinen: Klimabewegung ja, aber doch nicht so... der lästige Protest in Museen, auf Straßen, inmitten der Gesellschaft schadet der Sache usw. Ich habe da tolle Evidenz für E...…